Interview: "Eine Halo-MMO-Welt wäre der nächste Schritt"

Phil Spencer: Uns geht es in Europa gerade prima! Im Frühling hat sich die Preissenkung für die Xbox 360 europaweit stark bemerkbar gemacht. Wir haben uns mit GTA 4 sehr gut geschlagen, das ja traditionell eine Playstation-Marke war. Wir brauchen tolle lokale Inhalte, um erfolgreich zu sein. Bislang stammen etwa 40 Prozent unserer eigenen Spiele aus Europa. Aus diesen Gründen hielten wir ein eigenes Büro für eine gute Idee.
Golem.de: In Deutschland verkauft die PS3 mehr Geräte als Xbox 360, die wichtigste Spieleplattform ist immer noch der der PC. Ist das vielleicht das Problem?
Spencer: Windows ist eine sehr wichtige Microsoft-Plattform für Spiele. Ich halte das für einen Vorteil für uns, nicht für ein Problem!
Golem.de: Wieso wird es dann Halo Wars nur für die Xbox 360 geben? Das ist doch klar ein Versuch, insbesondere die strategiebegeisterten Deutschen zum Kauf der Konsole zu bewegen.
Golem.de: Auf der E3 hat Microsoft am Montag HD-Filme und TV-Shows als das nächste große Ding für Xbox Live angekündigt, am Dienstag kündigte Sony seinerseits Downloadfilme für das Playstation Network an. Geht es bei den Konsolen nicht mehr vorrangig um Spiele?
Spencer: Unser Versprechen ist "Entertainment für Jedermann". Spiele sind eine Form der Unterhaltung, Filme und TV ebenfalls. Denken Sie an Primetime für die Xbox 360, das wir soeben angekündigt haben: Es erlaubt uns, Spiele zu machen, die TV-Shows und Spiele vermischen. Es geht hier nicht um eine bestimmte Art von Inhalt, sondern um breite Unterhaltung für viele verschiedene Leute.
Spencer: Nicht unbedingt. Wir haben doch auch wichtige Core Games für Xbox 360 präsentiert. Etwa Fallout 3, Fable 2, Final Fantasy 13, Gears of War 2...
Golem.de: ... das Sie in Deutschland nicht verkaufen werden können. Vom Vorgänger wurden laut Xbox-Europa-Chef Chris Lewis in Österreich mehr Einheiten verkauft hat, als es dort überhaupt Xbox-Konsolen gibt.
Spencer: Wir haben in Österreich tatsächlich große Mengen von Gears of War verkauft. Nun, Primetime ist sicher kein Core Game. Aber dieser Kanal zum Kunden, diese Art von Client-Server-Unterhaltung wird selbstverständlich auch eine Rolle bei unseren Core Games spielen. Wir werden keine unserer Technologien oder Distributionskanäle auf bestimmte Zielgruppen beschränken.
Golem.de: Sicher freuen Sie sich, dass Sie einige wichtige Spieleserien, die auf Konsolen bislang exklusiv für die Playstation waren, auch auf der Xbox 360 veröffentlichen können.
Spencer: Natürlich. Dass eine stolze und erfolgreiche Firma wie Square mit Final Fantasy 13 nun auch die Xbox unterstützt, zeigt die weltweite Bedeutung unserer Konsole.
Golem.de: Rechnen Sie sich damit auch in Japan endlich eine Chance aus? Dort muss man die Xbox 360 bislang als Misserfolg bezeichnen.
Spencer: Unser Erfolg in Japan entwickelt sich weiter. Japan bietet einen sehr reichhaltigen Nährboden für Spieleentwickler. Unser Lips wird von einem japanischen Studio entwickelt, das mit iNiS zusammenarbeitet, den Schöpfern von Spielen wie Beat Agents. Japan zählt für uns also nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch als Entwicklungsstandort. Daraus leite ich ab, dass die Xbox 360 im japanischen Markt durchaus Stärken hat.
Golem.de: Welche konkreten Ziele haben Sie im japanischen Markt?
