Gespräch mit Mr. Ubisoft: Petz, Tom Clancy und Anno 1404
Golem.de: Wenn Sie heute ein neues Unternehmen gründen würden – auf welches Segment des Spielemarktes würden Sie sich konzentrieren?
Yves Guillemot: Ich denke, es ist vor allem eine Frage der Kompetenzen. Wenn ich gute Entwickler hätte, würde ich mich für die Konsolenspiele entscheiden, also für Nintendo Wii, Playstation 3 und Xbox 360. Und auch da hängt es dann vom Know-how ab, ob online oder offline. Online kann man sehr innovative Spiele machen, solange sie für die große Masse zugänglich genug gestaltet sind.

Golem.de: Warum finden Sie, dass Ubisoft in den genannten Bereichen gut dasteht?
Guillemot: Was ich an der Spielebranche spannend finde ist, dass die Konsumenten extrem schnell auf gute Spiele reagieren. Nun wissen wir, dass die meisten neuen Kunden deshalb mit dem Spielen anfangen, weil Spiele und Konsolen sehr zugänglich geworden sind. Deshalb konzentrieren wir uns sehr darauf, Spiele für diese neuen Kunden zu produzieren und in solche Titel zu investieren, in denen der Spieler sehr schnell Spaß hat.
Guillemot: Allein im letzten Jahr haben wir von unseren Casual-Reihen Imagine und Petz rund zwölf Millionen Einheiten verkauft. Wer sich für solche Titel interessiert, kauft normalerweise zwei Spiele – das heißt, dass wir gut sechs Millionen neue Spieler gewonnen haben, von denen sich 90 Prozent vorher nicht für die Produkte unserer Branche interessiert haben. Das ist eine riesige Erweiterung des Marktes.
Golem.de: Wie wichtig finden Sie den sogenannten Hardcoremarkt?
Guillemot: Auch dieser Markt wächst. Aber es ist doch so: Auch ein sehr zugängliches Spiel kann Hardcorespieler ansprechen. Ich finde es sehr wichtig, dass wir jedem Kunden das bieten, was er möchte. Deshalb sorgen wir dafür, dass sich unsere Spiele auf intelligente Weise an den Kunden anpassen. Bei erfahrenen Spielern steigt etwa der Schwierigkeitsgrad automatisch, sie haben es dann beispielsweise mit mehr Gegnern zu tun.
Golem.de: Wenn ich in zehn Jahren das Wort "Ubisoft" höre, an was denke ich dann? An Filme, Bücher oder an Spiele?
Guillemot: Wir wollen alle diese Dinge gleichzeitig tun. Unser Ziel ist es, dass der Spieler, der sich mit einem Single- oder Multiplayerspiel beschäftigt, direkt in der Umgebung dieses Spiels beispielsweise mehr über den Helden herausfinden kann und dann gleich wieder neue Erlebnisse mit ihm hat. Im Film kann man dann mehr darüber erfahren, was genau passiert ist, woher der Held kommt, wer seine Freunde und Feinde sind. Mit einer Fernsehserie können wir neue Figuren mit spannendem Hintergrund erschaffen. Und auch das Buch ist sehr wichtig – wir geben dem Spieler die Möglichkeit, sich in diese Welt hineinzuversetzen und viel mehr zu erleben, als wenn er nur ein Spiel spielt.
Golem.de: Wird es nicht extrem teuer, all die dafür benötigten Materialien herzustellen?
Guillemot: Die Leistungsfähigkeit der nächsten Konsolengeneration wird sich enorm erhöhen, sowohl die Grafikauflösungen wie die Animationen, etwa von Gesichtsausdrücken. Das, was wir an Grafik- und Animationsmaterial für Filme produzieren, wird also auch in Spielen nutzbar sein. Es sind dann auch die gleichen Menschen, die dieses Material herstellen. Wir in der Spieleindustrie können immer noch nicht alle wirklich guten Animationskünstler und Grafiker zu uns holen. Wir haben zwar sehr talentierte Mitarbeiter, aber die Filmindustrie ist ebenfalls stark. Ich will, dass die Besten in unserer Branche arbeiten, damit die Spiele noch besser werden.
