Test: Gigabyte M912 - das erste Netbook als Tablet-PC (Upd)
Convertible-Netbook mit Atom-CPU und Touchscreen. Beinahe wöchentlich kommen neue Netbooks mit ähnlichen Designs auf den Markt. Gigabyte wählt einen anderen Weg. Das erste Netbook des taiwanischen Herstellers ist ein Convertible, es lässt sich also wie ein Tablet-PC per Touchscreen bedienen. Damit ergeben sich neue Einsatzmöglichkeiten, aber auch einige Probleme.
Obwohl selbst der Intel-Chef vom Erfolg der neuen Gerätekategorie der Netbooks überrascht ist und die Mini-Notebooks als "für ernsthafte Applikationen ungeeignet" abqualifiziert , haben die Käufer längst ein anderes Urteil gefällt: Jede neue Lieferung eines Netbooks ist binnen weniger Tage ausverkauft. Der Boom der Netbooks ist ungebrochen.
Nach Asus mit zwei Modellen des Eee-PC und MSI, die das Medion-Netbook E1210 bauen, betritt nun mit Gigabyte der dritte der großen taiwanischen Hersteller von PC-Komponenten die Szene – die PC-Riesen Dell und HP lassen weiterhin auf sich warten. Gigabyte hat den im Vergleich zur Konkurrenz längeren Entwicklungszeitraum genutzt, um ein besonders günstiges Convertible zu bauen. Bei diesen Rechnern lässt sich das Display um 180 Grad drehen und auf die Tastatur klappen, das Netbook wird dann über seinen Touchscreen bedient.
Der Anwendungszweck Surf-Tablet liegt damit auf der Hand: Das M912 lässt sich komfortabel mit einer Hand halten oder aufrecht auf den Schoß stellen und nimmt kaum Platz ein. Derartige Geräte propagiert Microsoft als Tablet PC bereits seit 2002, am Markt durchsetzen konnten sie sich bisher nicht – vor allem, weil die Tablets im Vergleich zu ähnlich ausgestatteten Rechnern stets recht teuer waren.
Durch den sehr günstigen Atom-Prozessor von Intel ergeben sich nun aber die entscheidenden Sparpotenziale für die Hersteller, um auch günstige Tablet-PCs zu bauen. Das M912 von Gigabyte kostet je nach Ausstattung zwischen 460 und 560 Euro. Damit ist das Netbook zwar immer noch deutlich teurer als andere Vertreter dieser Kategorie – die Schmerzgrenze, die auch die Kunden immer wieder äußern, liegt hier bei 400 Euro. Als Tablet-PC ist das M912 aber konkurrenzlos günstig.
Wir testen ein von Gigabyte gestelltes Vorserienmodell in der größten Ausstattungsvariante mit 1 GByte RAM, 160-GByte-Festplatte und Windows Vista Home Basic nach unserem üblichen Verfahren für Netbooks. Dabei gehen wir aber auch auf die Besonderheiten des Touchscreens ein.
Konstruktion
Weder Tastatur noch Bildschirm allein sind beim M912 die begrenzenden Elemente, über die der Formfaktor definiert wurde. Neben der Tastatur im Raster von 15,4 mm bleibt ein Rand von 12 mm, um das Display sind es an den Seiten 2 cm. Letzteres ist aber durch das Tablet-Design geboten, irgendwo muss man das Gerät schließlich festhalten, wenn der Bildschirm umgeklappt ist.
Die Tastatur entspricht in Größe und Layout den Eee-PCs 701 sowie 900 und eignet sich mit einer Gesamtbreite von 20,7 cm nicht zum Zehnfingerschreiben. Die Tasten verfügen über einen vergleichsweise hohen Hub mit klarem Anschlag. Aber schon bei gefühlvollem Tippen biegt sich die Tastatur stark durch, sie federt dabei auch unmittelbar zurück. Das ist recht gewöhnungsbedürftig.
Gleiches gilt auch für die beiden Nasen, an denen sich das Display im Tablet-Modus einklinkt. Sie stehen neben der untersten Zeile der Tastatur 2,2 mm aus dem Gehäuse und kollidieren beim Tippen schnell mit den Handkanten. Das 5 x 4 cm große Touchpad entspricht dem Standard anderer Netbooks, es sitzt in der Mitte des Gehäuses, nicht vor der Mitte der Leertaste. Davor liegen die Maustasten, die leicht in die Oberschale versenkt sind – so erwischt man sie nicht irrtümlich.
