Wie das neue User-Interface für Firefox entsteht

Hinweis: Die in diesen Artikel eingebundenen Videos sind im englischen Original und in einer Version mit deutscher Übersetzung verfügbar.
Aza Raskin(öffnet im neuen Fenster) ist 24 Jahre alt und knüpft an die Arbeit seines 2005 verstorbenen Vaters Jef Raskin an. Der gilt als Vater des Mac und arbeitete schon daran, die Schnittstelle zwischen Mensch und Computer humaner zu machen. Der Sohn hielt mit zehn Jahren seinen ersten Vortrag zum Thema User Interface, mit 21 Jahren gründete er mit Freunden die Firma Humanized(öffnet im neuen Fenster) , zwei Jahre später Songza , um zu demonstrieren, wie eine "menschliche Benutzerschnittstelle" ("human interface") für Musik aussehen kann. Mit Golem.de traf sich Raskin im Keller der C-Base(öffnet im neuen Fenster) in Berlin.
Zwei Dinge sind für Raskin entscheidend, damit Interfaces humaner werden können: Das Ziel muss sein, Interfaces quasi unsichtbar zu machen; und um dahin zu kommen, bedarf es großer Experimentierlust.
"Auf wie viele Dinge kann sich ein Mensch gleichzeitig konzentrieren?" , fragt Raskin und antwortet: auf eine. "Dennoch entwickeln wir die ganze Zeit Systeme, die uns zwingen, zwei Tasten, die 10 Meter entfernt voneinander sind, gleichzeitig zu drücken. Wir sollen zwei Sachen gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit schenken, wir sollen den Systemzustand im Kopf haben, wenn wir eine Aktion durchführen. Das geht immer schief."
Undo statt Warnung
Damit es nicht schiefgeht, sollten User-Interfaces gegenüber dem Gewohnheitstier Mensch tolerant sein. Wer kennt nicht die Frage beim Schließen von Word oder Firefox: Wollen Sie die Änderungen speichern? "Sie klicken nein, wie hunderte Male zuvor, und denken im gleichen Bruchteil der Sekunde: Nein, genau diesmal wollte ich speichern. Doch es gibt kein Zurück." . Ein humanes Interface, so Raskin, ersetzt deshalb den Warndialog durch die Möglichkeit zum Rückgängigmachen(öffnet im neuen Fenster) .
Das beste Interface ist kein Interface
Wenn man es richtig macht und sich weiter dem bestmöglichen Interface nähert, behauptet Raskin, dann bleibt am Ende eigentlich kein Interface mehr übrig. Denn das beste Interface ist kein Interface. "Wenn ein Interface-Designer seinen Job perfekt macht, bekommt das keiner mit. Das ist traurig, aber dennoch ein erstrebenswertes Ziel."
Die Awesomebar ist aber auch ein Beispiel dafür, wie schwierig es ist, Änderungen am User-Interface durchzuführen. Schließlich teilen nicht alle Nutzer Raskins Einschätzung, dass mit der Awesomebar alles besser geworden ist. So mancher nutzt die Firefox-Erweiterung Oldbar(öffnet im neuen Fenster) , um der Awesomebar in Firefox 3 zumindest das Erscheinungsbild von Firefox 2 zu verpassen. "Menschen fürchten sich oft vor Veränderungen" , sagt Raskin. Sie seien aber nötig, um etwas zu verbessern. Anders sei nicht immer besser. Aber Dinge könnten "nicht besser sein, ohne zugleich anders zu sein" , so Raskin.
Anders kann besser sein, aber nicht intuitiv
Auch bei der Awesomebar, räumt Raskin ein, gibt es noch Bugs und Dinge, die verbessert werden können. "Aber da muss man durch, denn langfristig werden davon viele Menschen profitieren."
Neues Interface für den mobilen Firefox
| |
Neue Tabs sollen nützlicher werden
| |
So sollen RSS-Feeds die Massen erobern, denn niemand muss mehr wissen, was RSS ist, um es zu nutzen. Das Interface verschwinde regelrecht.
Mozilla Labs als Experimentierfeld
Vornehmlich in Labs werden die neuen Ideen ausprobiert, diskutiert, verbessert und verworfen. Das geschieht allerdings nicht im stillen Kämmerlein, sondern mit großer Offenheit - schließlich versteht sich Mozilla als Teil seiner Community. Daher ist es auch unerheblich, ob die Ideen in den Büros von Mozilla entstehen oder außerhalb. Am Labs-Projekt Ubiquity sind derzeit beispielsweise acht Entwickler beteiligt, nur drei sind bei Mozilla angestellt, fünf kommen von außerhalb.
" Design by committee(öffnet im neuen Fenster) " funktioniere nicht, sagt Raskin. "Wir sehen uns in der Regel als Katalysator. Wir suchen etwas, wo Firefox besser sein könnte und fangen an, darüber zu bloggen" . Innerhalb einer Woche entstanden so drei funktionierende Prototypen für neu geöffnete Tabs in Firefox - ohne dass von Mozilla Labs jemand daran beteiligt war.
Schau was deine Nutzer machen, aber frage sie nie, was sie wollen
Ähnlich funktioniert laut Raskin Interface-Design. Gewiss solle man seinen Nutzern zuhören, aber es gehe dabei weniger um das konkret Gesagte, sondern um das, was die Nutzer eigentlich meinen. Es sei daher viel einfacher, die Nutzer zu beobachten, als ihnen zuzuhören. "Denn dabei sieht man, was getan werden muss" .
