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Spieletest: Drakensang - Abtauchen in Aventurien

Radon Labs' Rollenspiel lässt klassische Genretugenden grandios aufleben. Aktuelle Rollenspiele sind einfach statt herausfordernd, haben keine Tiefe und zu viel Action - und eigentlich ist der Multiplayermodus das Wichtigste? Drakensang ist ganz anders: Das PC-Rollenspiel von Radon Labs setzt auf alte Tugenden wie eine Handlung, deren Spannungsbogen sich langsam aufbaut, und anspruchsvolle taktische Kämpfe.
/ Peter Steinlechner
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Ach, das Leben in einer Fantasywelt könnte so schön sein... Morgens zaubert man sich ein Frühstück mit Koboldschinken und Echsenrührei herbei, mittags dann ein Ausflug auf dem Drachenrücken, und abends folgen ein paar Bierchen in der Zwergenkneipe. Zu ärgerlich, dass es immer wieder griesgrämige Dunkelmagier oder andere Unholde gibt, die das Idyll stören - und in Drakensang(öffnet im neuen Fenster) sogar zur Gefahr für Leib, Leben und die gesamte Welt Aventurien werden. Das Fantasyabenteuer des Berliner Entwicklerstudios Radon Labs versetzt PC-Spieler in das Universum des Pen- and Paper-Rollenspiels Das Schwarze Auge(öffnet im neuen Fenster) . Drakensang beginnt im beschaulichen Dörfchen Avestreu, wo nur wenig die Friede-Freude-Eierkuchen-Atmosphäre stört, und entführt den Spieler dann in ein zunehmend düsteres Abenteuer voller Mord und Totschlag.

Drakensang - Test
Drakensang - Test (04:30)

Zum Start wählt der Spieler erst das künftige Alter Ego aus. Im Angebot sind 20 vorgefertigte Charaktere, darunter Thorwaler Piraten, elfische Waldläufer und mittelländische Bogenschützen - die meisten gibt es in männlicher wie weiblicher Version. Wer lieber seinen eigenen Helden backen möchte, wechselt in den Expertenmodus und kann dort neben Basiswerten wie Körperkraft, Konstitution und Gewandtheit auch Details wie die Beherrschung von Etikette, das Können im Umgang mit Fallen oder mit diversen Waffengattungen bestimmen. Das System ist gegenüber dem Pen-and-Paper-Rollenspiel vereinfacht, trotzdem können sich erfahrene "Das Schwarze Auge"-Spieler in den Zahlenwüsten verlieren. Alle anderen fahren mit den vorgegebenen Standardcharakteren besser, zumal es im Spielverlauf noch genug Möglichkeiten gibt, seinen Helden individuell anzupassen. Publisher dtp liefert neben einem gut gemachten, farbig gedruckten und aufwändigen Handbuch mit 84 Seiten auch "Das Schwarze Auge Basisregelwerk" als 290 Seiten starkes PDF auf der DVD mit.

Mit Steuerung und Bedienung machen sich angehende Megahelden im Dorf Avestreu vertraut. Seinen Charakter scheucht der Spieler mit einer Kombination aus Maus und Tastatur über Wiesen und Felder - was erst etwas hakelig verläuft, mit etwas Eingewöhnung aber flott von der Hand geht. Die Interaktion mit Gegenständen oder anderen Figuren läuft über die rechte Maustaste. Die ruft ein kontextsensitives Menü auf und erlaubt bei freundlich gesonnenen Menschen etwa die Wahl zwischen einem Gespräch oder Taschendiebstahl. Per Icon oder Tastaturschnellzugriff ruft der Spieler ein extrem übersichtliches Journal mit aktuellen und absolvierten Quests, einer automatisch mitgezeichneten Karte, sein Inventar oder die Seiten mit den Charakterwerten auf. Letztere kommen übrigens oft zum Einsatz, weil der Held in Drakensang seine Werte nicht nur nach einem Levelanstieg, sondern mit ein paar gewonnenen Erfahrungspunkten auch zwischendurch verbessern darf.

Die Handlung bringt den Spieler rasch vom ländlichen Idyll in die Großstadt, wo sich nach und nach auch herausstellt, was die Welt Aventurien tatsächlich bedroht. Eine Reihe von blutrünstigen Morden ist geschehen, irgendetwas tut sich mit übermächtigen Drachen der Welt - und dann ist da noch ein mysteriöser verhüllter Magier. Mittelpunkt der Welt bleibt die Metropole Ferdok, in die der Spieler immer wieder zurückkehrt und in der er im Verlauf der Handlung sogar sein eigenes Haus mitten in der Stadt bekommt, inklusive des zwergischen Hausverwalters Wirrwosch. Das Anwesen selbst birgt viele Geheimnisse und steht im Mittelpunkt einiger Nebenquests, die es nach und nach prächtiger aussehen lassen. Trotzdem kommt der Spieler weit herum in Aventurien: Er kämpft gegen Untote in einer Moorlandschaft, erkundet Höhlensysteme und Verliese, stolpert durch den finsteren Dunkelwald mit seinen gefährlichen Ogern und dringt in die von Orks belagerte Burg Grimmzahn ein.