Laut Gigabyte verzögerte sich die Vorstellung des M912, weil die Ingenieure ein besonders zuverlässiges Scharnier für das Display entwickeln wollten. Dieses Ziel scheint bei unserem Testgerät auch erreicht: Sowohl beim Betrieb per Tastatur als auch im Tablet-Modus wirkt die Mechanik sehr stabil. Bei jedem Öffnungswinkel – prinzipbedingt kann man den Bildschirm ganz aufklappen – sitzt das Display fest, es verstellt sich nicht. Bei Benutzung in Fahrzeugen federt der Monitor aber stärker als bei Netbooks, deren Display an beiden Seiten befestigt ist.
Wenn man das Display auf die Tastatur klappt, kann es sich durch die Nasen auf der Oberschale nicht mehr verschieben. Dann sucht man jedoch nach einem Stift zur Bedienung des Touchscreens. Den hat Gigabyte an der linken oberen Ecke des Displays versteckt, er ist zudem nur 10,5 cm kurz. Für die gelegentliche Benutzung reicht das aus. Wer den Tablet-Modus häufig nutzt, besorgt sich aber lieber einen auch als PDA-Pen bekannten Stift im Kugelschreiberformat.
Der Touchscreen bedingt auch den mit 11,6 mm recht dicken Deckel des Netbooks. Da auch eine 2,5-Zoll-Festplatte noch Platz finden musste, ergeben sich Maße von 23,5 x 18 x 3,8 cm. Das M912 ist damit so dick wie Standardnotebooks, seine Grundfläche nimmt aber immer noch deutlich weniger Raum ein als beispielsweise bei einem 12-Zoll-Notebook. Die Ausstattung – und hier vor allem die Festplatte – führt auch zu einem neuen Höchstgewicht für Netbooks: Zusammen mit dem Akku von 32,4 Wattstunden bleibt die Waage erst bei 1.335 Gramm stehen.
Dass es sich bei diesem Gigabyte-Rechner um ein recht ausgefallenes Gerät handelt, zeigt auch der Einschalter – "Wo geht der denn an?" waren die ersten Reaktionen von Kollegen. Gestartet wird der Rechner über einen Schiebeschalter an der rechten Gehäuseseite. Damit kann man ihn auch im Tablet-Modus einschalten, ohne ihn zuvor aufzuklappen.
Die Rückseite des Displays und der Rahmen um den Monitor bestehen aus Hochglanz-Kunststoff, der Staub und Fingerabdrücke wie magnetisch anzieht und freiwillig nicht mehr hergibt. Ob Gigabyte auch ein Poliertuch beilegt, ist noch nicht entschieden.
Zuverlässiger, aber spiegelnder Touchscreen Der größte Anziehungspunkt des M912 ist der Touchscreen. Nicht allein wegen der Funktion als Eingabegerät, sondern auch wegen der Auflösung. 1.280 x 768 Pixel bringt Gigabyte auf 8,9 Zoll Diagonale unter. Beim vorinstallierten Vista Home Basic sind sinnvollerweise schon "Große Schriftarten" eingestellt, so dass Standardanwendungen und Menüs ausreichend groß erscheinen. Bei Anwendungen, deren Schriftgrößen sich nicht skalieren lassen, erscheinen die Zeichen aber sehr klein, dieses Problem tritt jedoch bei allen hochauflösenden Notebookdisplays auf.
Eine Besonderheit des Touchscreens ist jedoch die zusätzliche Digitizer-Folie, welche die Berührungsempfindlichkeit bewerkstelligt. Wie bei den meisten Touchscreens sorgt sie auch beim M912 bei genauem Hinsehen für einen leichten Metallic-Effekt, wenn besonders kräftige und helle Farben dargestellt werden.
Überdurchschnittlich stark ausgeprägt ist jedoch die Spiegelung des Touchscreens. Zwar ist die Oberfläche des Displays selbst leicht aufgeraut, die Digitizer-Folie schimmert aber schon im ausgeschalteten Zustand in einem hellen Grau durch. Dieser Eindruck verstärkt sich im Betrieb noch: Ein echtes Schwarz beherrscht das Display schlicht nicht.
Der Digitizer scheint auch bei nur schwacher Beleuchtung jedes einfallende Licht zu reflektieren, der Benutzer sieht sich auch in Innenräumen bei dunklem Bildschirminhalt stets selbst. Im Freien ist selbst bei bewölktem Himmel und voller Displayhelligkeit kaum etwas auf dem Monitor zu erkennen, in direktem Sonnenlicht strahlt nur der Touchscreen in Silber-Metallic, nicht der Bildschirminhalt.
Da das Display auch im Dunklen viel zu wenig Kontrast aufweist, ist beispielsweise an Bildbearbeitung mit dem M912 besser nicht zu denken. Das ist besonders schade, weil die hohe Auflösung und die vergleichsweise große Festplatte gerade dazu einladen. Auch bei der Wiedergabe von Filmen stört der geringe Kontrast, dunkle Szenen führen zum Rätselraten ob des nicht mehr auszumachenden Geschehens.
