Test: AMDs Radeon 4850 und 4870 - Nvidia unter Druck
Chipgeneration RV770 ordnet den Markt neu. AMD läutet die "Era of Tera" ein: Der neue Grafikprozessor RV770 besitzt eine theoretische Rechenleistung von über 1 Teraflops. Davon kommt beim Spieler als echte Grafikleistung so viel an, dass zu Preisen der Mittelklasse nun schon Karten zu haben sind, die für fast alle aktuellen Spiele völlig ausreichen. Wir testen Radeon HD 4850 und 4870 und bieten zudem einen Ausblick auf Nvidias Konterversuch der GeForce 9800 GTX+.
AMDs Grafikabteilung ATI hat, mehr als jeder andere GPU-Hersteller, die holprig ablaufende Markteinführung von neuen Produkten zur Tradition gemacht. Die letzte vollständig neue Architektur R600 ( Radeon HD 2900 XT ) kam im Mai 2007 rund ein halbes Jahr später auf den Markt als ursprünglich geplant – und enttäuschte. Erst mit dem überarbeiteten RV670 ( Radeon 3800 ) zeigte sich, was in dem Design an Rechenleistung und Energieeffizienz steckt.
Die erste Multi-GPU-Karte für DirectX-10 von AMD, die 3870 X2 , verpasste das Weihnachtsgeschäft 2007 und kämpfte mit Treiberproblemen. Zwar liefen aktuelle Spiele fehlerfrei, aber nicht alle profitierten vom zweiten Grafikprozessor. Und auch bei der neuen Generation mit der GPU RV770 überschlugen sich zuletzt die Ereignisse.
Laut Aussagen von Grafikkartenherstellern war der neue Chip zunächst für den August 2008 geplant. AMD soll ihn diesen unbestätigten Angaben zufolge vorgezogen haben, um Nvidias GT-200 Paroli zu bieten – zumindest was den Neuigkeitswert der Grafikkarten betrifft, denn preislich spielen die schnellsten Nvidia-Karten in einer anderen Liga. Als schließlich in der vergangenen Woche die ersten 4850-Karten bei den Händlern auftauchten, gab AMD die ersten Benchmarks mit nicht einmal acht Stunden Vorwarnzeit für Hardwaretester frei.
Die zeigten sich nur selten begeistert, stellten der Leistung der neuen Karten aber ein gutes Zwischenzeugnis aus. Wie die Architektur aussieht, welche Energiemengen sie verschlingt und was das größere Modell 4870 kann, wollte AMD noch unter Verschluss halten.
Dabei – so viel sei an dieser Stelle vorweggenommen – muss sich AMD mit seinen neuen Produkten zum ersten Mal seit Jahren in keinster Weise verstecken. Im Gegenteil: Nvidias in puncto Preis/Leistung konkurrenzfähiges Produkt GeForce 9800 GTX wurde unmittelbar nach Erscheinen der Benchmarks im Preis gesenkt . Zu solchen Maßnahmen hat sich der Marktführer bei Spielegrafikkarten seit Jahren nicht mehr hinreißen lassen.
Produkte und Politik
Mehr noch: Zum ersten Mal seit zwei Jahren reichte Nvidia freiwillig bei Golem.de eine Grafikkarte zum Test ein. Kurz vor Ablauf der Sperrfrist von AMD erreichte uns eine "GeForce 9800 GTX AMP!" von Zotac. Statt mit 675 / 1.688 / 1.100 MHz für GPU, Shader und Speicher ist dieses Modell mit 750 / 1.750 / 1.150 ab Werk übertaktet. Wie Nvidia erklärte, soll diese Karte in der Rechenleistung der kommenden 9800 GTX+ entsprechen. Auf ausdrücklichen Wunsch des Chipherstellers haben wir daher die Zotac-Karte mit den neuen AMD-Modellen verglichen. Eine GT-200 stand weiterhin nicht zur Verfügung.
Auch die 4870 von AMD traf nicht einmal 24 Stunden vor der Freigabe für ausführliche Tests ein. Dies ist laut AMD kein Zeichen für einen "Paper Launch" – ab dem 25. Juni 2008 soll auch die schnellere Karte der HD-4000-Generation verkauft werden. Zwar rechnet AMD anfangs, bedingt durch den noch raren GDDR5-Speicher, mit Lieferengpässen, aber ein gewisses Kontingent der Karten soll gleich zum Start in den Handel gelangen.
