LHC: Erkennen, was die Welt zusammenhält

Gemütlich haben es die Protonen und Bleiionen nicht: Erst werden sie in eine eiskalte Röhre eingeschleust und mit wahnsinniger Geschwindigkeit im Kreis herumgejagt, nur um dann mit ihresgleichen in einem Inferno zusammenzustoßen.
Dazu lassen sie zwei Teilchenstrahlen beinahe mit Lichtgeschwindigkeit (99,9999991 Prozent) aufeinanderprallen. Die Strahlen bestehen entweder aus Protonen oder aus Bleiionen, die in einem kleineren, älteren Ring, dem Super-Proton-Synchrotron, erzeugt und dann in den LHC eingespeist werden. Das erste Mal geschieht das am 10. September 2008. Interessierte können das Ereignis ab 9 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit per Webcast(öffnet im neuen Fenster) verfolgen.
In der Röhre herrschen Bedingungen wie im Weltall: ein Vakuum und eine Temperatur von 4,5 Kelvin. Rund 1.800 supraleitende Magnete, die entlang des Rings angeordnet sind, sorgen dafür, dass die Teilchen in der Spur bleiben. Das ist nötig, weil diese sich bei einer so hohen Geschwindigkeit nur geradeaus bewegen. Der LHC ist jedoch ringförmig. Aufgabe der Magnete ist es, die Teilchen auf eine ringförmige Bahn zu lenken. Die Feldstärke der Magneten beträgt 9 Tesla – zum Vergleich: Ein normaler, nicht supraleitender Magnet erzeugt ein Feld mit höchstens 2 Tesla.
Ein Strahl besteht aus 3.000 Teilchenpaketen, von denen jedes etwa 100 Milliarden Teilchen enthält. Da die Teilchen sehr klein sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei kollidieren, sehr gering: Treffen zwei Pakete mit 200 Milliarden Teilchen aufeinander, kommt es gerade mal zu etwa 20 Kollisionen. Da in einer Sekunde Teilchenstrahlen 30 Millionen Mal aufeinandertreffen, kommt es trotzdem zu rund 600 Millionen Kollisionen pro Sekunde.
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| Video: CERN – LHC-Projekt (3:01) |
Wegen der hohen Geschwindigkeit, mit der die Teilchen aufeinanderstoßen, verwandelt sich die Materie in Energie und diese wieder zu Masse. Die Energie, die bei jeder Kollision von zwei Protonen frei wird, beträgt dabei bis zu 14 Tera- Elektronenvolt(öffnet im neuen Fenster) (TeV). 1 TeV entspricht etwa der Bewegungsenergie einer Mücke, die jedoch eine Billion Mal so groß ist wie ein Proton. Werden in dem Teilchenbeschleuniger Bleiionen zur Kollision gebracht, kann die pro Kollision frei werdende Energie sogar bis zu 1.150 TeV betragen. Das ist 30-mal mehr als am Schwerionenbeschleuniger Relativistic Heavy Ion Collider (RHIC) am Brookhaven National Laboratory in Upton im US-Bundesstaat New York, der derzeit die höchste Energie für Schwerionenkollisionen liefert.
Der vier Meter im Durchschnitt messende Tunnel wurde bereits in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts für den Large Electron-Positron Collider (LEP) gebaut, der im Jahr 2000 stillgelegt wurde.
Experimente
Dabei müssen die Detektoren rund 100 Milliarden Teilchen mit Datenraten in der Größenordnung von TByte pro Sekunde verarbeiten. Diese Datenraten stellen neben der Materialschädigung durch Strahlung enorme Anforderungen an die Detektoren. Die Strahlungsdosis, welche die Detektoren in der Nähe der Wechselwirkungszone in zehn Jahren verkraften müssen, beträgt 1 Billiarde Teilchen pro Quadratzentimeter oder 600 Kilogray. Dies ist zwei Milliarden Mal mehr als die bei einer Röntgenaufnahme der Lunge absorbierte Strahlendosis.
Der 46 Meter lange und 25 Meter hohe Atlas ist der größte je gebaute Detektor der Teilchenphysik. Er bestimmt die Impulse geladener Teilchen mit einem inneren supraleitenden Solenoidmagneten(öffnet im neuen Fenster) mit einer Feldstärke von 2 Tesla und einem großen Toroidmagneten ohne Eisenkern. So soll er Myonen sehr genau messen können. Mehrere verschiedene Detektoren verfolgen die Spuren der Teilchen. Zudem verfügt Atlas über mehrere Kalorimeter(öffnet im neuen Fenster) , die die Gesamtenergie von Teilchen messen, sowie Driftkammern(öffnet im neuen Fenster) , in denen Myonen nachgewiesen werden können. Myonen sind Teilchen, die Elektronen ähneln, aber schwerer sind.
An Hand der vom vierten Experiment, dem LHCb, gesammelten Daten wollen Wissenschaftler herausfinden, warum die Natur Materie der Antimaterie vorzieht. Wenn die Teilchen im LHC mit beinahe Lichtgeschwindigkeit kollidieren, simulieren sie die Situation, die nach dem Hundertstel einer Milliardstel Sekunde nach dem Urknall herrschte. In dem Moment entstand aus Energie Materie in Form von Paaren aus Quarks und Antiquarks. Heute existiert ein solches Gleichgewicht zwischen Materie und Antimaterie nicht mehr. Der LHCb soll dazu beitragen, herauszufinden, woher diese Asymmetrie kommt.
