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Spieletest: Age of Conan - virtuelle Welt der Barbaren

Onlinerollenspiel mit actionlastigem Kampfsystem von Funcom. Zwölf spannende Klassen, eine prächtige Welt, Story-Spannung und unzählige Missionen: Age of Conan ist das wichtigste und beste Onlinerollenspiel seit World of Warcraft und Der Herr der Ringe Online – trotz einiger Schwächen.
/ Peter Steinlechner
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König Conan weilt in seiner Burg und langweilt sich. Aber nicht mehr lange, denn Unheil zieht auf im Reich des barbarischen Herrschers. Gleich nach dem Intro des Onlinerollenspiels Age of Conan: Hyborian Adventures geschieht Merkwürdiges. Auf mysteriöse Art und Weise überlebt der Spieler als Sklave einen Schiffbruch und strandet eben nicht im Jenseits, sondern am wunderschönen Karibikufer nahe der Provinzstadt Tortage. Rasch stellt sich heraus, dass ein altes Artefakt aufgetaucht ist: das Phönix-Medaillon. Leider ist das Ding in vier Teile zerbrochen, und ausgerechnet der Spieler ist die auserwählte Person, die es wieder zusammensetzen muss.

Das Spiel Age of Conan basiert auf den Fantasy-Romanen des amerikanischen Schriftstellers Robert E. Howard. Für diejenigen, die damit nicht vertraut sind, ein paar Basisinformationen: Es gibt keine Orks, dafür aber bissige Tiere wie Krokodile, Tiger und Panther – nur gelegentlich bekommt es der Held mit Fantasy-Monstern zu tun. Die Welt ist eine Mischung aus vielen Einflüssen, vor allem aus der europäischen, asiatischen sowie der nordafrikanischen und ägyptischen Antike. Auch Atlantis spielt eine größere Rolle.

Eines der Highlights in Age of Conan sind die gewaltigen Umgebungen, durch die der Spieler zieht. Während es zu Beginn noch recht eng zugeht im Hafenstädtchen Tortage, erweitert sich der Horizont ungefähr ab Level 20 im wahrsten Sinne des Wortes beträchtlich. Spieler sind dann in den Wüsten der ägyptisch angehauchten Siedlung Khemi unterwegs und erforschen etwa die wunderschöne, direkt an einem Berg gelegene weiße Seefahrermetropole Alt-Tarantia.

Das Spiel besteht aus drei großen Abschnitten: dem nördlichen, schneebedeckten Cimmerien, dem grünen Aquilonien und dem Wüstenlandstrich Stygia. Überall machen die Entwickler reichlich Gebrauch von spektakulär schönen Wassereffekten und verwenden extrem detailreiche Texturen: Jeder Stein, so scheint es, ist individuell gepixelt. Allerdings sind die Gebiete in viele einzelne Daten unterteilt, so dass der Spieler beim Reisen vergleichsweise oft vor dem Ladebildschirm sitzt. Sogar die meisten Häuser sind, wenn man sie überhaupt betreten kann, vom Standpunkt der Datentechnik betrachtet ein separater Level.

Spieler treten in Age of Conan ausschließlich in der Gestalt von Menschen an. Wahlweise als Mann oder Frau, als Mitglied von einem der Völker als Aquilonier, Cimmerier und Stygier. Davon abhängig sind dann die verfügbaren Klassen: Zwölf sind im Angebot, die Palette reicht vom Heiler über Magier, Beschwörer und Waldläufer bis hin zu den Kriegern, darunter auch Barbaren à la Schwarzenegger. Spieler haben deutlich mehr Einflussmöglichkeiten auf ihr Aussehen als in den meisten anderen Onlinerollenspielen. Sogar Details wie die Höhe der Wangenknochen oder die Größe der Brüste lassen sich bestimmen. Spielerische Auswirkungen hat das allerdings nicht, und außerdem sind derartige Einzelheiten bei anderen Spielern fast nicht erkennbar. Sobald der Charakter erschaffen und getauft ist, geht es hinein in die virtuelle Welt und nach einem kurzen Engine-Intro steht der Spieler allein am Strand.

Die Steuerung orientiert sich an Genrestandards, wie sie auch World of Warcraft verwendet: Mit "W-A-S-D" bewegt der Spieler seinen Avatar. Per Maus blickt er sich um, mit den Zahlentasten schlägt er zu oder beschwört Zauber. Das gesamte System erinnert deutlich an das Blizzard-Vorbild. Die Steuerung macht im Heldenalltag keine größeren Schwierigkeiten, bis auf ein langfristig dezent nervtötendes Detail: Die Figur bleibt leicht an kleinsten Vorsprüngen oder Gegenständen hängen, worauf eine vergleichsweise aufwendige Nachjustierung der Standposition nötig ist.

