Spieletest: Little Big Planet - knuddelige Sackgesichter
Jump and Run für Playstation 3 begeistert nicht nur mit leistungsfähigem Editor. Ausgerechnet auf einer Häkelpuppe namens Sackboy ruhen Sonys größte Hoffnungen im anstehenden PS3-Weihnachtsgeschäft. Aber: Der Knuddelcharakterkopf und seine Kumpane haben sich die Vorschusslorbeeren verdient - Little Big Planet ist eines der besten Playstation-Spiele geworden.
Erst mal grundsätzlich: Little Big Planet ist ein Jump and Run. Ein klassisches sogar: In Seitenansicht scheuchen Spieler die Hauptfigur Sackboy durch unterschiedlich gestaltete Level, springen über Hindernisse, weichen Fallen aus, schwingen sich von Seil zu Seil, schieben und ziehen Gegenstände, hüpfen über bewegliche Plattformen und legen sich mit fiesen Endgegnern an. Das Ganze ist allerdings so schön, stimmig und bewegend in Szene gesetzt, dass selbst hartgesottene Computerspieler rasch mit einer Begeisterung daddeln, wie sie sonst eigentlich nur bei etablierten Helden vom Schlage eines Mario aufkommt.
So treibt sich Sackboy in prächtigen Märchengärten ebenso herum wie in der heißen Savanne, er hüpft durch wunderschön designte Tempel und weicht in einer Gruselwelt Skeletten aus, tobt durch den Wilden Westen und stöbert im Schnee. Die Kontrahenten und brenzligen Stellen variieren passend dazu: Böse Banditen oder Dinosaurier hier, bissige Krokodile und heiße Brandherde dort.
Möglichkeiten, das eigene Stoffleben auszuhauchen, gibt es in Hülle und Fülle. Was sich die ersten Level lang noch äußerst einsteigerfreundlich spielt, wird mit gestiegener Gegnerzahl, rotierenden Ebenen, zahlreichen fahrbaren Untersätzen und unliebsamen Überraschungen mehr und mehr zu einer äußerst fordernden Angelegenheit. Zwar gibt es mehrere Rücksetzpunkte in den jeweiligen Arealen, aber auch die nutzen nach dem Aushauchen des letzten Lebens nicht mehr. Dann muss der Spieler den gesamten Level neu spielen.
Eine zusätzliche Schwierigkeit, besonders für Einsteiger, ist das 3-Ebenen-System: Zwar bewegt sich Sackboy ganz klassisch meist von links nach rechts und zurück, allerdings läuft er dabei im Grunde auf drei Schienen, wahlweise in der Mitte sowie im Vorder- oder Hintergrund. Das Spiel wechselt teils automatisch zwischen diesen Ebenen, um an Hindernissen vorbeizukommen, allerdings nicht immer voll und ganz logisch, was leicht für Verwirrung sorgt. Auch sonst hakt die Steuerung von Zeit zu Zeit; kein gravierendes, aber doch auffälliges Problem. Ebenfalls extrem unschön: Immer wieder gibt es Sackgassen in den Levels, an denen ein Weiterkommen nicht möglich ist. Wenn sich beispielsweise ein Papp-Auto an einer schiefen Ebene verkeilt, ist der arme Sackboy machtlos und kann schieben, ziehen und drücken, wie er will - es hilft alles nichts. Einziger Ausweg ist ein freiwilliges Rücksetzen per Knopfdruck an den letzten Kontrollpunkt.
Die Levels lassen sich wahlweise mit insgesamt vier Personen off- oder online durchspielen. Das macht vor allem im Koop-Modus viel Spaß und ist durchaus nützlich: An bestimmten, vom Spiel gekennzeichneten Stellen lassen sich Bonusräume nur durch Teamwork erreichen. Beispielweise müssen zwei Schalter gleichzeitig betätigt werden, oder ein Spieler muss eine Wippe herunterdrücken, damit der zweite daran vorbeilaufen kann. Zudem erhöht das den Wiederspielwert, der ohnehin recht hoch ist - schließlich gibt es nach jedem Levelende eine Bewertung, mit der Spieler online konkurrieren können. Vor allem aber warten in allen Welten Überraschungen: Einerseits sind das kleinere Minispiele. Andererseits unzählige Items, Sticker, Dekomaterialien und andere Objekte, die nach und nach für den Editor freigeschaltet werden.