Spencer: Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um über unsere Marktziele zu reden. Wir sind weiterhin in dieser Region engagiert. Aber wir müssen Prioritäten setzen, man kann nicht alles gleichzeitig angehen. Europa ist besonders wichtig für unseren langfristigen Erfolg, aber Asien auch. Auch Südamerika und Mexiko zeigen gutes Wachstum. Wir reden hier von weltweiten Möglichkeiten.
Golem.de: Fehlt Microsoft eine Handheld-Konsole à la Nintendo DS, um in Japan erfolgreich zu sein?
Spencer: Ich würde Handhelds nicht als unabdingbaren Schritt betrachten, um in Japan erfolgreich zu sein. Zweifellos sind DS und PSP dort sehr stark, aber das liegt vor allem an beliebten Spieleserien, die dafür umgesetzt werden. Wir schließen daraus, dass wir uns die richtigen Marken sichern müssen, die dann Erfolg haben werden.
Spencer: Unser Claim "Entertainment für Jedermann" fängt für mich selbstverständlich bei Spielen an. Ich denke aber, die traditionelle Grenze zwischen Casual- und Coregames verschwindet langsam. Ist Fable 2 nun ein Coregame, oder können es auch Gelegenheitsspieler genießen? Viva Piñata lässt sich als Aufbaustrategie spielen – oder man baut sich einfach Gärten, die einem gefallen. Klar, wenn Sie keine Musik mögen oder nicht singen wollen, sind Titel wie Lips nichts für Sie. Aber durch die bewegungsempfindlichen Mikrofone reicht es aus, wenn Sie nur mitklatschen! Wir wollen die Barrieren abräumen, unsere Spiele zu genießen. Das gilt sogar für Gears of War: Das ist nun wirklich ein Coregame, aber der Coop-Modus lässt sich so einfach einstellen, dass es simpler kaum noch geht. Man kann einfach mit einem Freund Spaß haben.
Golem.de: Wann kommen die MMOs wie World of Warcraft auf die Xbox 360?
Spencer: Der Erfolg dieser Spiele und deren begeisterte Communities, passen definitiv zum Spielerlebnis, das wir mit der Xbox 360 anbieten wollen. Nehmen Sie Halo 3. Das ist sicher kein MMO, es hat keine kontinuierliche Welt. Aber die Community von Halo 3 und die schiere Zahl der Spieler ist doch sehr beachtlich. Eine kontinuierliche Welt wäre der nächste logische Schritt. Ich bin sicher, dass wir das in Xbox-Spielen sehen werden. Die Server-Technologie, die etwa hinter Primetime: 1vs100 steht, lässt sich auch für andere Spieltypen verwenden.
Golem.de: Rock Band kopierte Guitar Hero, Lips kopiert SingStar. Nintendo ist erfolgreich mit Casual, daraufhin setzt auch Microsoft auf Casual. Wird es für die Xbox auch mal wieder originäre Ideen geben?
Spencer: Die erste Xbox hatte 2001 einen Ethernet-Port, der zu Beginn nutzlos war. Ein Jahr später haben wir ihn angeschaltet und Xbox Live verkündet.
Golem.de: Onlinespiele gab es schon viel früher.
Spencer: Onlinespiele ja, aber wir haben neue Unterhaltungsmöglichkeiten erschlossen. Alles, was wir heute für die Xbox 360 ankündigen, basiert letztlich auf dieser ursprünglichen Idee, uns live mit unseren Kunden zusammenzuschließen. Dazu gehören die Avatare...
Golem.de: ... die doch sehr an die Miis erinnern, die Nintendo bei der Wii eingeführt hat!
Spencer: Wenn man nur aufs Äußere achtet, könnte man das vielleicht denken – wobei unsere Avatare Beine und Füße haben. Für uns sind die Avatare die Onlineperson des Spielers. Man kann mit ihnen online Gruppen erschaffen, von Spiel zu Spiel springen, Fotos austauschen.
Golem.de: Mit anderen Worten: Dinge, die Sony längst für seine 3D-Community Home präsentiert hat.
Spencer: Aber wir werden das als Erste dem Kunden wirklich zugänglich machen! Sony kündigt für Oktober die Beta an, wir sagen, dass wir in diesem Herbst den gesamten Service veröffentlichen.
