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Interview: Google hat Karten - OpenStreetMap hat Geodaten

Frederik Ramm über vier Jahre OSM. Zum vierjährigen Geburtstag des OpenStreetMap-Projekts sprach Golem.de mit Frederik Ramm über die Bedeutung der deutschsprachigen Community für OSM, über Stärken, Schwächen und die Zukunft der freien Karten.
/ Andreas Sebayang
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Frederik Ramm, Jahrgang 1972, ist mit Jochen Topf Co-Autor des Buches OpenStreetMaps – die freie Weltkarte nutzen und mitgestalten(öffnet im neuen Fenster) . Seit Ende 2006 ist er in der OpenStreetMap-Community vor allem rund um Karlsruhe aktiv. Er ist außerdem Betreuer des Java OpenStreetMap Editors(öffnet im neuen Fenster) und Geschäftsführer der Geofabrik(öffnet im neuen Fenster) , die Dienstleistungen rund um die Neogeografie anbietet.

Golem.de: Wieso eigentlich ? Es gibt doch Google Maps...

Frederik Ramm: Google Maps rückt die Daten nicht raus. Man kann sich zwar deren Kartenbilder anschauen, aber man kann keine eigenen Karten in anderem Stil berechnen. Man kann auch nicht selbst einen Routingalgorithmus darauf aufsetzen oder einfach nur die Dichte der Briefkästen in deutschen Großstädten zählen.

Google hat Karten – OpenStreetMap hat Geodaten. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Außerdem kann bei OpenStreetMap jeder mitmachen – ein korrigierter Fehler, eine neu gebaute Straße finden innerhalb weniger Stunden ihren Weg auf die Karte. Und schließlich hat OpenStreetMap eine freie Lizenz(öffnet im neuen Fenster) , man darf die Daten also für beliebige eigene Projekte verwenden. Das geht bei Google nicht.

Golem.de: Google hat kürzlich Map Maker und Fußgängerrouting vorgestellt. Ist das eine Reaktion auf das OpenStreetMap-Projekt, das sich nicht nur auf Belange von Autofahrern konzentriert? Oder ist es einfach nur eine logische Weiterentwicklung?

Ramm: Map Maker ist Googles Weiterentwicklung einer Technik, die intern zur Datenerhebung in Indien eingesetzt wurde. Google würde sich liebend gern auf das Einkaufen von Kartendaten beschränken, aber von vielen Gegenden gibt es einfach keine brauchbaren Daten zu kaufen. Mit Map Maker versucht man, diese Lücke zu füllen. Wir sehen das relativ gelassen. Google wird sicher viele Menschen für das Thema interessieren. OpenStreetMap wird als freie Alternative weiter seinen Teil vom Kuchen bekommen.

Beim Fußgängerrouting sehe ich das ähnlich: Ohne breite Benutzerbeteiligung kann man da keinen Blumentopf gewinnen. Bis Google die Menschheit auf die gekauften TeleAtlas-Daten loslassen darf, wird noch einige Zeit vergehen.

Golem.de: Wo liegen die Stärken des OpenStreetMap-Projekts?

Ramm: Die freie Verfügbarkeit der Daten setzt enormes kreatives Potenzial frei. Alle paar Wochen taucht irgendjemand erstmalig auf der Mailingliste auf und hat schon eine fertige Software gebastelt. Auf der Datenerhebungsseite ist unsere Stärke natürlich, dass jeder mitmachen kann, dass jeder sein Expertenwissen über seine Region – und sei dass nur die Information, wo an der Straßenecke der Bäcker ist und wo der Briefkasten – einbringen kann. Diese Communitybeteiligung ist der Kern des Projekts. Unsere Konkurrenten fahren halt immer nur mit ihren Vermessungsautos herum. Damit kriegt man den Schleichweg zwischen zwei Häuserblöcken nie erfasst.

Golem.de: Und die Schwächen?

