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Kreative und das liebe Geld

Tagung "Kreative Arbeit und Urheberrecht" in Dortmund. In Dortmund diskutieren Kreativschaffende, Wissenschaftler und Urheberrechtsaktivisten über die gegenwärtigen und zukünftigen ökonomischen Rahmenbedingungen kreativer Arbeit. Am Ende des ersten Konferenztages steht fest: Das Geld für Kunst und Kultur ist knapp, dennoch fordern einige Künstler die Abschaffung des Urheberrechts.
/ Jens Ihlenfeld
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Der Konferenzort hätte nicht passender sein können. Die Tagung "Kreative Arbeit und Urheberrecht" findet auf dem Gelände des ehemaligen Phoenix-Stahlwerkes in Dortmund statt, in der Ausstellungshalle des Hartware MedienKunstVereins (HMKV), wo noch bis zum 19. Oktober die Ausstellung " Anna Kournikova Deleted By Memeright Trusted System – Kunst im Zeitalter des Geistigen Eigentums(öffnet im neuen Fenster) " gezeigt wird. Veranstalter der Tagung sind der HMKV und die Redaktion des Urheberrechtsportals iRights.info(öffnet im neuen Fenster) . Das geschichtsträchtige Phoenix-Gelände ist derzeit eine riesige Baustelle und soll in naher Zukunft bevorzugter Standort der Kreativwirtschaft werden. So soll in einer Region, in der in den vergangenen Jahrzehnten 80.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren gegangen sind, die Brücke aus dem 19. ins 21. Jahrhundert geschlagen werden, erläuterte der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Dortmund, Udo Mager, bei der Eröffnung der Tagung. Immerhin 6.500 Beschäftigte kann die Kreativwirtschaft in Dortmund schon verzeichnen.

Für viele von ihnen spielt das Urheberrecht eine wichtige Rolle. Kultur gibt es nicht umsonst, aber wer bezahlt die Kultur und ihre Schöpfer? Diese Fragen standen am ersten Konferenztag im Mittelpunkt einer Reihe von Diskussionsrunden.

Den Anfang machten Wolfgang Schimmel von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, der freie Journalist und Übersetzer Ilja Braun aus Köln, Paul Keller vom niederländischen Creative-Commons-Projekt und der Dirigent, Komponist und Produzent Christian von Borries aus Berlin. Sie debattierten darüber, welches Urheberrecht kreative Arbeit braucht. Während Wolfgang Schimmel eine Lanze für ein starkes Urheberrecht zum Schutz der Kreativen nicht zuletzt vor der Entstellung ihrer Werke brach, beklagte Ilja Braun, dass das geltende Urheberrecht den Schöpfern von Werken keine ausreichende Beteiligung an den Erlösen aus der Mehrfachverwertung ihrer Werke sichert. Die branchenüblichen "Total-Buy-Out-Verträge" sicherten den Verwertern praktisch alle Rechte. Ihm als Kreativem seien Urheberrechtsverletzungen in Tauschbörsen deshalb "relativ egal" . Braun wünschte sich eine Stärkung der Position der Urheber gegenüber den Verwertern, damit ein größerer Anteil der mit ihren Werken erzielten Erlöse auch tatsächlich bei den Urhebern ankommt.

Aus Sicht von Paul Keller können Creative-Commons-Lizenzen zwar einen flexibleren Umgang mit urheberrechtlichen Schutzrechten fördern, aber ein Allheilmittel für die strukturellen Mängel des Urheberrechts sind CC-Lizenzen in seinen Augen nicht. Besonders die Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen kommerzieller und nichtkommerzieller Nutzung von Werken gelte es zu überwinden. Zu diesem Zweck führt die CC-Initiative eine Untersuchung durch, die den praktischen Umgang mit dem Abgrenzungsproblem evaluieren will. Christian von Borries übte Kritik nicht nur am Urheberrecht, sondern auch am CC-Modell. Seiner Meinung nach gebe der CC-Ansatz auf viele wichtige Fragen ebenso wenig Antwort wie das Urheberrecht. Weder zeige CC einen Weg, um das Überleben von Künstlern zu sichern, noch würde die Position der großen Konzerne (Rechteinhaber) hinterfragt. Provozierend fragte von Borries, warum Künstler überhaupt eines Sonderschutzes bedürften und nicht wie andere Unternehmer einfach ihre Waren auf den Markt bringen sollten. Von einer Abschaffung des Urheberrechts erhofft sich von Borries eine Abschaffung des "Star-Systems" und eine Demokratisierung des Marktzugangs für noch unbekannte Künstler. Er sieht "keinen Platz mehr für einen überholten Schutz" .