Reine Marktpolitik sind auch die Preise der neuen Karten. AMDs Empfehlung für die 4850 beträgt 199 US-Dollar und 299 US-Dollar für die 4870. Die Euro-Preise für die 4850 haben sich bereits um 160 Euro eingependelt, für die 4870 rechnet AMD mit Kosten unter 250 Euro für Endkunden. Damit zielt AMD ganz genau auf die Mittel- und Oberklasse der gesteckten Grafiklösungen: Hier sind die Margen am höchsten, hier werden neben dem OEM-Geschäft die größten Stückzahlen verkauft, kurz: Dies ist der lukrativste Teil des Marktes.
Das Image des Technologieführers holt man sich jedoch über High-End-Produkte – und das ist auch der wesentliche Grund, warum Nvidia mit dem GT-200 aus 1,4 Milliarden Transistoren auf dem größten Die der Grafikgeschichte ein wahres Grafikmonster gezüchtet hat. Das geht jedoch mit enormen Produktionskosten einher.
AMD hat sich aus dem zweifelhaften Rennen um die "schnellste Grafikkarte der Welt" bereits mit dem R600 bewusst verabschiedet. Wie das Unternehmen im Vorfeld des RV770-Starts erklärte, verfolgt man in Zukunft eine klare Strategie. Als Erstes wird eine GPU der Mittelklasse gebaut, in diesem Fall für die 4850. Das gleiche Die kommt dann als Oberklasse-Grafikkarte wie nun die 4870 mit höheren Takten auf den Markt, danach folgt eine Karte mit zwei GPUs. Diese stellt dann das High-End-Produkt dar.
Während sich AMD also von der Mittelklasse nach oben hangelt, hat Nvidia nun ein High-End-Produkt auf dem Markt, aus dem durch einen Die-Shrink von 65 auf 55 oder gleich 45 Nanometer günstigere Karten abgeleitet werden sollen.
Damit AMDs Strategie aber aufgeht, muss das GPU-Design von Anfang an überzeugen. Beim R600 war das nicht der Fall, und wie nun hinter vorgehaltener Hand zu hören ist, gab es dafür auch einen handfesten Grund: Das Design soll einen Bug in der Hardware der Anti-Aliasing-Einheit aufgewiesen haben, der nur mühsam per Software umgangen werden konnte.
800 Shader-Einheiten – oder?
Dem Wettrüsten der Grafikarchitekturen kann sich auch AMD mit dem ganz auf Preis/Leistung getrimmten RV770 nicht ganz entziehen. Während Nvidia für seinen GT-200 eine theoretische Rechenleistung von 933 Gigaflops angibt, protzt AMD gleich mit 1 Teraflops beziehungsweise 1,2 Teraflops für 4850 und 4870. Beide Chiphersteller beziehen sich dabei auf Multiply-Add-Schleifen bei einfacher Genauigkeit. AMD zieht gleich noch den Vergleich mit dem ersten Teraflops-Supercomputer "ASCI Red", der 1996 fast 10.000 Pentium-Pro-CPUs brauchte – seine Teraflops aber nicht nur bei zwei Instruktionen erreichte.
Dennoch ist die Rechenleistung moderner GPUs beeindruckend, etwas frech ist nur, dass AMD in seinen Präsentationen vom "Terascale Computing" spricht. Erzkonkurrent Intel hatte durch seinen damaligen CTO Pat Gelsinger schon Anfang 2004 auf dem IDF die "Era of Tera" ausgerufen .
Um auf solche Zahlen zu kommen, hat AMD gegenüber den 320 Rechenwerken des R600 ganze 800 Shader-Einheiten in den RV770 gepackt. Sie heißen schon seit dem R600 auch "Stream Processing Units", im Folgenden kurz SPUs. In Nvidias GT-200 stecken "nur" 240 SPUs. AMDs Design ist jedoch grundlegend anders. Je fünf SPUs bilden eine MIMD-Einheit für "multiple instruction, multiple data". Das ergibt dann noch 160 MIMD-Kerne, die so eher mit den 240 SPUs des GT-200 vergleichbar sind. Die 800 Kerne arbeiten nur selten völlig unabhängig voneinander.