Ramm: Wir haben keine weltweite Abdeckung. Noch! Außerdem ist unsere Community sehr auf die Kartendarstellung fixiert, was dazu führt, dass Informationen, die nicht auf der Karte stehen – zum Beispiel Hausnummern oder Abbiegeverbote – nicht gut erfasst werden. Es fehlt uns auch an Mechanismen, um zu beurteilen, wie vollständig oder wie korrekt wir sind. Wir versuchen, an offizielle Straßenlisten und Statistiken heranzukommen, so dass wir irgendwann sagen können: Im Landkreis soundso haben wir alle Bundes- und Landesstraßen und 98 Prozent aller benannten Straßen. Wirklich vollständig werden wir natürlich nie sein. Da könnte man genauso gut die Leute von der Wikipedia fragen: Wann seid ihr eigentlich mit eurem Lexikon fertig?

Golem.de: Wann hat OSM in Deutschland richtig losgelegt?

Ramm: Ich weiß nur so viel: Vor zwei Jahren war die Erde hier noch wüst und leer! Dann fing es mit einzelnen Zentren an. München und Karlsruhe waren anfangs sehr weit vorn dabei, ein grobes Autobahnnetz war auch bald drin.

Sobald es etwas vorzuzeigen gibt, zieht das Interessierte an. Unseren ersten größeren Auftritt in der Öffentlichkeit hatten wir, glaube ich, zum Linuxtag 2007. Seither sind wir nicht mehr zu bremsen.

Golem.de: Welchen Anteil hat die deutschsprachige Community an der Weiterentwicklung von OSM?

Ramm: Die deutschsprachige Community macht im Augenblick fast die Hälfte der Aktiven aus. Wir haben sogar das Gründungsland Großbritannien überholt, sowohl bei der Größe der Community, als auch bei der gesammelten Datenmenge. Bei der Erfassung von Hausnummern(öffnet im neuen Fenster) sind wir schon Vorreiter geworden.

Golem.de: Warum geht es in den USA, Spanien oder Japan nicht richtig los?

Ramm: Da spielen viele Faktoren hinein. In den USA haben die Leute jahrelang die freien TIGER-Daten(öffnet im neuen Fenster) gehabt, die nun in OSM importiert werden konnten. Allerdings sind diese Daten nicht der Weisheit letzter Schluss. Es kann sinnvoll sein, sie selbst zu verbessern, statt auf das nächste Release von Vater Staat zu warten. Dafür muss man die Leute sensibilisieren.

Andere Länder – dazu zähle ich Japan, aber auch Indien und vielleicht sogar Spanien – sind kulturell nicht so sehr auf das hemdsärmelige Selbermachen eingestellt. Selbst hier in Deutschland treffen wir auf die Haltung: "Es gibt doch die richtigen Daten vom Staat. Dürft ihr das denn überhaupt?" Das ist zum Glück nur selten.

Golem.de: Manche haben vielleicht Angst vor der Technik. Schon die Wikipedia ist nicht einfach zu bedienen. Was empfehlen Sie Nutzern, die nicht computeraffin sind, aber trotzdem bei OSM mitmachen wollen?

Ramm: Wir sind in vielen Gebieten über die Early-Adopter-Phase hinaus. Da sind jetzt keine Geeks mit GPS mehr gefragt, sondern Leute, die die Gegend kennen und aus dem Bauch heraus gleich die Straßennamen korrigieren, einen Briefkasten oder einen Satz Hausnummern einzeichnen können. Wer sich aber auch das nicht zutraut, der kann mit einem wirklich einfachen Dienst namens OpenStreetBugs kleine Markierungen auf die Karte malen: "Hier ist was falsch, kann das mal jemand prüfen" . Die erfahrenen Mapper können sich diese Anmerkungen dann auf ihr GPS laden. Wenn sie das nächste Mal an der Stelle vorbeikommen, wird nachgeschaut.

Golem.de: Die Darstellung bei OpenStreetMap unterscheidet sich von der Darstellung bei etablierten regionalen Stadtplänen. Trotz verschiedener Renderer gibt es einige unschöne Stellen. Ist mit den Geodaten hinter den Renderern überhaupt eine hübsche Darstellung möglich?