Hadronen(öffnet im neuen Fenster) , wie die Kernbausteine Neutronen und Protonen, sind nicht die kleinsten Teilchen, sondern bestehen ihrerseits wieder aus Quarks, die von Gluonen zusammengehalten werden. Die Bindung zwischen den Quarks ist sehr stark. Allerdings sollen sie unter bestimmten Bedingungen freigesetzt werden: bei einer Temperatur, die 100.000-mal höher ist als die im Innern der Sonne, oder einer Dichte, wie sie im Zentrum von Neutronensternen auftritt. Die Quarks verbinden sich dann nicht mehr zu Hadronen, sondern bilden zusammen mit den Gluonen das Quark-Gluon-Plasma. Mit Alice wollen die Wissenschaftler diesen Zustand, in dem die Materie sich einige Milliardstel Sekunden nach dem Urknall befand, erforschen.
Higgs-Boson
Eines der Ziele des LHC ist es, das sogenannte Higgs-Boson oder Higgsteilchen, zu finden. Der schottische Physiker Peter Higgs hatte die Existenz dieses Teilchens bereits in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts vorhergesagt. Bislang konnte es jedoch noch nicht nachgewiesen werden. Entstehen soll es aus der Kollision von Protonen. Allerdings können die Wissenschaftler kaum darauf hoffen, das Teilchen selbst zu sehen: Da es für ein subatomares Teilchen sehr schwer ist – seine Masse könnte 100- bis 200-mal so groß sein wie die eines Protons -, ist es instabil und zerfällt in Bruchteilen von Sekunden. Atlas und CMD sollen aber seine Reste registrieren können: spezielle Muster aus Streifen und Spiralen.
Dunkle Materie
Neben dem Higgs-Teilchen erhoffen sich die Wissenschaftler von den Experimenten im LHC neue Erkenntnisse über die dunkle Materie: Nach den derzeitigen Erkenntnissen der Forschung macht Materie, wie wir sie kennen, nur etwa fünf Prozent des Universums aus. Der Rest besteht zu einem Viertel aus unsichtbarer dunkler Materie und zu drei Vierteln aus dunkler Energie, die für die Ausdehnung des Universums verantwortlich ist. Beide werden dunkel genannt, weil die Materie und die Träger der Energie keine optischen oder elektromagnetischen Wellen abstrahlen und deshalb nicht zu sehen sind.
Grid
Während eines Experiments fallen jede Sekunde mehrere Gigabyte an Daten an. Im Jahr kommen so 15 Petabyte (15 Millionen Gigabyte) an Daten zusammen. Wollte man die auf CDs brennen, wäre der CD-Stapel ohne Hüllen 20 Kilometer hoch. Für die Analyse dieser Daten, etwa um die Zerfallsspuren der Higgs-Bosonen herauszufiltern, wären rund 100.000 aktuelle Prozessoren nötig. Das CERN-Rechenzentrum verfügt jedoch nur über ein Drittel davon. Statt die Kapazität vor Ort auszubauen, entschied man sich, die Rechenoperationen auszulagern. Mehrere zehntausend Computer auf der ganzen Welt werden die Daten aus den Teilchenkollisionen analysieren. Dazu hat das CERN zusammen mit der Europäischen Union eigens das " DataGrid-Projekt(öffnet im neuen Fenster) ins Leben gerufen.
Neben den Forschern am LHC können auch Wissenschaftler anderer Disziplinen auf das Grid zurückgreifen, wie etwa Geowissenschaftler, die damit Satellitenaufnahmen der Atomsphäre auswerten.
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| Video: Der LHC-Rap der Wissenschaftsjournalistin Katherine McAlpine |
Internationale Kooperation
Auch wenn das Projekt am europäischen Kernforschungszentrum CERN (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire) in Genf angesiedelt ist, handelt es sich um ein internationales Projekt: Am LHC arbeiten 5.000 Wissenschaftler und Ingenieure aus mehr als 40 Ländern der Erde mit. Teilchenphysik sei eben "immer auch ein soziologisches Experiment" , sagt DESY-Chef Heuer. "Die LHC-Experimente sind ein sehr schönes Experimentierfeld für zwischenmenschliche Beziehungen, für internationale Kollaborationen. Es sind ja alle Länder, die Teilchenphysik machen, am LHC beteiligt. Und diese Leute müssen Sie unter einen Hut bringen, sie müssen zusammen arbeiten. Das funktioniert wunderbar."
Kritik
Mehrere Gutachten entkräften diese Sicherheitsbedenken, die auch der designierte CERN-Chef für überzogen hält: "Sofern solche winzigen schwarzen Löcher erzeugt würden, hätten sie aufgrund ihrer geringen Masse nicht genügend Anziehungskraft, außerdem zerfielen sie sofort in Bruchteilen einer Sekunde. Im Universum, übrigens auch in der Erdatmosphäre, gibt es seit Milliarden Jahren Zusammenstöße von Teilchen weit höherer Energie und die Erde existiert immer noch" , beruhigt Heuer.
Ein Aufsatz, der in der aktuellen Ausgabe des Journal of Physics G: Nuclear and Particle Physics erschienen ist, belegt noch einmal die Sicherheit des LHC. Darin kommen die Autoren, Wissenschaftler von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, des CERN und vom Kernforschungsinstitut der Russischen Akademie der Wissenschaften zu dem Schluss, dass keiner der Partikel, die möglicherweise im LHC entstehen, eine Gefahr darstellt. Ein Gremium von 20 unabhängigen Wissenschaftlern hat diese Erkenntnisse bestätigt. "Die LHC-Sicherheitsbewertung hat ergeben, dass der LHC wirklich sicher ist" , versichert Jos Engelen, Chefwissenschaftler am LHC. "Sie hebt hervor, dass die Natur bereits das Gegenstück zu ungefähr 100.000 LHC-Versuchsprogrammen durchgeführt hat – und den Planet gibt es immer noch."
[Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung von Welt der Physik(öffnet im neuen Fenster) .]