Mark Zuckerberg - der ewige Student
Angereist ist er zum Start einer neuen Marketing-Kampagne, es ist einer seiner höchst seltenen öffentlichen Auftritte. Doch wenig mitreißend ist sein Vortrag und ohne großartige neue Informationen. Er stellt Facebook vor, sein Unternehmen, das aktivste Social Network der Welt mit über 110 Millionen aktiven Nutzern. Und er tut dies vor Menschen, die über Facebook von dem Termin erfahren haben, längst Nutzer sind, all das schon kennen.
Damit beginnt ein Zangenangriff auf StudiVZ. Denn jüngst reichte Facebook auch noch eine Klage gegen das deutsche Gegenstück ein. Vorwurf: StudiVZ habe das Layout des US-Vorbildes geklaut. "Wir mussten das machen um unsere Rechte zu sichern" , rechtfertigt sich Zuckerberg auf Nachfrage: "Unser Ziel ist es aber, die Sache aus der Welt zu räumen um friedlich miteinander auszukommen."
Kaum eine Miene verzieht "Zuck", wie ihn viele nennen, während seines Vortrags. Lacht er, dann nur kurz. Schnell rutscht seine Miene wieder zurück in jenen emotionslosen Ausdruck, der offen lässt, ob er von Kälte oder Unsicherheit zeugt.
Diese Uneinschätzbarkeit und seine raren öffentlichen Auftritte, seine Unlust, sich bei den Web-Branchen-Treffs sehen zu lassen, öffnen Tür und Tor für Anekdoten. Geschichten über Zuckerberg gibt es im Silicon Valley reichlich. Zum Beispiel, dass er in seiner Jugend das Strategiespiel "Risiko" liebte – und es auf Latein übersetzte, um es in seiner Lieblingsfremdsprache spielen zu können. Oder dass es, als seine Freundin von der Ostküste nach Kalifornien kam, harte Verhandlungen darüber gab, wie oft sie sich sehen. Zusammenziehen war für Zuckerberg keine Option.
Es spielt bei diesen Geschichtchen wohl auch Neid eine Rolle. Neid auf jemand, der es wie kaum ein zweiter versteht, die Community seines Unternehmens zu erreichen und zu lenken. Zwei Mal schon führte er Facebook aus Revolten der Nutzer gegen neue Funktionen heraus. Gerade steht die dritte an: Das neue Design gefällt vielen nicht, die Gruppe "Ich hasse das neue Facebook" zählt schon 1,5 Millionen Mitglieder.
Legendär im Silicon Valley sind die Hackathon-Nächte. Jeder Mitarbeiter mit Ausnahme von Zuckerberg kann sie ausrufen. Dann arbeiten alle Programmierer die ganze Nacht bei Fast Food und Red Bull an einem Problem. Bedingung: Es muss cool sein. Am Morgen folgt ein gemeinsames Frühstückt – alle Termine für den Tag werden abgesagt.
Wie lange lässt sich solch eine Kultur aufrechterhalten in einem Unternehmen, das rapide wächst, 110 Millionen aktive Nutzer weltweit hat und in diesem Jahr über 300 Millionen US-Dollar einnehmen wird? Allein jeder dritte Kanadier ist Mitglied, gar jeder zweite Chilene. Und wie lange kann das gut gehen mit einem Chef, der so ungewöhnlich ist wie Mark Zuckerberg?
Von ihm lernte der Facebook-Chef den selbstbewussten Umgang mit Geldgebern. Parker sorgte dafür, dass Accel Partners bei Facebook einstieg – und Zuckerberg trotzdem drei von fünf Sitzen im Verwaltungsrat kontrollieren konnte. Auch weiterhin halten Zuckerberg und die Mitarbeiter die Mehrheit am Unternehmen – trotz gewichtiger Investoren wie Accel und Greylock Partner.
Parker stellte ihm Peter Thiel vor. Der Investor, der immer bewusst gegen den Trend geht, wird Zuckerbergs zweiter Ratgeber. Auch er eine Art Außenseiter. Thiel unterstützt Zuckerberg, als dieser im Jahr 2006 ein Kaufangebot von Yahoo über 750 Millionen US-Dollar ablehnt. Ein Jahr später leistet sich Microsoft nur magere 1,6 Prozent am Netzwerk – und bewertet die gesamte Firma mit 15 Milliarden US-Dollar.
Die Zahlen und Geschichten werden eben immer schwindelerregender, geht es um Facebook. Manche sehen die Plattform mit ihrer offenen Struktur bereits als Betriebssystem für das persönliche Onlineleben. Das rasante Wachstum in geordnete Bahnen bringen soll nun Ratgeberin Nummer drei: Im Frühjahr übernahm Sheryl Sandberg, zuvor Vizepräsidentin bei Google, den COO-Posten bei Facebook.
Mit ihr drehte der Wind im Unternehmen. "Viele sind unglücklich mit Sheryls Art" , sagt ein Mitarbeiter. Es sei kühler geworden in der Zentrale in Palo Alto, geschäftsmäßiger. Seit Wochen gibt es deshalb hochkarätige Abgänge, vergangene Woche verabschiedete sich sogar Dustin Moskowitz , der seit der Stunde null mit dabei war. Er will ein eigenes Unternehmen gründen.
Doch davon redet an der Berliner TU niemand. Nach einer Stunde Vortrag gibt es für die 110 Anwesenden Cola und Saft aus Plastikbechern, dazu Chips und Salzstangen. Und hier, im Kreis von Studenten und Webszene, wirkt Mark Zuckerberg mit einem Mal gelöst, plaudert locker mit jedem, lässt sich fotografieren. Dann tippt ihn seine PR-Frau auf die Schulter: Es geht weiter, zum nächsten Termin. So ist es halt, das Leben eines Firmenchefs – auch wenn dieser es sich vielleicht anders wünschen würde. [ von Thomas Knüwer, Handelsblatt(öffnet im neuen Fenster) ]
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