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GTA 4 - Interview: "Kinoaction ist fast überflüssig"

Gespräch mit Thomas Lindemann über die Popkultur in GTA 4. Musik, Film und Mode: Kein anderes Spiel enthält so viele Einflüsse aus Popkultur und Politik wie GTA 4. Ein osteuropäischer Held, Radiostationen und eine kinoreife Handlung plus klassische Gameplaystärken – die Mischung funktioniert . Golem.de sprach mit Thomas Lindemann, Kulturredakteur der Zeitung Die Welt und Welt.de, über den jüngsten Geniestreich von Rockstar Games.
/ Peter Steinlechner
139 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)

Golem.de: GTA 4 ist draußen – kann Tarantino einpacken, weil mit GTA 4 endgültig die Zeit des Computerspiels auch als Kunstform anbricht?

Thomas Lindemann: Ja, und man hat an den letzten Tarantino-Filmen schon gemerkt, dass dieses Kino etwas ideenlos wird. Die coole Kinoaction hat sich seit jeher am Videospiel inspiriert. Der letzte Bond ist plötzlich ständig gerannt, ganz untypisch für diese Figur, das war natürlich von Action-Games genommen. Der ganze Film "300", so dumm er sein mag, sah sogar aus wie ein Game und wirkte deswegen so modern. Wenn jetzt aber Spiele so weit gehen wie GTA 4 und all das nochmal wieder in sich tragen und noch Neues – da wird Kinoaction fast ein bisschen überflüssig.
Das ist jetzt natürlich überspitzt gesagt, es wird noch sehr lange dauern, bis der Film seine Stellung als gesellschaftliches Leitmedium verliert. Aber dass das Videospiel ihn beerben will und das auch tun wird, sieht man eben an solchen Spielen ganz klar.

Golem.de: Bei allen Stärken, die GTA 4 hat: Muss diese ganze Gewalt wirklich sein?

Thomas Lindemann: Auf keinen Fall! Und sie nervt oft auch sehr. Der Charakter Niko wird gebrochen gezeichnet, er nimmt nie die Drogen, die seine Freunde dealen, er verachtet das Geschäft. Trotzdem muss man ihn Auftragsmorde ausführen lassen, sonst verpasst man wichtige Missionen. Das ist eigentlich dumm. Das Spiel wäre noch viel progressiver, wenn man zum Beispiel den Weg des Gangsters verlassen könnte. Und es wäre viel fesselnder, wenn die Bandbreite der Missionen größer wäre. Nicht immer nur ballern, auch mal jemanden aushorchen, oder sich als Hochstapler für jemanden ausgeben etwa. Da könnte man sich vieles vorstellen.
Die Gewaltdebatte, in der Games immer stigmatisiert werden, nervt. Aber, und das nehmen wir als Games-Interessierte ungern wahr, die Gewalt nervt auch. Sie müsste nicht sein.

Golem.de: Gerade Popkultur lebt von der "Ausstrahlung" in andere Bereiche. Welche Elemente von GTA 4 könnten in Film, Literatur oder Musik ausstrahlen? Welche sind so stark, dass sie Einfluss auf unsere Alltagskultur haben?

Thomas Lindemann: Wer weiß, ob der gebrochene, aber uncoole Akzent jetzt in die Szene kommt? Er klingt ja wie Sacha Baron Cohen aus dem Film Borat, ist also sowieso schon in aller Ohren. Ich glaube nicht, dass ein Game allein die Popkultur steuern wird. Es greift eher seinerseits schlau etliche Elemente auf, das ist ein wechselseitiger Prozess. Sehr stark an GTA ist aber, dass es sich weiter dem Product Placement verweigert, ich rechne bald mit T-Shirts auf denen die fiktiven Marken aus dem Spiel werben.
Und noch eines wird es auslösen: eine neue Begeisterung fürs Radiohören. Ist das nicht toll? Wir haben alle nur noch iPods, auf denen es keine Überraschungen und keine lässigen Sprecher gibt. Das richtige GTA-Add-on für unsere MP3-Player wäre ein simuliertes Radio.

Thomas Lindemann hat eine Besprechung von GTA 4 unter anderem bei Welt.de(öffnet im neuen Fenster) veröffentlicht und auch ein Golem.de-Test ist Online.


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