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FTD: Illegaler Exklusivvertrag von Intel mit Media Markt

Seit 1999 soll Deutschlands größte Elektronikkette nur Intel-PC verkaufen dürfen. Zwischen Intel und der Media-Saturn-Holding soll es seit 1999 ein exklusives Abkommen geben. Das berichtet die Financial Times Deutschland (FTD). Dem Vertrag zufolge darf kein Media Markt Rechner mit AMD-Prozessoren verkaufen. Für diese Behauptung sollen der Zeitung Belege und Zeugenaussagen vorliegen.
/ Nico Ernst
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In einem breit angelegten Dossier, angeführt von einem Leitartikel, durchleuchtet die FTD in ihrer Ausgabe vom 28. Mai 2008 die Geschäftspraktiken des weltgrößten Chipherstellers Intel. Besonders brisant ist dabei der Artikel " Intel inside Media Markt(öffnet im neuen Fenster) ". Darin behauptet das Blatt, umfangreiche Belege für einen Exklusivvertrag zwischen Intel und der Elektronikkette zu haben.

Die FTD zitiert zwar namentlich nur den Leiter der Media-Markt-Filiale in Dresden-Mickten, Dietmar Schneider, dessen Geschäft sich unweit der Chipfabriken von AMD befindet. Dort sei die Nachfrage nach AMD-Systemen besonders groß, und Schneider habe versucht, sich in den vergangenen Jahren gegen das Verbot von AMD-Rechnern bei der Konzernzentrale zu wehren – ohne Erfolg. Neben Schneiders Angaben liegen der Zeitung aber noch " umfangreiche Belege und Zeugenaussagen vor" , so die FTD, die einen Exklusivvertrag zwischen Intel und der Media-Saturn-Holding (MSH) belegen.

Intel bestritt gegenüber der FTD und in früheren Gesprächen mit Golem.de stets, dass es einen solchen Vertrag gibt. Dennoch ist es auffällig, dass seit Jahren in den Media-Markt-Filialen keine AMD-Rechner zu finden sind. Selbst der bisher Intel-treue Discounter Aldi und sein Lieferant Medion bieten seit kurzem PCs mit AMD-Prozessoren an.

Während der Vorteil des angeblichen Vertrages mit der MSH für Intel in Form von Ausbau der Marktmacht klar auf der Hand liegt, liegt der Nutzen für Media Markt teils noch im Dunkeln. Die FTD zitiert eine als Insider bezeichnete Person: "Die Werbekostenzuschüsse überbieten alle Verkaufsprovisionen, die andere Hersteller je zahlen könnten" .

Gemeint ist damit offenbar das Programm " Intel Inside(öffnet im neuen Fenster) ", das 1991 startete und von Intel nicht völlig transparent gehandhabt wird. Nach Aussagen von PC-Herstellern gegenüber Golem.de handelt es sich um Werbekostenzuschüsse für sämtliche Anzeigen in Print, Online, Radio und Fernsehen. Abhängig von der Größe des Intel-Logos beziehungsweise der Dauer der Präsentation in Werbespots wird ein Teil der Werbekosten von Intel bezahlt. Weitere Boni gibt es beispielsweise für die Intel-Aufkleber auf den Rechnern.

Dieses in der Branche auch als "Intel-inside-Money" bezeichnete Geld wird jedoch nur selten direkt von Intel gezahlt. Vielmehr wird es als Rabattguthaben mit künftigen Einkäufen von Intel-Produkten verrechnet. Die Höhe dieser Rabatte ist dabei Verhandlungssache – und liegt damit letztendlich im Ermessen von Intel. Zudem wird durch die vorläufige Einbehaltung der Zuschüsse ein PC-Hersteller langfristig an Intel gebunden. Im Falle von Media Markt waren die Intel-Zuschüsse laut der FTD "in der Bilanz so trickreich verschleiert, dass sie nicht einmal den Wirtschaftsprüfern von KPMG aufgefallen sind."

Das alles wäre noch nicht unbedingt illegal, im Falle der Verbindung von Media Markt jedoch sowohl nach deutschem wie europäischem Recht angreifbar. So verbietet der EG-Gründungsvertrag ( PDF(öffnet im neuen Fenster) ) in Artikel 82 "die missbräuchliche Ausnutzung einer beherrschenden Stellung auf dem gemeinsamen Markt" . Diese marktbeherrschende Stellung dürfte bei Intel mit einem weltweiten Marktanteil von rund 80 Prozent und laut FTD 40 Prozent der PC-Absätze in Deutschland durch Media Markt gegeben sein.

Die EU untersucht die Verbindung der beiden Unternehmen seit längerem . So kam es im Februar 2008 zum zweiten Mal zu Durchsuchungen von Intel-Büros in Europa. Bei der letzten derartigen Aktion wurde die EU auch bei Media Markt vorstellig. Im Falle einer Verurteilung der Geschäftspraktiken durch die EU oder deutsche Richter drohen beiden Unternehmen Strafen in Milliardenhöhe. Konkurrent AMD klagt bereits seit Jahren gegen Intels Methoden und führt auch die eigene Nichtexistenz bei Media Markt als Teil der Beschwerdegründe an. Nach Informationen der FTD will die EU verstärkt gegen Intels Geschäftspraktiken vorgehen und eine entsprechende Entscheidung im Spätsommer bekanntgeben.


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