Weiter können aber auch noch 80 der SPUs bei AMD zu 10 SIMD-Kernen zusammengefasst werden, die also dieselben Befehle auf einen fortlaufenden Datenstrom anwenden können, "single instruction multiple data". Im MIMD-Betrieb arbeitet eine SPU der 5er-Blöcke als Akkumulator, wie in einem herkömmlichen Prozessor. Die restlichen vier Kerne rechnen und erreichen dann bei doppelter Genauigkeit laut AMD noch 240 Gigaflops.
Jeder der 10 SIMD-Kerne aus je 80 SPUs hat Zugriff auf eigene 16 KByte Cache, die man bei einer CPU als L1-Cache bezeichnen könnte. Dazu kommt außerhalb der Rechenwerke noch ein gemeinsamer Befehlscache von 16 KByte. Wiederum getrennt für die 10 SIMD-Blöcke gibt es einen L1-Cache für die Texturen, ebenfalls 16 KByte groß. Der L2-Cache für Texturen ist in vier 16-KByte-Blöcke geteilt, über einen Crossbar hat jede SIMD-Struktur Zugriff auf den gesamten L2-Cache und mithin 64 KByte. Erst danach sind die vier Speichercontroller zu finden.
Speichercontroller mit 3,6 GHz
Vom alten ATI-Prinzip des Ringbusses, beim R600 noch aktuell, haben sich die Chipdesigner schon beim RV670 verabschiedet – vor allem aus Gründen der Leistungsaufnahme, da der Ring ständig arbeiten muss. Stattdessen gibt es nun einen 256 Bit breiten Speicherbus, der auf den ersten Blick recht schmal erscheint.
Der Speichercontroller hängt jedoch an einem Hub, ebenso wie das Interface für PCI-Express-2.0, der Video-Decoder UVD2, die Display-Controller und die CrossFire-Verbindung. Vor allem der direkte Zugriff auf den Speicher durch den Hub dürfte dafür sorgen, dass der UVD2 nun einen Full-HD-Stream und einen SD-Stream gleichzeitig dekodieren kann. Der Rest der GPU hat dabei kaum etwas zu tun. Effektiv soll der Speichercontroller mit bis zu 3,6 GHz arbeiten und mit GDDR5-Speicher auf bis zu 117 GByte pro Sekunde an Transferrate kommen.
Von Grund auf neu gestaltetet ist auch das komplette Render-Backend des RV770, hier will AMD vor allem die Leistung bei Anti-Aliasing von 2x bis 8x verdoppelt haben. Im Endeffekt soll so achtfache Kantenglättung kaum mehr Rechenleistung kosten als vierfache. Da die Muster so spät eintrafen, blieb keine Zeit mehr, das auch zu überprüfen – wir holen das zu einem späteren Zeitpunkt nach.
Um all die Neuerungen unterzubringen, brauchte AMD bei gleicher Strukturbreite von 55 Nanometern 40 Prozent mehr Die-Fläche als der RV670, der RV770 belegt nun 260 Quadratmillimeter und ist damit nicht einmal halb so groß wie Nvidias GT-200 mit seinen 576 Quadratmillimetern. Diese GPU ist jedoch noch in 65 Nanometern gefertigt.
Die kleine Strukturbreite ermöglicht auch eine hohe Energieeffizienz. Für die 4850 kommt AMD noch mit 110 Watt maximaler Leistungsaufnahme und einem 1-Slot-Kühler aus. Die 160 Watt der 4870 müssen jedoch von einem doppelt breiten Kühlsystem abgeführt werden.
Da die 4850 die Wärme nicht aus dem Gehäuse führen kann, ist beim Einbau dieser Karte für einen gut durchlüfteten Rechner zu sorgen. Sie bläst die heiße Luft direkt nach oben in Richtung der Seitenwand, so dass dort ausnahmsweise ein saugender Lüfter sinnvoll ist.
Testplattform
Kern unseres Grafikunterbaus ist der momentan schnellste Desktopprozessor, der Core 2 Extreme QX9770 mit 3,2 GHz, 12 MByte L2-Cache und Penryn-Architektur . Es handelt sich um ein Serienexemplar, nicht mehr wie bei früheren Tests um ein Vorserienmodell.