Ein wenig entschädigen die recht kraftvollen Lautsprecher, die nicht nur Höhen zustande bringen und Dialoge gut verständlich machen. Ganz aufdrehen sollte man sie, wie bei den meisten Netbooks, aber nicht, sonst werden Verzerrungen deutlich hörbar.
Als Eingabegerät selbst macht der Touchscreen eine gute Figur. Auch kleine Symbole lassen sich mit einem Stift sicher treffen. Das klappt auch, weil Windows Vista die Tablet-Unterstützung schon mitbringt, anders bei Windows XP benötigt man keine eigene "Tablet Edition". Mit dieser Version von XP ist der Gigabyte-Rechner aber auch erhältlich. In der Installation von Gigabyte fehlen mit Vista jedoch Handschrifterkennung und Gestensteuerung über die so genannten "Flicks".
Benutzt man das M912 als Surf-Tablet, zeigt sich schnell, wo die Stärken des Geräts liegen: In der linken Hand liegt bei Rechtshändern das Gerät, mit der Rechten klickt man auf die Links. Das ist recht komfortabel, zur Not kann man auch die Finger benutzen – oder besser einen Fingernagel, um auch wirklich das Ziel des Klicks zu treffen. Das Display war zumindest in unserem kurzen Test kaum kratzempfindlich.
Hardwareausstattung
Inzwischen ist es schon fast Standard bei Netbooks: Intels Atom N270 (1,6 GHz) und der Chipsatz 945GME samt integrierter Grafik treiben das M912 an. Dazu kommen 1 GByte DDR2-667-Speicher. Die Festplatte ist in der umfangreichsten und von uns getesteten Ausstattung 160 GByte groß. Sie erreicht in den Außenbereichen 65 MByte pro Sekunde, ist also kein Sparmodell, sondern gute Mittelklasse.
Ebenfalls unspektakulär sind die Standardschnittstellen: 802.11b/g für WLAN, Fast-Ethernet, VGA-Anschluss, drei USB-Ports, SD-Slot, Mic-In und Line-Out sind vorhanden. Dazu kommen aber als Besonderheit noch Bluetooth 2.0 sowie ein Slot für Express-Cards, der allerdings nur 34 mm breit ist. 54 mm breite Express-Cards sind jedoch äußerst rar, so dass fast alle Erweiterungen in das M912 passen. Einen Slot für Erweiterungskarten bietet derzeit noch kein anderes Netbook. Beispielsweise UMTS-Karten lassen sich so leicht verwenden.
Die fixe Festplatte sorgt auch dafür, dass der Rechner nach der Ersteinrichtung Windows Vista in 22 Sekunden bis zum Desktop bootet. Klappt man das Netbook zu, so wird es in den Stand-by-Modus (ACPI S3, Save-to-RAM) versetzt. Daraus wacht es jedoch nur nach Ziehen am Einschaltschieber wieder auf, nicht durch Öffnen des Displays.
Den Luftauslass hat Gigabyte an der linken Seite angebracht und recht klein dimensioniert. Zudem wird der Großteil der warmen Luft nach unten geblasen, was aber auch auf dem Schoß kaum unangenehm ist – Atom-Netbooks werden nicht so heiß wie Geräte mit anderen Prozessoren. Störender ist schon die Erwärmung der rechten Handballenauflage durch das dort sitzende Speichermodul.
Der Lüfter erzeugt nach einigen Minuten im Betrieb ein leichtes Rauschen und schaltet sich nicht mehr ab. Er ist jedoch subjektiv betrachtet nicht besonders laut und nur in sehr ruhiger Umgebung überhaupt wahrnehmbar. Der Motor des Ventilators selbst erzeugt kaum Lärm, nur das Rauschen der Luft selbst fällt auf.
Auf der Rückseite des M912 befindet sich eine recht große Abdeckung, die für Erweiterungen gedacht ist. Sie ist mit nur drei zu lösenden Schrauben einfach zu öffnen, danach sind die SATA-Festplatte, der – einzige – SO-DIMM-Steckplatz sowie WLAN-Modul und Mini-PCIe-Slot leicht zugänglich. Die Festplatte hängt jedoch nach dem Öffnen der Abdeckung nur noch an ihrem Steckverbinder für Daten und Stromversorgung, so dass dabei Vorsicht geboten ist.
Vor allem der freie Slot für Karten nach Mini-PCI-Express bietet für Bastler viel Raum für Erweiterungen. Da WLAN und Bluetooth schon vorhanden sind, könnte man hier beispielsweise über einen internen DVB-T-Tuner nachdenken, muss sich aber wohl mit einer externen Antenne behelfen. Ganz intern anbringen lässt sich aber auch eine SSD – Modelle mit mehr Tempo als die SATA-Platte sind jedoch noch sehr teuer und als Mini-PCIe sehr schwer zu beschaffen.
