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Interview: Die Grenzen zwischen Kunst und Technik sprengen

Gerfried Stocker über die Herausforderungen der Kommunikationsgesellschaft. Gerfried Stocker ist seit 13 Jahren Chefkurator der Ars Electronica. Bei diesem Medienkunstfestival in Linz werden seit 29 Jahren die Themen der Mediengesellschaft kritisch diskutiert. 2008 ging es um die Produktions- und Distributionsprozesse einer neuen kulturellen Ökonomie. Stocker sprach im Interview mit Golem.de über die damit verbundenen Risiken.
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Golem.de: Welches Profil hat die Ars Electronica?

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Gerfried Stocker: Das Profil richtet sich eigentlich nach dem Untertitel, der bei der Gründung der Ars Electronica 1979 zum ersten Mal aufgetaucht ist: Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft. Das ist sehr weit gefasst, aber trotzdem sehr präzise. Denn das umfasst mit Kunst, Technologie und Gesellschaft drei sehr große Themenfelder, identifiziert aber gleichzeitig eine kleine und gut beschreibbare Schnittmenge, in der sich diese drei Bereiche verbinden.

Für unsere Praxis bedeutet das, dass wir mit dem Festival stets aufs Neue untersuchen wollen, wie sich neue Technologie und Wissenschaft auf unsere Kultur und Gesellschaft auswirken. Unser Instrument ist dabei die Kunst, beziehungsweise die Medienkunst. Linz ist ein spannender Austragungsort, weil es sich um die ehemals schmutzigste Industriestadt Österreichs handelt. Gemeinsam mit der Ars Electronica hat sich daraus jedoch eine hochmoderne Technologiestadt entwickelt.

Golem.de: Was ist das wichtigste oder kritischste Thema der heutigen Kommunikationsgesellschaft?

Stocker: Ich glaube es ist eine Triangel, die sich um die Themen Öffentlichkeit, Privacy und Open Access dreht. Sie sind in einem Dreiecksverhältnis stark miteinander verwoben. Dieses Verhältnis betrifft direkt die Frage, wie wir in Zukunft als Gesellschaft einerseits die Vorteile neuer Technologien nutzen können und andererseits unsere Freiheitsrechte bewahren können.

Das ist ein Thema, das weniger durch Neuigkeit, sondern eher durch Brisanz besticht. Denn beim aktuellen Stand der Entwicklung laufen wir Gefahr, unsere Bürgerrechte und die Standards einer freien und mündigen Gesellschaft zu verlieren. Im Wesentlichen, weil wir uns permanent in privaten Räumen bewegen, und uns dabei benehmen, als ob es öffentliche Räume wären. Nahezu alle wichtigen Webseiten und Communityplattformen sind Privateigentum und nicht zu verwechseln mit Kreuzungen und Plätzen einer Stadt. Es ist ein elementarer Unterschied, ob etwas nach den Regeln des Gemeinwohls und der öffentlichen Verwaltung, oder ob etwas nach den Regeln des Geldverdienens und der privaten Wirtschaft betrieben wird.

Golem.de: Welche Auswirkungen hat dieser Widerspruch?

Stocker: Auf einer privat betriebenen Plattform gelten nicht mehr primär die Gesetze der Öffentlichkeit, sondern die allgemeinen Nutzungsbedingungen der Besitzer. Dahinter verbirgt sich eine gewisse Gefahr, denn je mehr wir unser Leben oder viele Bereiche unseres Lebens in die virtuelle Sphäre und in diese neuen sozialen Räume verlagern, desto wichtiger werden sie für uns. Dementsprechend wichtig werden auch unsere Einflussmöglichkeiten auf die dort geltenden Gesetze.

Im Moment erinnert das Internet an eine Art Feudalismus. Ein paar relativ mächtige Firmen dominieren die virtuelle Öffentlichkeit und gestalten diese Sphäre nach ihren eigenen Regeln. Die Nutzung insbesondere der kostenfreien Dienste geht zu Lasten der Privacy. Das ist zunächst verständlich, es sind die Spielregeln eines Konzerns, aber wir sollten dafür nicht die Spielregeln des öffentlichen Lebens, die über Jahrhunderte hinweg erkämpft wurden, gänzlich vergessen.

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Golem.de: In welchem Verhältnis steht dazu das Thema Open Access?

Stocker: Im Prinzip gilt für die Themen Copyright und Open Access das Gleiche wie für Privacy und Öffentlichkeit. Wenn man heute eine Geschäftsidee für einen neuen Internetdienst hat, mit dem Informationen und Wissen weitergegeben oder verbreitet werden sollen, dann scheitert das zumeist schon daran herauszufinden, welche rechtlichen Rahmenbedingungen wo gelten, um nicht sofort von Dritten verklagt zu werden.