Mit einem physikalischen FSB-Takt von 400 MHz (FSB1600) lief der Prozessor auf einem P35-Board (P5K Pro) von Asus ab der BIOS-Version 701 stabil. Zwar garantiert Asus den Betrieb des Mainboards nur bis FSB1333, das BIOS erkennt die CPU aber und stellt den höheren Takt selbsttätig ein. Angenehmer Nebeneffekt: Die 3 GByte DDR2-800-Speicher von OCZ (Timings 5-5-5-15) laufen so synchron zum FSB.
Als Betriebssystem kam für alle Tests Windows Vista Ultimate in der 32-Bit-Version zum Einsatz. Leistungszehrende Dienste wie die Datenträgerindizierung, Sidebar oder der Windows Defender wurden abgeschaltet. Der Schwerpunkt bei den getesteten Spielen liegt bei DirectX-10 – immerhin sind inzwischen etliche Titel für diese Grafikschnittstelle erhältlich, zudem werden die Grafikkarten auch ausdrücklich mit DX-10-Fähigkeiten beworben.
Bei den Auflösungen konzentrieren wir uns auf praxisgerechte Werte, die auch populären Monitorformaten entsprechen. So lässt sich etwa von den Messungen in 1.600 x 1.200 Pixeln darauf schließen, dass ein Spiel auch auf den derzeit laut Monitorherstellern besonders gut verkauften 22-Zöllern mit 1.680 x 1.050 Pixeln entsprechend läuft.
Zum Test traten eine 4850 und 4870 in den Referenzdesigns von AMD an, die Karten wurden auch vom Chiphersteller gestellt. Nvidia schickte eine 9800 GTX von Zotac ins Rennen, deren GPU, Shader und Speicher mit 750 / 1.750 / 1.150 MHz liefen und somit übertaktet waren. Zotac gewährt jedoch volle Garantie auf diese Werkseinstellungen. Laut Nvidia soll die Leistung dieser Karte einer kommenden GTX+ entsprechen.
Die von MSI stammenden GeForce-Karten dieses Tests sind ab Werk ebenfalls mit voller Garantie übertaktet, für diesen Test wurden sie statt mit 610/1000 mit 575/900 MHz (GTX) und statt mit 730/970 mit 650/970 MHz (GTS/512) für GPU und Speicher betrieben. Alle Grafikkarten wurden bei abgeschaltetem V-Sync getestet.
Die Nvidia-Karten wurden mit dem aktuellsten, nicht mehr als Beta bezeichneten Treiber 175.16 samt WHQL-Prüfung getestet. Für die Radeon 3870 X2 kam der aktuelle Catalyst 8.6 zum Einsatz, die 4000er-Karten liefen mit einem Betatreiber von AMD. Zwar sollten sie auch schon mit Catalyst 8.6 funktionieren, AMD will jedoch kurz nach Marktstart einige Hotfixes bis zum Catalyst 8.7 nachreichen, welche die Betatreiber schon enthalten.
Synthetische Benchmarks
3DMark06 ist inzwischen technisch deutlich überholt – aber immer noch das klassische Testprogramm für Grafikkarten. Der Benchmark basiert nicht auf der Engine eines kommerziellen Spiels, spricht aber auch auf kleine Leistungsunterschiede sehr fein an.
Das erklärt auch, warum die X2 sich hier deutlich absetzen kann – ganz anders als in allen anderen Tests. Die beiden GPUs werden voll genutzt, die 4870 ist ihr aber dicht auf den Fersen.
Nahezu Gleichstand herrscht auch zwischen der GTX und der 4870, die 4850 wird jedoch deutlich geschlagen. Dass die anderen Tests ein anderes Bild zeichnen, zeigt wieder einmal, dass man sich nicht blind auf 3DMark-Werte verlassen sollte.
Das gilt auch für 3DMark Vantage, der DirectX-10 unterstützt. Hier liegt die 4870 uneinholbar vorne, diese Karte skaliert auch sehr gut mit höheren Auflösungen.
Im "Extreme"-Modus mit 1.920 x 1.200 Pixeln und vollen Shader-Effekten ist sie ein Drittel schneller als die 9800 GTX. Diese Nvidia-Karte wird hier sogar klar von der 4850 abgehängt.