Die ersten paar Stunden – meist eher Tage – von Age of Conan verbringt der Spieler im Gebiet von Tortage. Selbst besonders tollkühne Krieger schaffen es nicht, das Gebiet vorzeitig zu verlassen, weil das Programm erst nach einem besonderen Kampf bei Level 19 entsprechende Schifffahrtsoptionen freischaltet. Während dieser Anfangsphase darf der Spieler auf Wunsch die meiste Zeit im Nachtmodus antreten: Dann ist er in seinem eigenen, instanzierten Gebiet unterwegs und begegnet keinen anderen real-menschlichen Seelen. Auch Nebenquests sind nicht verfügbar, sondern nur die Hauptmissionen. Alternativ tritt der Spieler im Tagesmodus an und findet dort jede Menge zusätzliche Aufgaben, die dann teilweise nur mit anderen zu bewältigen sind. Später gibt es – bis auf kurze Ausnahmen – nur noch diesen Modus, in dem alle Spieler in der gleichen Welt unterwegs sind, und der dann über einen fließenden Tag- und Nachtwechsel verfügt. Allerdings lauert dort auch Ärger mit PvP'lern (Player versus Player) – also mit anderen Spielern, die aus Jux und Tollerei andere angreifen, was auf den PvP-Servern von Age of Conan fast überall möglich ist. Bringen tut das übrigens nichts: Es gibt noch kein Belohnungssystem für derartige Kills.

Den Großteil seiner Erfahrungspunkte sammeln Nachwuchs-Conans mit Hilfe der unzähligen Mini-Missionen. Die vergeben NPCs mit dem genreüblichen Ausrufezeichen über dem Haupthaar. Wenn der Auftrag erledigt ist, markiert ein Fragezeichen an gleicher Stelle den Abschluss. Kleine Besonderheit: Age of Conan zeigt dem Spieler bei den allermeisten Missionen ganz genau, wohin er für eine bestimmte Quest marschieren muss. Ein Kreuz markiert die Stelle auf der Übersichtskarte, und im jederzeit sichtbaren Mini-Globus weist ein orangefarbener Pfeil die Himmelsrichtung zur nächsten Mission.

Während World of Warcraft bei den Mission stark aufs sogenannte Grinden setzt und den Spieler zwingt, oft mehrere Dutzend Monster des immer gleichen Typs ins Jenseits zu befördern, setzt Age of Conan stark auf Lieferdienste. Fassbier quer durch die Stadt, Salz über mehrere Level, Briefe in alle Himmelsrichtungen und Nachrichten von A nach B: Der typische Conan-Held ist ähnlich dran wie ein Postbote. Nur selten wird das teils nervtötende Zwangsherumgerenne durch witzige Aufgaben unterbrochen. Dann darf der Spieler beispielsweise Verdächtige in einem Kriminalfall verhören und muss seine Schlussfolgerungen dem Ermittler mitteilen, bis der richtige Bösewicht gefunden ist; bei den vorgegebenen Multiple-Choice-Antworten spielt übrigens auch eine Rolle, wie hoch die Intelligenz der jeweiligen Heldenklasse ist. Gelegentlich gibt es auch klassische Grind-Missionen, bei denen Entwickler Funcom aber stellenweise sehr mit Gegnern gegeizt hat, was angesichts der teils überfüllten Startgebiete zu viel Warterei führt.

Egal ob Nekromant, Bärenschamane oder Assassine: Bei jedem Spieler befinden sich auf den drei ersten Ziffern der Ikonleiste die gleichen Angriffs-Shortcuts. Ein Schlag von links, ein gerader und einer von rechts. Die Bewegungen werden in Echtzeit ausgeführt, anders als etwa in World of Warcraft führt also eine hohe Klickfrequenz auch zu einer höheren Schlagzahl, jedenfalls wenn die Waffe ebenfalls ausreichend schnell zuschlagen, -stechen oder -hauen kann. Außerdem können Spieler selbst ausweichen oder feindliche Schläge abblocken. Bei Gegnern zeigen weiße Markierungen, wo sie gerade über besonders starken Schutz verfügen oder wo gerade eine Flanke offen ist. Die Art der restlichen Kampfbefehle hängt von der gewählten Klasse ab. Barbaren können beispielsweise Schlagkombos auswählen und sind besonders im Nahkampf effektiv, während Magier ihre Gegner oft aus der sicheren Distanz ausschalten – jedenfalls wenn sie gelernt haben, sich Feinde mit den entsprechenden Zaubern von der Stoffrüstung zu halten. In Sachen Ausrüstung und Waffen orientiert sich Age of Conan weitgehend an Genrestandards: Krieger dürfen dicke Panzer und schwere Klingen tragen, Heiler müssen im dünnen Gewand überleben und halten nur leichte Waffen im zarten Händchen.

