Interview: Überwachungskamera als Bühne

Sie spielen auf Plätzen, auf einer Rolltreppe und auf einem Zebrastreifen, im Bus und in Taxis, aufgenommen mal in Farbe, mal in Schwarz-Weiß: Die Band The Get Out Clause aus Manchester hat eine interessante Möglichkeit gefunden, ein Musikvideo zu ihrer Single Paper aufzunehmen. Zum Drehort rückte aber kein Filmteam mit viel Ausrüstung an, um die Band zu filmen.
Stattdessen kam die Band mit ihren Instrumenten dorthin, wo bereits Kameras warteten: Überwachungskameras, die Passanten auf öffentlichen Plätzen oder auf Privatgelände ständig im Blick behalten.
In einem per E-Mail geführten Interview mit Golem.de erklärt Gitarrist Tony Churnside, wie die Band auf die Idee kam, CCTV-Kameras einzusetzen und welche Erfahrungen die Band mit dem Informationsfreiheitsgesetz gemacht hat.
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| Video: The Get Out Clause – Musikvideo Paper (4:01) |
Golem.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihr Video mit Hilfe von Überwachungskameras zu produzieren?
Tony Churnside: Wir hatten gerade unseren Song Paper aufgenommen und wollten ein Video dazu produzieren. In einem Gespräch mit einem Freund kamen wir auf die Vielzahl von Überwachungskameras in England, und da haben wir überlegt, ob wir die nicht dazu nutzen können, um unsere Single bekanntzumachen.
Golem.de: Gab es Vorbilder, oder sind Sie selbst auf die Idee gekommen?
Churnside: Nein, wir haben sowas vorher noch nicht gesehen. Aber wir haben gedacht, das sei eine originelle Idee für ein Video und könnte viel Spaß machen.
Golem.de: Was war Ihre Absicht? Wollten Sie nur auf möglichst günstige Art und Weise Ihr Video produzieren, oder steckte auch ein Protest gegen die allgegenwärtige Überwachung dahinter?
Churnside: Wir können nicht leugnen, dass Geldmangel ein Grund war. Aber es war eben auch eine originelle Idee. Dennoch war die Aktion nicht als politische Aussage gedacht. Wir sind eine Band und machen Musik. Ob das Publikum aus dem Video eine Bedeutung herausliest, ist seine Sache. Aber wir haben auch nichts dagegen, auf die vielen Kameras hinzuweisen, die es da draußen gibt.
Golem.de: An wie vielen Orten sind Sie vor den Überwachungskameras aufgetreten?
Churnside: Es waren zwischen 80 und 100 in ganz Manchester.
Churnside: Nicht wirklich. Man kann eigentlich nirgendwo in Manchester hingehen, ohne von Kameras erfasst zu werden.
Golem.de: Nach welchen Kriterien haben Sie die Drehorte ausgewählt? Spielten ästhetische Überlegungen eine Rolle, oder reichte es, dass die Stelle im Fokus einer Kamera lag?
Churnside: Wir haben schon versucht, uns interessante Orte herauszugreifen, wie die Rolltreppe im Supermarkt oder der Zebrastreifen, weil wir sehen wollten, wie die Leute auf uns reagieren. Aber das wichtigste Kriterium waren die Kameras.
Golem.de: Welche Kameras haben Sie genommen? Die von staatlichen Stellen? Oder auch welche von Privatunternehmen?
Churnside: Beides, sowohl private als auch staatliche. Wichtig für uns war, dass klar ist, wem sie gehören, damit wir wussten, an wen wir uns nachher wenden müssen.
Golem.de: Nachdem Sie vor den Kameras gespielt hatten, haben Sie die Betreiber unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz dazu aufgefordert, Ihnen das Videomaterial zur Verfügung zu stellen. Wie viele der Betreiber haben Ihnen geantwortet?
Churnside: Die meisten. Allerdings waren die Antworten nicht immer in unserem Sinne. Am Ende waren wir zu etwa 20 Prozent erfolgreich.
Churnside: Einige fanden das lustig, andere wussten gar nicht, dass sie uns Kopien der Daten geben müssen. Die großen Unternehmen waren sehr professionell, aber meist auch nicht sehr hilfsbereit. Einige sagten, sie würden sich mit solchen Anfragen nicht beschäftigen, sie hätten das Material nicht mehr oder ihre Kameras seien bloß Attrappen. Am hilfsbereitesten haben sich kleine Unternehmen gezeigt, die wir persönlich angesprochen haben.
Golem.de: Wie lange hat das Ganze gedauert?
Churnside: Die Aufnahmen selbst haben etwa zwei Wochen in Anspruch genommen. Dann haben wir sechs Wochen damit verbracht, die Betreiber anzuschreiben, anzurufen oder anzumailen, um an das Material heranzukommen.
Golem.de: Welche Auswirkungen hatte denn diese "Kunst trifft Überwachung"-Aktion?
Churnside: Die Auswirkungen des Videos waren gewaltig. Es hat uns von einer Band, die im Nordwesten Englands bekannt war, zu einer international bekannten Band gemacht. Wir haben Fanpost aus der ganzen Welt bekommen. Die Fans schrieben uns, dass sie von dem Video gehört hatten und dass sie unsere Musik mögen. Das hat uns bewusst gemacht, welche Möglichkeiten wir international haben.
The Get Out Clause sind nicht die ersten, die Überwachungskameras für die Kunst eingesetzt haben. Im Jahr 2007 inspirierten die Kameras den amerikanische Filmemacher Adam Rifkin zu seinem Film Look(öffnet im neuen Fenster) . Anders als die Musiker aus Manchester hat Rifkin jedoch nicht Originalaufnahmen von Überwachungskameras genommen. Für seinen Spielfilm brachte er eigene Kameras so an, dass die Aufnahmen aussahen, als stammen sie von Überwachungskameras.



