EU will Fernsehen ohne Grenzen
Das "Red White and Blue" ist eine unauffällige Eckkneipe in Southsea, einem wenig schönen Stadtteil der wenig schönen Hafenstadt Portsmouth. Viel Geld haben die Gäste hier nicht, entsprechend sind die Einnahmen. Und so setzte Wirtin Karen Murphy auf Kostenkürzung: 6.000 Britische Pfund pro Saison zahlte sie früher an das englische Pay-TV BSkyB, um dessen Fußballübertragungen in ihrem Pub zeigen zu dürfen. Murphy besorgte sich den Zugang zum griechischen Pay-TV Nova – für 800 Britische Pfund. Und dank Zweikanalton gab es für ihre Gäste weiterhin die Spiele der Premier League – bis die Liga davon Wind bekam und Murphy verklagte.
Eigentlich ist die Sache klar: Inhaber von Übertragungs- und Aufführungsrechten dürfen diese im EU-Raum auf einzelne Länder beschränken. Das verstößt zwar gegen die Freizügigkeit von Waren und Dienstleistungen, soll aber Kreativindustrien schützen: Ihre Leistungen sollen nicht in einem Preiskampf untergehen. Diese Regelung entstand durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) im Jahr 1980.
Doch künftig könnte sich das ändern – und damit droht das gesamte Finanzierungssystem des europäischen Fußballs zu kippen. Der Londoner High Court hat Murphys Fall, gemeinsam mit einem weiteren, ähnlich gelagerten, an den EuGH zur Vorabentscheidung weitergereicht. "Überraschend", findet Markus Körner, Medienrechtsexperte der Großkanzlei Bird & Bird.
Und das Red White and Blue hat anscheinend eine machtvolle Verbündete: EU-Medienkommissarin Viviane Reding. Zwar will sie sich nicht zu dem Verfahren äußern. Doch die politische Linie ist für sie klar: "Die territorialen Grenzen beim Urheberrechtsschutz in Europa müssen infrage gestellt werden."
Das trifft den Fußball wie die Filmwirtschaft. So verdienen die großen Fußballligen prächtig daran, in jedem Land exklusive Pay-TV-Rechte zu verkaufen. Die englische Premier League nimmt mit ihren Auslandsrechten 625 Millionen Britische Pfund (786 Millionen Euro) ein, rund 30 Prozent ihres Gesamtumsatzes. Vor vier Jahren war es nur die Hälfte. Die Bundesliga kassiert für ihre Auslandsrechte bisher rund 42 Millionen Euro. Doch die Sender dürften kaum bereit sein, weiter so viel zu zahlen, wenn ihnen ein Preiskampf um die geringste Abogebühr droht. Gleichzeitig aber ist Fußball für sie existenziell wichtig.
Es gebe 27 nationale Regelungen für den Urheberschutz. Dies führe dazu, dass Lizenzen national und nicht für die gesamte EU vergeben würden. Reding: "Wie soll sich eine europäische Informationsgesellschaft bilden, wenn es für die Inhalte keinen grenzenlosen Markt gleicher Größe gibt wie in den USA?" Es gebe in der EU eindeutig den Bedarf für eine stärkere Integration der Märkte für audiovisuelle Dienste. Europa müsse zu einem Raum einheitlicher Wettbewerbsbedingungen für mediale Inhalte werden, der alle Mitgliedsstaaten der EU umfasse. Nur so könnten Europas Inhalteanbieter langfristig mit ihren Wettbewerbern in anderen Kontinenten mithalten. Reding beklagte, das größte Hindernis auf dem Weg zu einem EU-Binnenmarkt für mediale Inhalte seien die bestehenden Urheberrechtsgrenzen.
In der Medienbranche trifft Reding unterdessen auf scharfe Kritik. "Mit ihrer Idee stellt Brüssel den Rechtelizenzhandel und die Fernsehproduktion infrage", warnt Medienunternehmer Herbert Kloiber. "Die Vergabe von Rechten ist eine Voraussetzung für die Medienindustrie." Dem Film- und Fernsehproduzenten Kloiber gehören die größte deutsche Rechtebibliothek sowie Sender wie RTL 2, Tele 5 und ATV in Österreich. Auch andere Fernsehkonzerne warnen vor den Folgen. Pro Sieben Sat 1 warnt: "Der Vorstoß von Frau Reding hätte Auswirkungen auf beinahe alle Bereiche der Inhalteverwertung." Die Sendergruppe lehnt den Vorschlag ab. "Auch jetzt schon steht allen Marktteilnehmern die vertragliche Regelung auf länderübergreifender Ebene offen", sagte ein Sprecher.
Die Medienbranche ist in Alarmbereitschaft. Denn der Ausgang des Verfahrens am EuGH und die Umsetzung von Brüsseler Ideen sind unwägbar. Und somit könnte es passieren, dass auch Wirtin Karen Murphy bald wieder englischen Fußball in ihrer Kneipe zeigen darf. Sie habe deutliche Einnahmeeinbußen, seit die Bildschirme nicht mehr grün sind. Aber: "Kleine Kneipen wie meine können sich BSkyB einfach nicht leisten", sagte Murphy der Lokalzeitung Portsmouth Today. [von Hans-Peter Siebenhaar, Helmut Hauschild und Thomas Knüwer / Handelsblatt(öffnet im neuen Fenster)]
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