Crysis
Dieser 3D-Shooter aus deutschen Landen gilt zurecht als Hardwarefresser: Jedes Quäntchen Leistung der Grafikkarte kann Crysis in noch bessere Bilder umsetzen. Zwar ist das Spiel auch auf schwächeren GPUs schon in der Detaileinstellung "Medium" spielbar, sieht dann aber kaum besser aus als drei Jahre alte DirectX-9-Titel. Erst "High" bringt realistischere Beleuchtung und zahlreiche Spezialeffekte, DirectX-10 ist erst mit "Very High" möglich – wenn man nicht die Konsole bemüht oder die Konfigurationsdateien ändert.
Obwohl die aufwendigen Shader-Effekte in Crysis mit kräftiger Mithilfe von Nvidia entwickelt wurden, ist das Spiel inzwischen auch auf einer AMD-Karte sehr gut spielbar. Schon die 4850 liefert bis 1.600 x 1.200 Pixel gut spielbare durchschnittliche Wiederholraten in "High", in diesem Modus hält die GTX auch mit einer 4870 gut mit. Nvidia empfiehlt für sehr hohe Auflösungen mit allen Details und Filterfunktionen dennoch ein Gespann aus drei Ultrakarten mit Triple-SLI.
In "Very High" ist das Spiel auch jenseits von 1.280 x 1.024 Pixeln mit den hier getesteten Karten gut spielbar, insbesondere das durch Nebel und äußerst realistisches Schneetreiben geprägte Level "Paradise Lost" ruckelt kaum noch. Seit dem Patch 1.1 – wir verwenden Patch 1.2 – lässt sich dieser Abschnitt über die Datei "benchmark_cpu2.bat" nun auch recht einfach testen, zudem patcht die Aktualisierung ohne Hinweis auch einen Spielstand für dieses Level in die Verzeichnisse.
Wie sehr die umfangreichen Shader-Effekte von "Paradise Lost" von GPU-Takt und Speicherleistung abhängen, zeigt der Vergleich von 4850 und 4870: 20 Prozent mehr Leistung bietet die teurere Karte im Schnitt. Sie ist in diesem Level auch deutlich schneller als die GTX. Die Behauptung, Crysis laufe nur auf Nvidia-Karten schnell, ist nun also nicht mehr richtig.
Anti-Aliasing ist mit einer Grafikkarte, auch mit einer 4870, für Crysis immer noch nicht zu empfehlen: Schon die Einstellung 2x ist rund 18 Prozent langsamer. Da das Spiel intern schon die gröbsten Kanten filtert, ist der optische Vorteil im Vergleich zu anderen Titeln ohnehin gering und erst ab 4x deutlich sichtbar. Die Messungen erfolgten daher auf allen Karten ohne Anti-Aliasing und anisotropische Filterung.
Unreal Tournament 3
Der neben Crysis am heißesten erwartete DirectX-10-Titel war die nach offizieller Nomenklatur dritte Ausgabe des Multiplayer-Shooters Unreal Tournament. Wie alle Unreal-Spiele ist auch diese Version allerdings eher von der CPU als von der GPU limitiert. Wir testen daher mit 4x-Anti-Aliasing und 8x-Anisotropie, was alle Grafikkarten sehr gut bewältigen. Das gilt sowohl für das Botmatch auf der Map "Coret" wie auch den Flug durch das große Außenlevel "Torlan" mit seinen hohen Sichtweiten.
Auch die kleine 4850 liefert hier trotz Filterfunktionen und hohen Auflösungen gut spielbare Frameraten, den Kampf um die Spitze fechten aber 4870 und GTX aus. Die X2 liegt stark zurück, da offenbar die zweite GPU nicht genutzt wird. Wie viel ein sehr schneller Speicher auf einer Grafikkarte an spürbarer Spieleleistung bringt, zeigt die 4870 hier klar.
Zu beachten ist dabei stets, dass UT3 über die Option "Smooth Framerate" – seit Patch 1.1 im Menü – selbst dafür sorgen kann, dass die Bildrate nicht unter 22 fps und nicht über 62 fps liegt. Diese Voreinstellungen reduzieren dabei im schlimmsten Fall Details, was sich aber beim Spielen nur noch erahnen lässt, beim Betrachten von Demo-Replays aber sichtbar ist. Für die Tests der maximalen Leistung der Grafikkarten schalteten wir diese Option daher aus.