Wie viele andere Open-Source-Projekte arbeite auch Mozilla nach dem Prinzip des generellen Konsens. "Wenn man sich einem richtigen Ziel nähern will, braucht es eine treibende Kraft" . Es bedarf einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich die Zeit nimmt, die Sache genauer zu untersuchen und zwischen dem, was die Leute sagen und dem, was sie meinen, zu übersetzen.
Zeichen für ein besseres User-Interface
Als Maß für die Güte eines Interface ist auch die Informationseffizienz hilfreich: "Ingenieure wissen genau, wie sie die Effizienz eines Motors messen. Es ist das Verhältnis der Energie, die man hineinsteckt, zu der Energie, die man erhält." Ähnlich sei es mit Informationen: "Wie viele Informationen benötigt der Computer, um etwas zu tun, und wie viele Informationen werden eingegeben."
Raskin erklärt das am Beispiel einer Dialogbox: Im Extremfall benötigt der Computer keine Informationen, der Nutzer hat nur die Wahl, auf OK zu klicken. "Daraus resultiert null Information, aber man steckt mindestens einen Klick hinein. Die Informationseffizienz dieses Interface ist also null. Es ist ganz klar, dass das besser geht." Wie hoch die Informationseffizienz ist, verrät zwar noch nicht, wie das beste Interface aussieht. "Aber es zeigt an, wann man aufhören kann, es weiterzuentwickeln."
Auf die richtigen Paradigmen kommt es an
Wesentlich bei der Entwicklung eines neuen Interface sei die Wahl der richtigen Paradigmen, sagt Raskin, und nennt Tastaturkürzel und Menüs als Beispiele für schwache Paradigmen.
Daher verlegten sich Nutzer auf Tastaturkombinationen. Diese seien zwar schnell in der Nutzung, aber dafür sehr schwer zu lernen. Die Zahl der guten Tastaturkombinationen sei außerdem eng begrenzt. Menüs und Tastaturkombinationen hält Raskin deshalb nicht für gute Paradigmen.
Eine Alternative dazu sei ein sprachorientiertes Interface, meint er: "Man tippt einfach ein, was man tun will, und der Computer erledigt den Rest." Wie ein solches Interface aussehen kann, zeige das von Humanized entwickelte Enso(öffnet im neuen Fenster) , dessen Ideen und Konzepte sich auch im Mozilla-Labs-Projekt Ubiquity wiederfinden. Ubiquity ist eine Art Kommandozeile für Firefox.
Ubiquity: Mehr als eine Kommandozeile für den Browser
Hinter Ubiquity steckt aber mehr. Derzeit geht es darum, Web und Sprache miteinander zu verbinden, doch dieser Beschreibung könnte das Projekt schon bald entwachsen. Ubiquity kann auch über das Kontextmenü benutzt werden, das die jeweils zu einer Auswahl verfügbaren Ubiquity-Kommandos anzeigt: "Markiert man eine Adresse und klickt mit der rechten Maustaste, stellt Ubiquity fest, dass es sich um eine Adresse handelt und will sie auf einer Landkarte anzeigen. Markiert man eine E-Mail-Adresse oder Person, die man kennt, wird Ubiquity vorschlagen, eine E-Mail an diese Person zu verschicken."
| |
Neue Ubiquity-Kommandos(öffnet im neuen Fenster) lassen sich wie Bookmarks dem eigenen Browser hinzufügen. Künftig soll es ebenso einfach werden, ein komplett neues Interface aus den damit zur Verfügung stehenden Funktionen zu schaffen, ob ein Kreismenü, etwas das wie Quicksilver funktioniert, eine Erweiterung der Awesomebar oder etwas ganz Neues. Ubiquity soll auf diesem Weg die Einstiegshürden für Experimente mit User-Interfaces verringern: "Jeder, der ein bisschen JavaScript und HTML beherrscht, kann ein neues Interface bauen. Wenn das klappt, können wir uns sehr schnell dem bestmöglichen Interface nähern" , sagt Raskin zuversichtlich.
"Das funktioniert. Nachdem wir Ubiquity veröffentlicht hatten, haben einige Leute, die es hässlich fanden, angefangen, nicht nur Skins für Ubiquity zu entwickeln, sondern zugleich einen Mechanismus, um Skins weitergeben zu können. Die Leute sehen es, verbessern es und sind inspiriert" , freut sich Raskin. Heute hat Ubiquity rund 400.000 Nutzer, versteht neben Englisch auch Japanisch und wird fast täglich um neue Kommandos erweitert(öffnet im neuen Fenster) .
Der Weg zu einem humaneren Interface, wie Raskin ihn versteht, braucht Mut, Neues auszuprobieren, Anregungen von außen aufzugreifen und Ideen, die sich als unpraktikabel erweisen, zu verwerfen. Der Webbrowser steht für ihn dabei im Fokus, die Ideen und Konzepte sind aber nicht darauf beschränkt. Es handelt sich um einen offenen Prozess. Es müssen gleichzeitig neue Möglichkeiten ausgelotet werden, wie neue Ideen gesammelt, diskutiert und weiterentwickelt sowie radikale Ansätze ausprobiert werden können.
Das Web verändert sich - von einfachen Inhalten hin zu komplexen, über mehrere Websites hinweg verteilten Anwendungen. Die Möglichkeiten nehmen zu und es könnte sein, dass sich die Art, wie sie genutzt werden können, verbessern lässt. Es gibt dabei nicht eine richtige Antwort. Wenn viele unterschiedliche Wege begangen werden, dann findet sich vielleicht der ein oder andere, der nach Rom führt.



