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Netzeitung vor dem Aus?

Mögliches Szenario: Marke erhalten, Mitarbeiter entlassen. Die Mecom Group hat angekündigt, 150 Stellen bei ihren deutschen Medien abzubauen. Am heutigen Donnerstag sollte eine Gesellschafterversammlung entscheiden, wie bei der Netzeitung gespart werden soll. Die Entscheidung wurde vertagt. Die Mitarbeiter der Netzeitung rechnen mit dem Schlimmsten.
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"Es gibt bei der Netzeitung keine Sparmöglichkeiten mehr" , sagte Matthias Breitinger, der Betriebsratsvorsitzende der Netzeitung Golem.de. Für den heutigen Donnerstag war eine Gesellschafterversammlung angesetzt, die Klarheit bringen sollte, wie der angekündigte Sparkurs bei der Netzeitung umgesetzt werden soll. Sie wurde kurzfristig verschoben. Im schlimmsten Falle, so Breitinger, rechnet die Belegschaft damit, dass alle Mitarbeiter gekündigt werden. Das sind derzeit etwa 15 Festangestellte, davon acht Redakteure. Seit neuestem gilt bereits die Anweisung, keine Texte mehr von freien Autoren einzukaufen. Das Budget wurde gestrichen.

Josef Depenbrock, als Geschäftsführer des Berliner Verlags auch für die Netzeitung zuständig, hatte zwar kürzlich auf einer Betriebsversammlung gesagt, die Netzeitung sei "eine starke Marke" , die bundesweite Beachtung finde. "Das deutet darauf hin, dass es ihm eben nur um die Marke geht, und nicht um die journalistische Qualität" , sagt Breitinger. Er befürchtet, dass von der Netzeitung nur die Fassade erhalten bleibt, auf der Seite aber nur ein Nachrichtenagentur-Feed und ein wenig "Service-Quatsch" übrig bleiben. "Geschichten, Analysen, Kommentare, das Altpapier und den Blogblick würde es in diesem Falle nicht mehr geben."

Bereits jetzt arbeitet die Netzeitung "am unteren Limit" , so Breitinger, schließlich hat die Netzeitung schon viele Sparrunden hinter sich. Bei der letzten kurz nach der Übernahme durch den Berliner Verlag vor einem Jahr wurden die Ressortleiter abgeschafft. Man könne nun auf keinen Mitarbeiter mehr verzichten, ohne dass die Qualität dramatisch abnimmt.

Die BV Deutsche Zeitungsholding von David Montgomery, zu der neben der Netzeitung und der Berliner Zeitung auch der Berliner Kurier, das Stadtmagazin tip und die Hamburger Morgenpost gehören, habe offensichtlich keine publizistische Strategie, was mit der 2007 erworbenen Netzeitung anzufangen sei. Zwischenzeitlich war eine enge Kooperation mit der Berliner Zeitung anvisiert, ein Umzug in einen gemeinsamen Newsroom im Verlagsgebäude in der Karl-Liebknecht-Straße war so gut wie vollzogen – vor rund zehn Tagen wurde das Projekt abgesagt.

"Es geht nicht um langfristige verlegerische Planung" , kommentiert Breitinger solche Zeichen, "sondern nur um Kostensenkung" . Anvisiert ist allgemein eine Umsatzrendite von 20 Prozent.

Hinter der wiederholten Vertagung der Entscheidung über die Zukunft – oder das Ende – der Netzeitung vermutet Breitinger hingegen eine Strategie: "Man will die Mitarbeiter so lange im Unklaren lassen, bis sie von selbst kündigen." Erst im Juni 2008 hat ein Mitarbeiter der Produktion die Netzeitung aus diesen Gründen verlassen. Außerdem wolle die Mecom möglicherweise warten, bis sich die Aufmerksamkeit der anderen Medien wieder gelegt habe, die derzeit ein reges Interesse am Schicksal der Netzeitung zeigen.

Vor dem Berliner Verlagshaus fand heute ein Warnstreik der Beschäftigten der TIP Verlag GmbH statt, der ebenfalls zum Berliner Verlag gehört. Die Gewerkschaften DJV und Verdi haben die Beschäftigten der anderen Medien der Deutschen Zeitungsholding zur Solidarität aufgerufen. Die Mitarbeiter der Netzeitung sind dabei.

In der niederländischen Royal Wegener Group, die zu Mecom Group gehört, hat man sich hingegen offenbar mit den Gewerkschaften geeinigt. Auch hier war eine Umsatzrendite von 20 Prozent das Ziel, was ebenfalls Stellenabbau bedeutet hätte. Dieses Ziel soll nun von allen Beteiligten neu festgesetzt werden. Ein Streik wurde abgesagt.


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