Company of Heroes
Einen Sonderfall stellt das Echtzeit-Strategiespiel Company of Heroes dar. Mit einem 1,7 Gigabyte großen Patch brachten die Entwickler dem Titel nach Erscheinen DirectX-10-Funktionen bei. Die optischen Unterschiede fallen nicht so spektakulär aus wie etwa bei Crysis, sind aber durch mehr HDR-Funktionen und Spezialeffekte wie bei Wasser und Explosionen gegenüber dem DX9-Modus deutlich sichtbar.
In höheren Auflösungen können die neuen AMD-Karten hier deutlich bessere Geschwindigkeiten erzielen als die GTX. Auch die X2 wird von der 4870 abgehängt, und selbst die 4850 kommt nah an die Leistung der doppelt so teuren Karte heran.
Wie sehr ein DirectX-10-Codepfad bremsen kann, zeigte sich, als wir die X2-Karte bei 1.920 x 1.200 Pixeln mit sonst unveränderten maximalen Einstellungen unter DirectX-9 – aber immer noch mit Vista – testeten: Aus den 38,7 fps wurden 60,2 fps. Dass diese 56 Prozent Mehrleistung den Verzicht auf ein bisschen optische Opulenz rechtfertigen, kann wohl jeder Spieler leicht entscheiden.
Call of Juarez / Trackmania United
Die Demoversion des Westernshooters "Call of Juarez" wird von AMD gerne als DirectX-10-Benchmark empfohlen. Seit jeher beteuern die Entwickler von Techland aber, keinerlei AMD-spezifische Optimierungen vorgenommen zu haben und sich nur an Standardfunktionen der Grafikschnittstelle orientiert zu haben. Dass das offenbar zutrifft, zeigen die aktuellen Benchmarks – bisher lag AMD hier uneinholbar vorne .
Inzwischen hat Nvidia jedoch anscheinend seinen Treibern auch dieses Spiel beigebracht – und ist ein wenig schneller als die 4850. Die Multi-GPU-Karte X2 und die 4870 liegen gleichauf, mit leichten Vorteilen für die 4870. Hier zeigt sich erneut, was eine neue Architektur mit einem Prozessor gegenüber zwei älteren Chips bringen kann. Wir testen mit 1 Kilobyte großen Shadow-Maps ohne Anti-Aliasing und normalen Details für die Schatten.
Beim reinen DirectX-9-Spiel "Trackmania United", das über knallbunte Shader-Effekte inklusive HDR verfügt, siegt die GTX deutlich. Der interne Benchmark des Spiels mit 4x-Anti-Aliasing und 8x-Anisotropie bei der Detaileinstellung "Sehr hohe Qualität" läuft jedoch auch bei 1.920 x 1.200 Pixeln auf der 4850 noch mit 60 Bildern pro Sekunde und damit sehr flüssig.
Wir testen Trackmania United im Übrigen, wie auch andere Redaktionen, ohne den Effekt der Bewegungsunschärfe. Dieses "Motion Blur" macht nicht nur das Spiel schwerer, sondern bremst auch in allen Konfigurationen AMD-Karten um fast die Hälfte aus.
Leistungsaufnahme
Gemessen wird hier stets das Gesamtsystem an der Steckdose und zwar einmal nach mehreren Minuten ruhendem Desktop von Windows Vista samt Aero-Oberfläche – allerdings ohne Sidebar – und einmal unter Volllast. Dafür lassen wir den Test "Firefly Forest" bei 1.920 x 1.200 Pixeln mit jeweils 8x für Anti-Aliasing und Anisotropie laufen und geben über drei Messungen den gemittelten Spitzenwert an.
Besonders sparsam sind auch die neuen AMD-Karten nicht – dasselbe System erreicht mit der allerdings deutlich schwächeren 3850 deutlich unter 100 Watt im Idle-Modus. Im Falle der 4870 wird die GPU statt mit 750 MHz bei Spielen für den Windows-Desktop mit 550 MHz getaktet. Laut AMD haben die Boardhersteller hier noch Spielraum für geringere Takte.