Vista auf Netbooks und Benchmarks Eigentlich empfiehlt Microsoft für Netbooks mit ihren schwachen Prozessoren Windows XP. In der üppigsten Ausstattung liefert Gigabyte den M912 aber mit Windows Vista Home Basic, also ohne die Aero-Oberfläche mit ihren verspielten Effekten. Das ist auch gut so, denn in der Praxis bremst Vista mit nur 1 GByte Speicher das Gigabyte-Netbook aus – auch wenn das auf den ersten Blick nicht sofort sichtbar wird.
Die schnelle Festplatte sorgt dafür, dass Anwendungen schnell starten, öffnet man jedoch mehrere umfangreiche Programme, geht dem Mini-Notebook schnell der Speicher aus. Die Auslagerungsdatei wird ständig bemüht, und der Rechner fühlt sich immer zäher an. Dabei hat Gigabyte ohnehin schon die sonst aktive Sidebar abgeschaltet, um Speicher zu sparen.
Mit ein bis zwei Anwendungen und ohne große Dateien wie Bildern oder umfangreichen Tabellen lässt sich aber auch unter Vista auf dem M912 brauchbar arbeiten. Dennoch erscheint Windows XP als die bessere Wahl.
Die reine Rechenleistung unserer Testprogramme, die nur wenig Speicher brauchen, liegt auch mit dem M912 auf dem Niveau anderer Netbooks mit dem M912. SuperPI braucht eine Minute und 39 Sekunden für eine Million Iterationen auf der Suche nach der Kreiszahl. Und auch der Cinebench R10 kommt mit HyperThreading auf 835 Punkte. Das HyperThreading lässt sich beim M912, wie auch bei anderen Netbooks, nicht per BIOS abschalten. Wäre das der Fall, könnte man noch etwas Strom sparen.
Die USB-Ports erreichen auch mit über 30 MByte/s schnellen USB-Sticks bei unserem Gerät nur 16 MByte/s beim Lesen, eventuell fehlt hier noch ein besserer Treiber. Das SP1 war jedoch schon installiert, Gigabyte will dieser schlechten Leistung bis zur Markteinführung nachgehen.
Akkulaufzeit und Fazit
Gigabyte stattet das M912 mit einem Akku von 32,4 Wattstunden aus. In unserem Worst-Case-Test bei voller Helligkeit und mit WLAN unter 3DMark2001 in einer Schleife läuft der Rechner damit 1 Stunde und 42 Minuten. Das ist bei den derzeit verfügbaren Serienausstattungen der beste Wert für ein Netbook – dafür ist das M912 aber auch über 1,3 kg schwer.
Im praxisnaheren Test mit Surfen per WLAN und dem Installieren von Anwendungen von einem USB-Stick hielt der Rechner 3 Stunden und 22 Minuten durch, für ein Gerät dieser Gewichtsklasse ist das angesichts des Preises ein guter Wert.
Insgesamt scheint das Konzept des Tablet-Netbooks gelungen. Der kontrastarme und spiegelnde Bildschirm schränkt den Einsatzbereich jedoch stark ein. Als Surf-Tablet zu Hause ist das M912 bei diesem Preis konkurrenzlos, als ständiger Begleiter, der auch im Freien benutzt wird, eignen sich andere Netbooks wie das Medion E1210 oder das baugleiche MSI Wind U100 durch ihre nicht spiegelnden und viel helleren Bildschirme deutlich besser. Sie haben zudem eine größere und stabilere Tastatur.
Wer den Komfort des Touchscreens jedoch bevorzugt, bekommt mit dem M912 einen Tablet-PC zu einem Preis, der bisher noch nicht erreicht wurde. Ausprobieren sollte man das Gerät jedoch vor dem Kauf in jedem Fall selbst. Ab dem 1. September 2008 will Gigabyte die verschiedenen Modelle des M912 zu Preisen von 460 bis 560 Euro ausliefern.
Nachtrag vom 28. Juli 2008, um 15:45 Uhr: Anders als bei unseren Netbook-Tests sonst üblich, haben wir das Mainboard des M912 nicht komplett freigelegt. Es handelt sich um ein Einzelstück, das direkt nach Abschluss der Tests anderen Redaktionen zur Verfügung gestellt werden muss. Daher haben wir nun immerhin noch die Abdeckung für Speichermodule und Festplatte auf der Rückseite entfernt. Die Bilder finden sich samt Erläuterungen im Abschnitt Hardware-Ausstattung .