Der Vortrag von Martin Kretschmer von der Universität Bournemouth über eine empirische Untersuchung der Einkommensverhältnisse von Autoren in Großbritannien und Deutschland war durchaus geeignet, die Thesen von Christian von Borries zu stützen. Anhand der Ergebnisse seiner gründlichen Erhebung der verschiedenen Einkommensarten, aus denen Autoren ihr Leben finanzieren, konnte Kretschmer darlegen, dass "das Urheberrecht nicht dazu beiträgt, das Einkommen des durchschnittlichen Schriftstellers zu sichern" . Vielmehr nehmen Autoren ein "Risikomanagement" vor und verlassen sich auf Einkommen aus verschiedenen Quellen. Kretschmers Fazit: "Solange das Urheberrecht übertragbar gestaltet ist, wird es so sein, dass die Rechte beim Verlag landen, solange der Autor keinen ausreichenden Einfluss auf die Vertragsgestaltung hat."

Eine weitere Podiumsdiskussion ging der Frage nach "Wer bezahlt Kreativität?" . Matthias Spielkamp von iRights.info diskutierte mit Paul Keller, der Hamburger Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Meike Richter, dem Referatsleiter Peter Grafe vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien sowie Martin Juhls, Musiker und Kulturmanager aus Dortmund. Für Meike Richter spielt die im Internet entstandene "Aufmerksamkeitsökonomie" eine Schlüsselrolle. Die freie Verfügbarkeit vieler ihrer Werke im Internet würde ihr Aufmerksamkeit bei potenziellen Auftraggebern verschaffen und so indirekt für Einkommen sorgen, legte Richter dar. Allerdings zeigte sie sich ganz und gar nicht damit einverstanden, wie Suchmaschinen und Aggregatoren von den Leistungen der Kreativen profitieren, ohne diese angemessen zu beteiligen. Youtube, MySpace & Co. sollten Abgaben an diejenigen zahlen, auf deren Leistungen sie ihren Geschäftserfolg aufbauen, fand Richter.

Martin Juhls hat als Mitbegründer des Netlabels Thinner bereits vor Jahren Erfahrungen mit der Monetarisierung kostenlos angebotener Musik sammeln können. Die Aufmerksamkeit, die er mit kostenlos zur Verfügung gestellter Musik erreichen konnte, führte zu bezahlten Auftritten als DJ und Lizenzvergaben zur Nutzung seiner Werke als Filmmusik. Deutliche Kritik übte Juhls an der Verwertungsgesellschaft GEMA, die sich in seinen Augen gegen den Trend stemmt und Musikern nicht ausreichend Platz zur Selbstvermarktung im Internet einräumt. Er wünschte sich von der GEMA mehr Akzeptanz für Creative-Commons-Lizenzen. Auch die Verteilung der Einnahmen innerhalb der GEMA sei hoch problematisch, weil ungerecht. Als Musiker "dritter Klasse" werde er nur ungenügend an der Ausschüttung der Verwertungsabgaben beteiligt.