Die Referenzkarte nimmt jedoch im selben Rahmen Leistung auf wie sogar die X2 und die GTX, welche noch mit 65 statt 55 Nanometern gefertigt ist. Unter Last liegen GTX und 4870 im selben Rahmen, die neue AMD-Karte ist aber noch 12 Watt sparsamer. Dabei schwankt die Leistungsaufnahme jedoch stärker als bei den Nvidia-Karten, je nach Anwendung kann die Karte über die gesamte Nutzungszeit gerechnet also sparsamer sein.
Mit knapp 40 Watt weniger unter Last ist die 4850 deutlich genügsamer, völlig indiskutabel bleiben die auch laut Datenblatt knapp 200 Watt, welche die X2 mit 3D-Anwendungen aufnehmen kann. Die 4870 ist bei vielen Anwendungen schneller, und über 80 Watt sparsamer.
Fazit:
Noch nie gab es so viel Rechenleistung für so wenig Geld. Dieses Fazit könnte eigentlich unter jedem Hardwaretest stehen, denn sonst hätten neue Produkte wenig Sinn. Im Falle der 4800er-Generation von AMD krempeln die neuen Karten aber gleich den Markt um. Eine 150-Euro-Karte, die in der für 22-Zoll-Displays typischen Auflösung von 1.680 x 1.050 samt Anti-Aliasing mit DirectX-10-Spielen nicht in die Knie geht, gab es schlicht noch nicht. Der Einstiegspreis für anspruchsvolles Spielen am PC ist durch die HD 4850 um rund 100 Euro günstiger geworden.
Schon diese kleine Karte der neuen AMD-Serie ist in vielen Tests schneller als die bisher noch über 200 Euro teure 9800 GTX von Nvidia. Und die 4870 hängt bis auf Trackmania United auch eine übertaktete 9800 GTX, die laut Nvidia der kommenden GTX+ entsprechen soll, in allen Leistungsmessungen ab. Vor allem mit höheren Auflösungen und bei Anti-Aliasing zeigt die 4870, was sie kann. Wenn sich der von AMD für diese Karte angepeilte Preis von unter 250 Euro auch am Markt durchsetzen lässt, hat Nvidia ein größeres Problem.
Mehr Geld müssen nämlich nur absolute Technikfans mit 30-Zoll-Monitoren ausgeben, um eine der GT-200-Karten zu erstehen, die erst ab 300 Euro zu haben sind. Zwischen den nun unter 200 Euro angebotenen 9800-GTX-Karten und den GT-200-Modellen klafft eine Lücke.
In die will AMD mit CrossFire-Verbünden aus zwei 4850-Karten vorstoßen, was dem Anwender aber wieder die bekannten Probleme bringt: hohe Leistungsaufnahme, Mikroruckler und die Abhängigkeit von Treiberunterstützung für jedes einzelne Spiel.
Ob das klappt, bleibt abzuwarten. Die auf der im November 2006 vorgestellten G80-Architektur basierenden G92-Karten von Nvidia wie die 9800 GTX sind nun aber technisch deutlich überholt. In allen Marktsegmenten punkten kann Nvidia erst wieder, wenn der GT-200 auf 55 oder gleich 45 Nanometer geschrumpft wird und dann billiger herzustellen ist.
Bis das passiert, kann AMD in der preislichen Mittel- und Oberklasse von 150 bis 300 Euro gutes Geld verdienen. Nötig hätte es der angeschlagene Konzern, auch wenn die Umsätze der Grafikabteilung kaum das verlustreiche Prozessorgeschäft aufwiegen können.
Doch auch AMD hat sich mit der 4800-Serie ein Problem geschaffen: Die äußerst stromhungrige 3870 X2 ist durch die 4870 obsolet geworden. Gerade einmal fünf Monate konnten Käufer dieser Karte das Gefühl haben, ein High-End-Produkt zu besitzen. Die 4870 ist nicht nur schneller, sondern beim Spielen auch noch sparsamer. Die bereits angekündigte 4870 X2 muss nun zügig auf den Markt kommen, wenn AMD mit dem Bekenntnis zu Multi-GPU-Karten glaubhaft bleiben will.