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Angetestet: Ein Blick auf Wine 1.0

Windows-Anwendungen und -Spiele unter Linux. 15 Jahre hat es gedauert, bis die Wine-Entwickler ihrer Software die Version 1.0 verpasst haben. Wine steht für "Wine is not an Emulator". Statt also Windows zu emulieren, werden die Windows-Programmierschnittstellen neu implementiert, um Windows-Software unter Unix-Systemen laufen zu lassen. Doch wie weit ist die Version 1.0?
/ Julius Stiebert
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Auch für ein Open-Source-Projekt – wo oft nichts von Veröffentlichungsterminen oder gar regelmäßigen Veröffentlichungszyklen gehalten wird – sind 15 Jahre eine lange Zeit. Über 200 Alpha- und über 50 Beta-Versionen gab es, bevor die erste als stabil bezeichnete Veröffentlichung anstand.

Wine 1.0 im Praxistest
Wine 1.0 im Praxistest (02:36)

Ein Grund dafür ist, dass sich die Wine-Programmierer ständig in einer Aufholjagd befinden. Schließlich setzten sie Microsofts Windows-Schnittstellen um. Und wenn Microsoft hieran etwas ändert, muss auch das Wine-Projekt nachbessern. Als 1993 mit der Arbeit an Wine begonnen wurde, war schließlich noch das 16-Bit-Betriebssystem Windows 3.1x aktuell. Mittlerweile konzentrieren sich die Entwickler freilich auf 32-Bit-Programme. Die Unterstützung für 64-Bit-Software soll erst in Zukunft folgen.

Die Vorteile von Wine gegenüber einer Windows-Installation in einer virtuellen Maschine liegen auf der Hand: Für Wine ist keine Windows-Lizenz nötig. Außerdem sind die mit Wine betriebenen Programme in das System integriert. So nutzen sie beispielsweise das Unix-Drucksystem Cups und Alsa für Sound. Die Fenster nehmen das Aussehen der verwendeten Desktop-Oberfläche an.

Andererseits ist auch ein virtuell laufendes Windows ein komplettes Windows. Mit Ausnahme einiger Programme, die spezielle Hardware-Anforderungen haben, läuft in einer virtuellen Maschine also jede Windows-Software. Einige fehlende Windows-Komponenten lassen sich auch bei Wine nachrüsten. Zum HTML-Rendering kommt die Mozilla-Engine Gecko zum Einsatz . Andere Windows-Bestandteile wie die Microsoft Foundation Classes (MFC), die viele in C++ geschriebene Anwendungen verwenden, und die Visual-Basic-Laufzeitbibliotheken können aus dem Internet heruntergeladen werden. Dies gilt auch für Windows-Schriftarten und proprietäre Multimedia-Codecs.

Für einige Linux-Distributionen und Unix-Varianten steht Wine als fertiges Paket zum Download(öffnet im neuen Fenster) bereit. Viele Linux-Distributionen liefern die Software auch direkt mit. Ist sie installiert, ist keine weitere Konfiguration nötig, aber möglich. Das kleine Werkzeug Winecfg erlaubt beispielsweise festzulegen, welchen Ordnern die von den Windows-Programmen benutzten Laufwerksbuchstaben zugeordnet sind. Auch für Audioeinstellungen und die Desktop-Integration ist Winecfg zuständig.

Anschließend reicht es, "wine setup.exe" aufzurufen oder die Installationsdatei einfach anzuklicken. Hierfür muss der Dateityp Exe korrekt Wine zugeordnet sein, was unter den meisten Linux-Distributionen bei der Wine-Installation automatisch erledigt wird. Dann wird die gewählte Anwendung über die jeweilige Installationsroutine eingerichtet – wie unter Windows.

Was wie läuft, verrät die Wine-Applikationsdatenbank(öffnet im neuen Fenster) . In den Listen mit den gut laufenden Programmen sind auffällig viele Spiele verzeichnet. Das war eine Anforderung der Wine-Entwickler für ihre Version 1.0, sie investierten viel Arbeit, um die Multimediaschnittstellen DirectX zu unterstützen. So laufen auch Spiele wie World of Warcraft, im Test allerdings langsamer als auf einem Windows-System.

Die Einträge in der Applikationsdatenbank sind jedoch immer nur als Hinweise zu verstehen. Adobes Photoshop CS2(öffnet im neuen Fenster) etwa soll laufen, sofern die Times32-Schrift installiert ist. Um das Klonwerkzeug zu nutzen, müssen unter Umständen Alt-Tastenkombinationen der verwendeten Desktop-Umgebung geändert werden. Im Test quittierte Photoshop dennoch einige Aktionen mit einem Anwendungsfehler.

Googles Sketchup(öffnet im neuen Fenster) war auf dem Testsystem mit Kubuntu 8.04 nicht zu gebrauchen. Denn der Arbeitsbereich der Anwendung blieb einfach schwarz, so dass sich keine Modelle erstellen ließen. Dafür laufen viele andere verbreitete Programme schon seit Jahren recht problemlos mit Wine. Darunter Microsofts Office-Paket und der Internet Explorer. Allerdings muss unter Umständen eine ältere Version gewählt werden. Der Windows Media Player lässt sich ebenfalls installieren, er spielt aber nichts ab. Apples iTunes läuft mit Wine ebenfalls unter Linux – wenn auch langsam.

Wer eine spezielle Windows-Anwendung unter Linux nutzen muss, fährt daher eventuell mit Codeweavers CrossOver(öffnet im neuen Fenster) besser. Die Software basiert auf Wine und enthält kleine Verbesserungen, die die Installation von Anwendungen erleichtern sollen. Zu den unterstützten Programmen zählen Microsoft Office inklusive der 2007er Version, Adobe Photoshop, Microsoft Project und Quicken – und für diese Anwendungen leistet Codeweavers Support.

Häufig lassen sich aber auch problematische Programme mit mehr oder weniger Handarbeit direkt unter Wine zum Laufen bringen. Müssen zusätzliche Komponenten eingerichtet werden, kann das Skript Winetricks(öffnet im neuen Fenster) helfen. Etwa für die DirectX-Einrichtung ist dies sehr nützlich. Die Installation verschiedener Programme vereinfachen möchte Wine-Doors(öffnet im neuen Fenster) , wer den Internet Explorer verwenden möchte, kann IEs 4 Linux(öffnet im neuen Fenster) dessen Installation übernehmen lassen.

Nicht zu vergessen, dass Wine auch in anderen Bereichen eine Rolle spielt. So kann die Software Firmen und Behörden bei einer Linux-Migration helfen, für das freie Betriebssystem nicht verfügbare Fachanwendungen weiter zu nutzen. Prominentes Beispiel ist die Stadt München, die Wine im Rahmen ihrer Umstellung auf Linux unter anderem für ihre Geo-Informationssoftware einsetzt.

Zudem verwenden Firmen Wine, um ihre Software für Linux anbieten zu können. So hat Borland schon 2001 Wine genutzt, um die Entwicklungsumgebung Delphi in Form von Kylix auf Linux zu bringen. Google hat seine Fotosoftware Picasa in Zusammenarbeit mit Codeweavers an Wine angepasst, um eine Linux-Version bereitzustellen. Und die Wine-Entwicklung geht weiter: Wie zuvor geben die Entwickler in regelmäßigen Abständen Testversionen frei. Aktuell ist derzeit Wine 1.1.1.

 
Video: Wine 1.0 im Praxistest in HD 720p (benötigt Flash 9) (2:36)

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