Ramm: Keine automatisierte Kartographie wird je handgemalten Karten das Wasser reichen können. Viele Onlineangebote basieren auf eingescannten Papierkarten oder zumindest auf manuell nachbearbeiteten digitalen Karten. Sie haben zwar eine ansprechende Optik, aber auch Nachteile: feste Zoomstufen, Änderungen sind aufwendig und das Routing fehlt. Diesen Weg können und wollen wir nicht gehen. Vielleicht finden wir einen Weg, dass unsere Mapper zusätzliche Renderinginformationen in die Karte einbauen können, so dass das Ergebnis hübscher wird.

Golem.de: Tut sich bei den mobilen Geräten etwas?

Ramm: Auf der diesjährigen 'State of the Map'-Konferenz hat Nick Whitelegg sein Freemap Mobile(öffnet im neuen Fenster) vorgestellt, eine J2ME-Anwendung, die sich vorrangig an Wanderer richtet. Einen vollständigen Editor auf einer mobilen Plattform haben wir noch nicht, aber Moving Map und Routing funktionieren mit einer Vielzahl von Anwendungen. Navit(öffnet im neuen Fenster) wird zum Beispiel sehr gern genommen – es läuft auf dem Nokia N810 , aber auch auf Windows-Mobile-Geräten sehr gut.

Da ist auf jeden Fall Dampf hinter. Anfragen auf Mailinglisten beginnen immer wieder mit: "Ich bastle gerade an einer mobilen Anwendung..."

Golem.de: Sie sind mit Jochen Topf Co-Autor des ersten OSM-Buches. War es schwer, mit den Verlagen über ein Projekt zu sprechen, das eigentlich keiner richtig kennt?

Ramm: Von ein paar größeren Verlagen haben wir Absagen kassiert, und der eine oder andere davon ist mittlerweile etwas zerknirscht angesichts des Projekterfolgs. Mit Lehmanns haben wir zwar keinen großen Namen als Verlag gewonnen, aber das Buch ist mit viel Liebe zum Detail entstanden und wirklich schön geworden. Die erste Auflage war im Juni ausverkauft, mittlerweile ist schon der Nachdruck in den Regalen.

Golem.de: Nächstes Jahr wird das OpenStreetMap-Projekt fünf Jahre alt. Was wird OpenStreetMap zum ersten richtigen runden Geburtstag erreicht haben?

Ramm: Nächstes Jahr um diese Zeit rechne ich mit einer ausreichenden Datenabdeckung für ganz Europa. Sicherlich wird es noch ein paar Lücken im ländlichen Spanien geben, aber zum Navigieren wird es ausreichen. In Deutschland werden wir sehr viel Arbeit mit den Hausnummern haben und insgesamt an der Verbesserung und Erhaltung der Qualität arbeiten.

Golem.de: Und nach weiteren fünf Jahren? Wird OSM eine ähnliche Bedeutung haben wie die Wikipedia?

Ramm: Ich vermute, dass es einfach selbstverständlich wird. Jede zweite Anwendung, mit der man in Kontakt kommt, wird OpenStreetMap-Daten einsetzen, ohne dass man darüber nachdenkt. Natürlich werden wir die ganzen Probleme haben, mit denen die Wikipedia kämpft. Es wird Edit Wars geben und Communitymitglieder, die gleicher sind als die anderen, eingetragene Vereine mit Vorständen, die etwas zu sagen haben, und und und...

Immens spannend finde ich die Anwendungsseite: Was die verrückten Hacker auf der Welt sich so alles mit unseren Daten ausdenken werden, das kann niemand vorausahnen. Da unterscheiden wir uns massiv von der Wikipedia. Bei denen ist das Endergebnis das, was man sieht. Bei uns sind die Karten, die wir anzeigen, nur eines von sehr vielen möglichen Produkten unserer Datensammlung.

Ende letzten Jahres hat jemand in ein paar Stunden ein Text-Adventure zusammengehackt(öffnet im neuen Fenster) , das mit OSM-Daten operiert: "Du stehst an der Karlstraße. Links ist eine Kirche, rechts kannst Du eine Treppe hinaufsteigen..." – Das sind die Dinge, auf die ich mich freue, und die es ohne OpenStreetMap kaum gäbe.


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