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Test: Tenori-on - ein Musikinstrument auch für Nichtmusiker

Neuartiges Musikinstrument bietet einfachen Zugang zur Musik. Der Mischkonzern Yamaha hat mit dem Tenori-on ein Musikinstrument herausgebracht, das sich im Design und der Spielweise völlig von herkömmlichen Musikinstrumenten unterscheidet. Viele technische Fertigkeiten oder musikalisches Vorwissen braucht der Spieler nicht. Golem.de hat mit dem neuartigen Instrument musiziert.
/ Werner Pluta
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Ein Musikinstrument spielen zu lernen, erfordert Geduld, Übung und Verständnis für Harmonien. Das weiß auch der japanische Medienkünstler Toshio Iwai. Iwai erklärte im Interview gegenüber Golem.de, dass er lieber ein Instrument wollte, für dessen Beherrschung es weniger Aufwands bedarf und entwickelte in Zusammenarbeit mit Yamaha das Tenori-on.

Tenori-on - Test
Tenori-on - Test (05:25)

Rein äußerlich hat das Tenori-on nicht viel von einem Musikinstrument: Es hat keine Klaviertasten, keine Saiten, kein Mundstück. Der Nutzer hält ein 650 Gramm (ohne Batterien) schweres quadratisches Gerät mit einer Kantenlänge von 20 cm in der Hand. Das Bedienfeld ist eine Matrix aus 256 Leuchtdioden (LED). Ein Druck auf diese erzeugt Töne, die über interne oder externe Lautsprecher ausgegeben werden können.

In der Grundbetriebsart, dem sogenannten "Score"-Modus, werden Töne von links nach rechts stetig durchlaufend gespielt, optisch dargestellt durch eine Anzeige aus vier leuchtenden LEDs. Drückt man eine LED, wird ein Ton aktiviert und leuchtet. Die Tonhöhe hängt von der Position ab: Unten sind die tiefen, oben die hohen Töne.

Aktiviert man mehrere Töne, kommt schnell eine annehmbare Melodie zustande. Katzentöne, die ein Neuling normalerweise einem Instrument entlockt, gibt es nicht. Neben dem klanglichen setzt das Tenori-on zudem auf einen optischen Reiz: Eine Diode blinkt, wenn der dazugehörige Ton gespielt wird.

Das Tenori-on verfügt über mehrere Schnittstellen: Über einen Midi-Anschluss lässt sich das Instrument mit einem zweiten Tenori-on oder einem Computer verbinden. Ein Klinkenausgang (3,5 Millimeter) ist der Anschluss für einen Kopfhörer; man kann darüber das Tenori-on auch an die Stereoanlage oder einen Mixer anschließen. Ein SD-Karten-Slot bietet die Möglichkeit, eigene Kompositionen auf einer Speicherkarte abzuspeichern. Den Strom für den Betrieb liefert ein Netzteil oder sechs Mignon-Batterien.

Steht die Melodie, kann der ambitionierte Musiker variieren. Dazu nutzt er die Bedienelemente auf dem Rahmen aus Magnesium: auf dem linken und dem rechten Rand je fünf Funktionsknöpfe, am unteren ein Bedienrad, je ein Knopf zum Bestätigen und Abbrechen sowie ein Display, am oberen Rand ein Löschen-Knopf. Links und rechts davon befindet sich je einer der beiden kleinen Lautsprecher.

Über die Funktionstaste oben links etwa kann die Klangfarbe ("Voice") geändert werden. Insgesamt verfügt das Tenori-on über 253 dieser Voices, die von einem Yamaha-AWM2-Klanggenerator erzeugt werden. Darunter sind etwa nachgeahmte traditionelle Instrumente wie Orgeln, Streichinstrumente oder Flöten, eine Reihe von Schlaginstrumenten, vor allem aber eine Menge synthetischer Töne, die beispielsweise "ToyRobot", "Quasar" oder "Pixel" heißen, bis hin zu ambientartigen Sphärenklängen.

Zudem hat der Nutzer die Möglichkeit, an seinem Computer Voices selbst zu erzeugen. Eine mitgelieferte Software konvertiert diese in das vom Tenori-on genutzte Dateiformat (.tnw). Allerdings können nur drei Plätze mit eigenen Klangfarben belegt werden. Weiterer Kritikpunkt: Viele Töne sind sehr ähnlich, die nach Instrumenten benannten Stimmen klingen synthetisch. Hier wären ein breiteres Klangbild oder mehr Möglichkeiten zum Import weiterer Klangfarben wünschenswert.

Über andere Tasten lassen sich unter anderem die Abspielgeschwindigkeit (zwischen 40 und 240 Beats per Minute), die Tonlänge (10 bis 9.990 Millisekunden), die Lautstärke und die Tonhöhe (bis zu acht Halbtonschritte) verändern.

Vor allem aber kann man über die obere rechte Taste in neue Tonspuren ("Layer") wechseln, von denen insgesamt 16 zur Verfügung stehen. Während die Melodie in der ersten Spur weiterläuft, kann der Spieler diese in sechs weiteren "Score"-Spuren ergänzen, durch eine weitere Melodie in einer anderen Klangfarbe etwa oder durch eine Rhythmusspur. Über einen Wechsel zur Spur 16 ("Solo"-Modus) kann er zu seiner Melodie ein Solo spielen. In dieser Ebene ändert sich allerdings die Konfiguration der Tasten: Die Tonhöhe steigt wie bei einem Klavier von links nach rechts.