Zum Ausbau der Charaktere gibt es zwei Systeme. Zum einen lassen sich fast vom Start weg Punkte etwa für die Gesundheits- oder Mana-Regeneration erhöhen. Dabei verfügen die meisten Klassen über spezielle Fähigkeiten, die man nach seinen Vorlieben formen kann. Ein Dämonologe darf beispielsweise "Mana-Regeneration" erlernen, um seine im Kampf verbrauchten Zauberkräfte schneller wieder zurückzubekommen. Das andere ist ein Talentbaum, wie ihn World of Warcraft fast identisch verwendet. Ab Stufe 10 gibt es pro Levelaufstieg einen Punkt zum Verteilen.

Age of Conan ist derzeit exklusiv auf PC erhältlich; eine Version für Xbox 360 befindet sich noch in der Entwicklung. Derzeit verwendet das Programm DirectX 9, die ursprünglich für den Start angekündigte Unterstützung von DirectX 10 hat Funcom auf den Zeitraum der Games Convention in Leipzig verschoben – Ende August 2008. Das Programm auf Basis der Funcom-eigenen Dreamworld-Engine verlangt mindestens Windows XP oder Vista, einen Prozessor mit 3 GHz, 1 GByte RAM und 32 GByte auf der Festplatte; die Grafikkarte muss 128 MByte RAM besitzen und Shader-Model 2.0 beherrschen. Mit dieser Hardware läuft der Titel allerdings schlecht. Selbst auf Monsterrechnern gibt es Stellen, bei denen es ordentlich ruckelt. Besonders einige große, verwinkelte Levels machen dem Programm tüchtig Probleme. Den stärksten Einbruch der Bildwiederholrate hatten wir im Inneren eines eher unspektakulären, aber zu groß zugeschnittenen Wachturms.

In der Verkaufsversion für rund 50 Euro sind 30 Tage Spielzeit enthalten, danach ist ein kostenpflichtiges Abo nötig. Die Mindestlaufzeit liegt bei einem Monat, die Kosten dafür betragen 12,99 Euro; längere Abschlüsse sind etwas günstiger. Das Programm hat von der USK keine Jugendfreigabe erhalten und ist nur für Erwachsene geeignet. Dennoch wurde sie auf Drängen der Jugendschützer geschnitten, wer fliegende Körperteile sehen will, sollte zur britischen Version des Spiels greifen.

Fazit:
Age of Conan macht ganz schön viel richtig – kein Wunder, es macht ja auch vieles wie World of Warcraft und Herr der Ringe Online. Vom Rollenspiel-Interface über das Quest-Journal bis zum Aufbau der Benutzerführung kommt erfahrenen MMORPG'lern hier so einiges verdächtig bekannt vor. Trotzdem spielt sich das Programm erstaunlich frisch, was zum einen an der stellenweise wunderschönen Grafik liegt – entsprechend schnelle Hardware vorausgesetzt. Und zum anderen an der packenden Handlung, die tatsächlich für Motivation sorgt. Dazu kommt noch der altbekannte "Nur noch eine Quest"-Onlinesuchteffekt, und schon sind wieder ein paar (oder sehr viele) Nächte vorbei.

Age of Conan hat aber auch einige Schwächen, und nicht alle dürften sich mit den nächsten Updates ausbügeln lassen. So sind Kämpfe gegen mehrere Gegner kein echter Spaß, weil die Übersicht sehr schnell flöten geht und der Spieler rasch nicht mehr erkennt, wo der Gegner gerade eine offene Flanke hat. Ein weiteres Problem: Es gibt keine sonderlich spannenden Gegenstände zu finden. Selbst überzeugte Sammler lassen das, was Gegner fallen lassen, irgendwann einfach liegen. Mit den höherwertigen Belohnungen aus wichtigen Quests kommt man besser über die Runden. Ebenfalls nervig: das ständige Hin- und Hergerenne, zu dem die meisten Missionen den Spieler zwingen. Dazu kommen noch unzählige kleinere Fehler, von der mangelhaften Lokalisation – teils sind ganze Sätze noch in Englisch – bis hin zu seltsamem KI-Verhaltensmustern von Gegnern. Trotzdem: Age of Conan hat viel Potenzial und kann lange an den Bildschirm fesseln. Wer genug von den anderen Platzhirschen im Genre hat, sollte unbedingt einen längeren Blick riskieren. Es gibt viel zu entdecken!


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