Guillemot: Schon die aktuelle, aber noch mehr die nächste Konsolengeneration stellen höhere Anforderungen an die Grafikauflösung und Animation und den Aufbau der Figuren. Die Spezialeffekte, auf die sich Hybrid spezialisiert hat, sind genau die, die wir für die Verbesserung der Spiele brauchen. Das kommt also voll unseren kommenden Spielen zugute.
Golem.de: Welche Vertriebskanäle sind für diese Art von Multimedia wichtig – läuft das in fünf Jahren alles übers Internet, oder gibt es noch den klassischen Einzelhandel?
Guillemot: Ich denke, es wird eine Mischung aus beidem sein. Im Einzelhandel kann man die Sachen anfassen, sich beraten lassen und mit anderen Menschen darüber reden, wie gut ein Spiel oder ein Buch ist. Außerdem sind dort viele Produkte unter einem Dach. Das Internet ist aber auch enorm wichtig, weil es beispielsweise Rezensionen von anderen Spielern gibt, und weil man problemlos etwas herunterladen und ausprobieren kann. Ich glaube, dass es auch in zehn Jahren noch so etwas wie einen Einzelhandel gibt, der Medien verkauft, aber sicherlich wird das deutlich weniger sein als heute.
Golem.de: Ubisoft hat für sehr viel Geld die Namensrechte "Tom Clancy" gekauft. Warum?
Guillemot: Das ist eine sehr bekannte Marke – wegen der Bücher, aber auch wegen der Spiele. Wir haben den Namen damals mit der Firma Redstorm übernommen, und er hat uns enorm bei der Vermarktung der Spiele geholfen, insbesondere in den USA. Für uns war es eine absolute Notwendigkeit, in diesen Markt zu kommen. Damals hat sich unser Umsatz dort allein durch den Schriftzug "Tom Clancy" verdrei- bis vervierfacht.
Golem.de: Derzeit findet in der Spielebranche ein Konzentrationsprozess statt, zuletzt etwa mit dem Zusammenschluss von Activision und Blizzard zum neuen Marktführer. Wie will Ubisoft da mithalten?
Golem.de: Ubisoft hat eine ganze Reihe von Entwicklerstudios in der ganzen Welt gekauft, auch in Ländern wie Singapur und Indien. Wozu benötigen Sie diese enormen Kapazitäten?
Guillemot: Unsere Produkte werden immer aufwendiger, wir brauchen für die Entwicklung immer mehr Zeit und mehr talentierte und gut ausgebildete Künstler und Grafiker. Wir besitzen mehr Marken als früher und expandieren schnell.
Golem.de: Wie koordinieren Sie die Studios – und bedeuten diese weltweiten Strukturen nicht, dass ein Entwickler bei Blue Byte in Deutschland immer nur "Siedler"-Spiele produziert, während ein indischer Programmierer beispielsweise sein Leben lang an Handyspielen arbeiten muss?
Guillemot: Es ist sehr wichtig, dass wir Entwickler mit Leidenschaft haben. Wenn sie sich wirklich für etwas begeistern, bringen sich die Mitarbeiter viel stärker ein. Und ja, wenn wir uns in bestimmten Ländern engagieren, um die Kosten zu senken, dann funktioniert das nur für Teilbereiche, etwa die weniger wichtigen Teile der Grafik oder einige Sounds.
Golem.de: Das letzte Spiel, das Ubisoft neu angekündigt hat, war Anno 1404, eine sehr deutsche Marke. Wie wichtig finden Sie lokale Spielinhalte?

Guillemot: Das ist ein wesentliches Element, wenn die Branche weiter wachsen möchte. Die Spieleindustrie expandiert sehr schnell – 40 Prozent seit Anfang des Jahres 2008. Das Wachstum kommt von Casual-Titeln und von Kunden, die ihre Welt im Spiel wiederfinden möchten. Deshalb bin ich überzeugt, dass Inhalte etwa mit Bezug zu ihrem Land künftig viel wichtiger werden. Wenn es mehr Menschen gibt, die Spiele kaufen, lohnt sich auch der Aufwand für lokale Anpassungen.
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