Bei seinen Abenteuern ist der Held nicht allein unterwegs, sondern befindet sich bald im Kreise von zehn Kameraden. Drei davon sind immer mit im Trupp, die anderen erholen sich im Ferdoker Stadthaus; dabei bekommen sie übrigens genauso viele Erfahrungspunkte wie die anderen. Gleich zu Beginn schließt sich die ruppige Amazone Rhulana dem Helden an, später folgen Figuren wie der halbseidene Schönling Dranor und der bartlose Zwerg Forgrimm. Der Spieler kann jedes Gruppenmitglied als Anführer auswählen, der Rest folgt dann automatisch. Die Figuren liefern sich teilweise kleine Wortgefechte, und in Ansätzen gibt es auch Missionen zu ihnen, allerdings geht Drakensang dabei längst nicht so weit wie Baldur's Gate 2. Eine Auto-Update-Funktion gibt es nicht, jeder der Charaktere muss von Hand weiterentwickelt werden, was Zeit und manchmal auch Nerven kostet.

Anfangs bekommt es der Spieler nur mit Ratten und ähnlichen einfachen Gegnern zu tun, später stellen sich ihm auch Zombies und Skelette, Orks und Trolle sowie Banditen, Rieseninsekten und weitere Biester in den Weg. Die größte Herausforderung in Drakensang sind die Kämpfe. Sobald das furchtlose Quartett in die Nähe von Gegnern gelangt, bleibt das Spiel stehen und wechselt in den Kampfmodus. Ähnlich wie in Baldur's Gate darf der Spieler per Leertaste das Geschehen jederzeit pausieren, um jeder Figur spezielle Befehle zu erteilen. Der Magier soll erst mal die Geschicklichkeit des Trupps erhöhen, die Bogenschützin schon mal den stärksten Feind ins Visier nehmen, ein angeschlagener Recke heilt sich noch schnell, und der Zwerg bereitet schon mal einen Spezialangriff mit seiner Axt vor. Sobald die Vorbereitungen abgeschlossen sind, löst die Leertaste den Fortgang aus. Wenn einer der Kameraden im Kampf das Zeitliche segnet, ist das nicht weiter schlimm, weil er danach leicht benommen wieder aufsteht und sich rasch erholt. Nur wenn alle Beteiligten ins Gras beißen, ist das Spiel beendet. Was allerdings auch kein großes Problem ist: Der Spielstand lässt sich in Drakensang jederzeit außerhalb von Schlachten sichern. Die Kämpfe werden im Verlauf zur echten Herausforderung, bleiben dabei aber immer recht fair, sofern der Spieler seine Fähigkeiten sinnvoll weiterentwickelt hat und nutzt.

Die Welt von Drakensang ist in übersichtliche Gebiete geteilt, so dass es immer wieder zu kurzen Ladezeiten beim Erkunden der Welt oder beim Betreten von Gebäuden kommt. Grafisch kann sich das Programm sehen lassen: Die Figuren wirken detailreich und sind gut animiert - Genremaßstäbe setzt der Titel damit allerdings nicht. Die Welt wirkt schön und teils fast zu nett in Szene gesetzt. Es gibt viele Umgebungen mit Fachwerkhäuschen, grünen Wiesen und idyllischer Flora und Fauna. Dynamisches Wetter oder Tag- und Nachtwechsel gibt es nicht. Dafür sind die Zaubersprüche überdurchschnittlich effektvoll animiert. Es gibt nicht nur die weitverbreiteten Zauberkugeln und Lichtblitze, sondern durchaus auch mal Ungewöhnliches. Etwa, wenn ein Metamagier sein helfendes Skelett beschwört und sich dann urplötzlich die Welt verdunkelt, bis sich das Klappergerüst allmählich materialisiert.

Drakensang ist derzeit exklusiv auf Windows-PC erhältlich und kostet rund 50 Euro; eine limitierte Sonderedition mit ein paar Extras ist für 60 Euro zu haben. Das Programm benötigt mindestens einen Rechner mit XP oder Vista, sowie eine CPU mit 2,4 GHz und 1.024 MByte RAM unter XP und 1.536 MByte unter Vista. Auf der Festplatte müssen 6 GByte frei sein. Die Grafikkarte braucht 256 MByte RAM und muss DirectX 9c unterstützen. Drakensang ist von der USK ab zwölf Jahren freigegeben.

Fazit:
Wer Fantasyrollenspiele mag, für den ist Drakensang die Offenbarung des bisherigen Jahres. Obwohl das Programm mit seinen unzähligen Werten und Möglichkeiten schwergewichtig daherkommt wie ein dicker Troll, gelingt ihm doch ein feines Kunststück: Die Mischung aus Quests erledigen, packende Kämpfe absolvieren, Charakter aufpeppen und Handlung folgen - und noch viel mehr - ist so clever verpackt, dass sich tatsächlich der berüchtigte "Nur noch ein paar Minuten"-Effekt einstellt und irgendwann die Nacht vorbei ist.

Einfach macht es Drakensang dem Spieler allerdings nicht, ins Geschehen zu kommen. Die ersten ein, zwei Stunden sind von viel zu vielen Dialogen geprägt und verlaufen recht zäh. Und obwohl das "Schwarze Auge"-Rollenspielsystem sinnvoll vereinfacht wurde, stellt es im Vergleich mit anderen Regelwerken doch deutlich größere Anforderungen an Experimentierfreude und Durchhaltevermögen. Dazu kommen noch kleine Mängel beim Bedienkomfort, etwa die nur über einen Extraklick einsehbaren Werte von Waffen und Rüstungen oder das einen Tick zu umständliche Ausplündern von erledigten Feinden. Wer damit leben kann, wird allerdings mit viel Spieltiefe belohnt. Ein dickes Lob übrigens dafür, dass Drakensang keine offensichtlichen Bugs zu haben scheint und im Test extrem sauber lief. Das ist gerade bei komplexen Rollenspielen die Ausnahme.

 
Video: Drakensang - Test in HD (benötigt Flash 9, 4:30)

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