Spencer: Wir werden uns ein Rennen mit Sony liefern. Und unsere Avatare werden in Spielen wie 1vs100 tatsächlich auftauchen. Wir kündigen Neuigkeiten einfach nicht immer so früh an wie unsere Mitbewerber. Einer davon hat etwa gestern ein Spiel angekündigt, von dem es offensichtlich nur eine Powerpoint-Seite zu zeigen gibt. Wenn Sie sich nur einzelne Komponenten des neuen Xbox Live anschauen, können Sie uns ja kritisieren, aber Sie müssen unsere Gesamtvision der mit dem Internet verbundenen Konsole betrachten!
Golem.de: In den USA ist die Xbox 360 inklusive der Xbox-Live-Umsätze die Nummer-1-Plattform, kein Hersteller verkauft so viele Spiele pro Gerät. Doch in Europa ist es ein knappes Rennen, in Japan sieht es düster aus. Wieso fällt es Ihnen so schwer, außerhalb der USA zu punkten?
Spencer: Europa wird gern als ein Markt gesehen, aber das ist es nicht: Die Geschmäcker in Deutschland sind anders als in Russland oder Italien oder Spanien. Man muss einzelne Länder betrachten! Wir sind extrem erfolgreich im Großbritannien, wir sind sehr erfolgreich in den nordischen Ländern. In anderen Ländern haben wir noch etwas zu tun. Ich glaube fest daran, dass wir erfolgreich sein werden, wenn wir die richtigen Spiele an die richtigen Kunden in den einzelnen Märkten bringen.
Schauen Sie sich unser bisheriges Portfolio an, das war sehr gut auf Nordamerika ausgerichtet: Halos Master Chief! Marcus Phoenix aus Gears of War! Ich schäme mich nicht, die beiden als klassische amerikanische Charaktere zu bezeichnen. Aus eben diesen Gründen war es wichtig, dass mein Geschäftsbereich ein europäisches Büro eröffnet hat. Die neuen Avatare etwa hat Rare in England entwickelt. Denken Sie auch an Lionhead Studios oder an Remedy in Finnland. Die europäischen Entwickler sind wichtig für unseren Erfolg in dieser Region!
Golem.de: Nach dem faktischen Ende von HD-DVD: Wird es jemals eine Xbox 360 geben, die Blu-rays abspielt?
Spencer: Man sollte niemals nie sagen, aber wir haben keinerlei Pläne, der Xbox 360 irgendeine andere Disk-Technologie hinzuzufügen. HD-Filme liefern wir schon seit geraumer Zeit online aus, das scheinen nun ja auch Mitbewerber für sich zu entdecken. Ich weiß nicht, wie sich die Disk-Geschichte entwickeln wird. Für uns ist jedenfalls der Verkauf von Filmen via Xbox Live bereits ein enormer Erfolg. Nun sind Partner wie Netflix, Konstantin oder MGM hinzugekommen! Die Netflix-Partnerschaft ist natürlich zunächst auf den US-Markt beschränkt, aber sie zeigt, was wir strategisch vorhaben.
Golem.de: Derzeit ist die gängige Lebenszyklus-Prognose für die aktuelle Konsolengeneration bis zu 10 Jahre. Das hieße, erst um 2014 herum wäre mit der nächsten Generation zu rechnen. Wird diese dann überhaupt noch eine physikalische Form haben, oder reden wir dann bereits über virtuelle Konsolen, deren Inhalte übers Internet an Clients ausgeliefert werden?
Spencer: Das ist ein sehr guter Gedanke! Die Annahme, dass wir Konsolenhersteller den Leuten alle fünf bis zehn Jahre eine neue Plastikschachtel verkaufen wollen, mag sich in der Zukunft als falsch herausstellen. Momentan konzentrieren wir uns vollständig auf die Xbox 360. Gerade haben wir unsere Plattform neu erfunden, durch den Download eines neuen Dashboards und einer ganzen Reihe von neuen Funktionen. Man wird dazu keine neue Konsole kaufen müssen, sondern muss nur mit dem Internet verbunden sein, um das Update zu bekommen. Eine ans Internet angebundene Konsole mit Speicherplatz und der Leistung der Xbox 360 widerspricht der These von fünfjährigen Konsolengenerationen. In der Xbox 360 steckt noch eine Menge Lebenskraft!
[von Jörg Langer] (ps)