Stichwort Editor: Während er bei anderen Spielen meist nette Dreingabe ist, stellt er in Little Big Planet ein zentrales Spielelement dar. Zwar strotzen die 50 mitgelieferten Levels schon vor Ideen, putzigen Momenten und überraschenden Einfällen und bieten viel Inhalt fürs Geld. Little Big Planet erlaubt es dem Spieler mit seinem Baukasten allerdings, Dinge zu erschaffen, die nicht einfach das Vorgegebene in neuer Reihenfolge abbilden. Hier ist es möglich, eigenständige Welten zu erschaffen, diese dann online zu testen und der Community verfügbar zu machen.
Die bisher im Internet erhältlichen Ergebnisse sind zum Teil schon mehr als beachtlich: Wer die bisher populärsten Ergebnisse durchstöbert, wird so beeindruckende Areale wie einen Space-Invaders- oder einen Zelda-Level finden - komplett erschaffen mit all den Extras, die der Editor bietet. Allerdings lässt sich das nicht nebenbei bauen; so mächtig die Tools sind, so fordernd und komplex sind sie auch.
Zunächst muss sich der angehende LBP-Designer unzählige Tutorial-Videos anschauen, die fast schon zu detailliert beschreiben, was wie genutzt werden kann. Danach kann er loslegen: Gegenstände, Verkleidungen, Bonuspunkte, Soundeffekte - alles kann und darf kombiniert, gezoomt oder gar verformt werden. Wie im Spiel selbst spielt dabei auch die Physik eine große Rolle. Ob Sackboy mit einem Raketengefährt auf ein Hindernis prallt, mit Jetpack durch die Luft jagt, Holz mit Gummi kombiniert oder Gegenstände durcheinanderpurzeln: alles verhält sich recht glaubwürdig. Bevor die eigenen Kreationen würdig sind, der Community vorgestellt zu werden, vergehen leicht zahlreiche Stunden.
Auch sonst können Spieler in Little Big Planet jede Menge Zeit verbringen, ohne sich mit dem eigentlichen Spiel auseinanderzusetzen. Beispielsweise verändert ein Druck auf die Richtungstasten Sackboys Laune von himmelhochjauchzend über deprimiert bis hin zu todtraurig. Zahllose Dekogegenstände erlauben es, seine Zentrale, von der aus die Level angewählt werden, wohnlicher oder kunterbunt zu gestalten. Die wahnwitzig vielen Sticker, die Spieler sammeln, dürfen sie wirklich überall hinkleben, auf Gegner ebenso wie auf jeden Levelgegenstand oder auf Sackboy selbst. All diese Aktionen haben nicht wirklich einen Sinn - machen aber verdammt viel Spaß.
Die Präsentation fügt sich nahtlos ins Bild. Angefangen von Sackboys Animationen über die ebenso angenehme wie eingängige Hintergrundmusik, den guten deutschen Sprecher, die witzig-charmanten Videos im und zwischen den Levels sowie die bunte Optik, die den unterschiedlichen Materialien von Plüsch über Stoff bis hin zu Pappe und Gummi das richtige Äußere verpasst, wirkt Little Big Planet bis ins kleinste Detail durchkomponiert und liebevoll durchdacht.
Little Big Planet ist ab sofort zum Preis von 70 Euro exklusiv für die Playstation 3 im Handel erhältlich. Zudem gibt es ein PS3-Bundle mit der 80-GByte-Festplatte für 400 Euro. Die USK hat das Spiel ab sechs Jahren freigegeben.
Fazit: Herzerwärmend, knuddlig, einsteigerfreundlich, vielseitig, fordernd - die Entwickler von Media Molecule wollten extrem viel in Little Big Planet hineinpacken, und (fast) alles ist ihnen geglückt. Die Steuerung mag manchmal hakelig sein, der Schwierigkeitsgrad nimmt später rasant zu, der Editor erfordert einiges an Einarbeitung - aber das sind Kleinigkeiten angesichts der Stärken des Titels. Allein schon die unglaublich gute Mimik und Gestik von Sackboy ist dermaßen gelungen, dass es mehr Spaß macht, dem Hauptcharakter zuzusehen, als so manch anderen Titel zu spielen.
Little Big Planet überwältigt mit seinem Charme, seinen zahllosen Details und der überbordenden Kreativität. Kurzum: Sackboy hat das Potenzial, bald in einem Atemzug mit anderen unsterblich gewordenen Videospielhelden genannt zu werden.