Juhls wies in der Frage der Finanzierung von Kultur auch auf die Eigenverantwortung von Musikern und Kreativschaffenden im Allgemeinen hin. Diese müssten sich professionalisieren und besseres Marketing in eigener Sache betreiben. Das befürwortete auch Peter Grafe. Management, Marketing und Coaching dürften für Kreative keine Fremdworte bleiben. Hinsichtlich der immer wieder geäußerten Kritik an den Verwertungsgesellschaften blieb Grafe deutlich zurückhaltend. Forderungen nach Strukturveränderungen müssten gut begründet sein und dürften auf keinen Fall das Konzept der Verwertungsgesellschaften in Frage stellen. Für Matthias Spielkamp zeichnete sich am Ende der Diskussion das Leitbild vom "Künstler als Dienstleister" ab, dessen Dasein wohl weiterhin "kompliziert" bleiben werde. Vom romantischen Bild des "Künstlers als Schöpfer" könne man sich jedenfalls getrost verabschieden.

Nach der Deromantisierung des Künstlers stand die technische Reproduzierbarkeit von Kunst oder genauer gesagt die Vermarktung von Reproduktionen auf der Tagesordnung. Dazu stritten Gerhard Pfennig von der VG Bild-Kunst, Hanns-Peter Frentz vom Bildarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Fotograf Christoph Irrgang und die Künstlerin Cornelia Sollfrank um die Vermarktung der Fotos von Kunstwerken, die in öffentlich finanzierten Museen gesammelt werden. Cornelia Sollfrank konstatierte unter Verweis auf ein Buch von Gerhard Pfennig die "unreflektierte Übernahme der technischen Machbarkeitsterminologie und -ideologie der IT-Industrie (Stichwort Content)" und die unkritische Übernahme der "Argumentation neoliberaler Kulturpolitik" , die einen "Rückzug des Staates aus der Verantwortung" für die Finanzierung der Museen propagiere.

Gerhard Pfennig wehrte sich gegen diesen Vorwurf und betonte, es ginge ihm nur darum, den chronisch unterfinanzierten Museen die Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer Einnahmesituation aufzuzeigen. Pfennig wehrte sich auch gegen Pauschalkritik an den Verwertungsgesellschaften. Trotz der ungleichen Verteilung der Einnahmen sicherten die Verwertungsgesellschaften doch vielen Künstlern einen großen Teil ihres Einkommens. Das sei hingegen bei der Nutzung von Creative-Commons-Lizenzen nicht der Fall. Nur die Verwertungsgesellschaften könnten den Künstlern angemessen bei der Wahrnehmung ihrer Rechte helfen. Bei der Verletzung von CC-Lizenzen seien sie hingegen auf sich selbst gestellt.

Christoph Irrgang, der sich auf die Arbeit als Museumsfotograf spezialisiert hat, steht einer großzügigen Nutzung seiner Werke relativ offen gegenüber, solange er an den Einnahmen beteiligt und sein Name als Urheber genannt wird. Den größten Teil seines Einkommens erzielt er mit Fotos, die er im Auftrag anfertigt. Mit der Übergabe der Fotos tritt er in der Regel praktisch alle Rechte an die Auftraggeber ab und wird dafür in seinen Augen meist auch angemessen bezahlt. Er sieht sich ganz als Dienstleister, wie es den Kreativen im Laufe des Tages schon mehrfach empfohlen worden ist.

Spezialist für die Verwertung von Museumfotos, wie sie Christoph Irrgang anfertigt, ist Hanns-Peter Frentz. In seinen Augen ist die Vermarktung von Aufnahmen der in den Museen gezeigten Kunstwerke durch eine von den Museen selbst getragene Bildagentur allemal besser als eine indirekte Vermarktung über eine der beiden Marktführer Corbis und Getty. Nicht nur würde die von ihm geleitete Bildagentur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Fotos in sehr hoher Qualität anbieten, sondern auch die Fotografen mit 50 Prozent an den Einnahmen beteiligen. Darüber hinaus würden die Fotos beispielsweise für Wissenschaftler wesentlich günstiger zur Nutzung angeboten werden als etwa für kommerzielle Kunstverlage. Dem öffentlichen Interesse sei so allemal besser gedient. Er zeigte sich optimistisch, dass die Museen dank der weltweiten Bildervermarktung in den kommenden Jahren spürbare Einnahmesteigerungen erreichen könnten. Bleibt nur zu hoffen, dass den Museen im Gegenzug nicht von staatlicher Seite die Zuschüsse gekürzt werden. [Robert A. Gehring]


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