Diese Panik und die damit verbundene Repression durch die alten Unternehmen, die über den Vertrieb von Content groß geworden sind, zerstören viele neue Möglichkeiten, die wir dringend bräuchten. Es muss und kann – das Beispiel Creative Commons zeigt es – kreativ und innovativ mit der neuen Situation umgegangen werden, statt vehement jeden alternativen Distributionsweg zu verhindern.

Golem.de: Die Creative Industries werden oft als treibender Motor für die europäische Wirtschaft dargestellt. Wie ist das Verhältnis zwischen industrieller und kultureller Produktion zu beschreiben?

Stocker: Dass man den Industriebegriff auch mit Medienkunst verbinden kann, ist für mich sehr wichtig. Das, worauf Sie anspielen, die Creative Industries oder Content Industries, sind sehr häufig leider völlig inhaltslos ausgesprochene Formeln.

Aber es steckt sehr viel mehr dahinter. Hinter diesen Begriffen vermengen sich Kulturbetrieb und Wirtschaft. Bis heute braucht man jedoch diese beiden früher scharf trennbaren Bereiche nur auf die gleiche Seite zu schreiben und schon ist die Diskussion groß. Wir befinden uns allerdings in einer Zeit, in der sich für beide, für den Kultursektor ebenso wie für den Wirtschafts- und Industriesektor, die Rahmenbedingungen der Produktionswelt massiv verändert haben und weiter verändern. Dieser Wandel darf nicht mehr isoliert betrachtet werden, sondern wir müssen versuchen, die Entwicklungen auf einer breiteren Ebene zu verstehen.

Golem.de: Hier bietet Kunst offenbar eine Strategie für ein besseres Verständnis. Aber was hat denn ein Systemadministrator ganz konkret von Internetkunst?

Stocker: (lacht) Der Systemadmin sollte eigentlich der sein, der das am wenigsten braucht. Er ist ja der Prototyp eines Spezialisten, von dem man annehmen würde, dass er die mit dem Netz verbundenen kulturellen Paradigmen versteht und entsprechend handelt. Allerdings hat die Erfahrung gezeigt, dass dies oft nicht so ist. Es muss darum gehen, den Mehrwert und die Funktion von Medienkunst über den eigentlichen Kunstbegriff hinaus zu tragen.

Es geht nämlich bei allen digitalen Technologien eigentlich um Kommunikationsprozesse. Und Kommunikation ist etwas, wofür Künstler üblicherweise sehr sensibel sind. Es ist mehr als der reine Austausch von Informationen. Wenn wir als Menschen kommunizieren, tun wir das sicher zu einem Gutteil über Worte, über Sprache, über Bilder, aber wir tun es mindestens in gleichem Ausmaß über unseren Körper und Mimik. Emotionalität spielt dabei eine gewichtige Rolle.

Das sind alles Dinge, die per se in den Werkzeugen des Systemadmin nicht vorhanden sind. Er ist ein Spezialist, der auf der Kommandozeilenebene ein Unix oder Linux oder andere Serversysteme bedienen und verwalten können muss, aber eigentlich ist sein Beruf auch dazu da, eine Art Dienstleistung zu erbringen. Denn im Grunde sollte er nicht das System des Systems wegen administrieren, sondern er sollte es administrieren, damit Menschen es benutzen können.

Es geht also auf allen Ebenen darum, nicht nur die technische Funktionalität, sondern auch die Usability des Ganzen mit einzubeziehen. Die Technologien sollten auf einer Ebene nutzbar sein, die unsere menschlichen Fähigkeiten und unsere Ausdrucks- oder Wahrnehmungsformen nicht ausschließt, sondern integriert – bis hin zur Körperlichkeit und Emotionalität. Hier bietet Medienkunst spannende Experimentierfelder.

Der Wandel beeinflusst unser generelles Weltbild und Menschenbild. Bei solchen Ausmaßen kann man die Technologie nicht mehr auf die Befehle auf der Kommandozeilenebene reduzieren. Das wäre so, als würde ich den ganzen Straßenverkehr auf Motor, Getriebe und vier Räder reduzieren. Aber selbst bei so einer zweckmäßigen Mechanik wie dem Auto spielen Lebensgefühl, Statussymbolik und Kommunikation eine weitaus größere Rolle als dessen Wesen als Transportvehikel.

Golem.de: Und wie kann man ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge schaffen?

Stocker: Ganz einfach: Grenzen ignorieren! Deswegen stellen wir auf der Ars Electronica wissenschaftliche Forschungsprojekte neben künstlerische Arbeiten und verbinden technologische Experimente mit ökonomischen Prototypen. Das sorgt natürlich immer wieder für Irritationen, aber das ist ein unheimlich spannender Beitrag zu der Frage, wie diese Dynamik der modernen Gesellschaft verstanden werden kann. Ich glaube, das Kernrezept ist wirklich, dass wir gemeinsam in das gleiche kalte, tiefe Wasser springen. [Das Interview führte Michael Liebe]


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