Je komplexer das Klanggebilde wird, desto größer der Spaß - akustisch, aber auch optisch: Immer noch läuft die Anzeige von rechts nach links durch. Sichtbar sind nur die aktiven Töne der jeweiligen Spur. Die LEDs der Töne aus anderen Spuren blinken jedoch, wenn der Ton abgespielt wird. Die verschiedenen Spuren haben dabei auch unterschiedliche Muster: So blinken die Töne einer Spur quadratisch, in einer anderen hingegen rauten- oder kreuzförmig auf. Insgesamt stehen sechs verschiedene Muster zur Auswahl, die in der Größe verändert werden können. Wenn dem Spieler eine Spur nicht mehr gefällt, kann er sie mit einem Druck auf die "Clear"-Taste löschen. Ein längerer Druck auf diese Taste löscht den Inhalt aller Spuren.

Ganz andere Möglichkeiten eröffnet der "Random"-Modus (Spuren 8 bis 11): Aktiviert man nur einen Ton, wird dieser dauernd wiedergegeben. Kommen weitere hinzu, werden diese in der Reihenfolge der Aktivierung abgespielt. Auch hier wird die Musik von einer Lichtanimation begleitet: Ein Lichtpunkt wandert von einem Ton zum nächsten. Erreicht er den Ton, erklingt dieser. Das ist wenig spannend, wenn man nur zwei oder drei LEDs aktiviert. Ordnet man hingegen die Töne als Gruppen auf der Matrix an, ergeben sich daraus interessante Effekte. Das liegt unter anderem daran, dass - da die Reihenfolge des Klickens ausschlaggebend ist - identische optische Muster unterschiedliche Klangmuster ergeben. Über eine Funktionstaste lässt sich das Muster rotieren und die Melodie so variieren.

Im "Draw"-Modus (Spuren 12 und 13) geht es, wie der Name nahelegt, weniger um das Musizieren: Der Spieler zeichnet Figuren wie Kurven oder Linien, die optisch und akustisch dargestellt werden. Spielerisch wird es im "Bounce"-Modus (Spur 14), in dem der Spieler Töne hüpfen lässt. Klickt er eine LED an, bleibt das Licht nicht bei ihr, sondern bewegt sich schnell - als ob es herunterfällt - über die darunter platzierten LEDs bis zum unteren Rand und prallt dort ab. Der Ton erklingt im Moment des Auftreffens. Je länger der Weg, desto länger ist auch das Intervall, bis der Ton das nächste Mal erklingt.

Einer der schönsten Modi des Gerätes ist der "Push"-Modus (Spur 15). Hält der Spieler eine Taste länger gedrückt, bleibt ein Ton stehen. Anders als in den anderen Spuren, wo eine Klangfarbe für die ganze Spur eingestellt wird, kann auf dieser Ebene jedem Ton eine Klangfarbe zugeordnet werden. Die zu diesem Modus gehörigen Klangfarben sind sphärisch, so dass sich in diesem Modus schöne Ambientstücke komponieren lassen, die dann mit einem treibenden Rhythmus unterlegt werden können.

Hat man sich erst einmal mit den Möglichkeiten, die das Tenori-on bietet, vertraut gemacht, macht das Spielen auf dem Instrument großen Spaß, und über das Komponieren, Töne-hüpfen-lassen oder Klangzeichnen vergehen ein oder zwei Stunden wie im Flug. Zwei Aspekte machen dabei die Faszination aus: Das ist zum einen die Kombination aus Licht- und Klangeffekten. Zum anderen sind es sicher die niedrigen Eintrittshürden: Ein Spieler kann auch ohne Vorkenntnisse dem Gerät schnell Melodien entlocken. Durch die vielen Variationsmöglichkeiten, die man entdecken und ausprobieren kann, wird das Spiel auf dem Instrument auch nicht so schnell langweilig.

Yamaha hat das Instrument bereits einigen Musikern in die Hand gedrückt, sie damit experimentieren lassen und die Ergebnisse auf die Tenori-on-Produktwebseite(öffnet im neuen Fenster) gestellt. Beteiligt waren unter anderen der Techno-, Ambient- und Trance-Musiker Atom Heart(öffnet im neuen Fenster) aus Chile, der Musiker, Produzent und Komponist Jim O'Rourke(öffnet im neuen Fenster) , Robert Lippok(öffnet im neuen Fenster) von der deutschen Band To Rococo Rot und der Elektro-Pop-Musiker Shaw-Han Liem(öffnet im neuen Fenster) (I am Robot and Proud).

Das Tenori-on ist für rund 900 Euro im Handel erhältlich.

Wer mehr über den Erfinder des Geräts wissen will, kann dazu das zu diesem Test gehörende Interview mit Toshio Iwai auf Golem.de lesen.

 
Video: Tenori-on - Test in HD (benötigt Flash 9, 5:25)

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