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15 Jahre WWW: Von Browsern und Bremsern

Modernes Webdesign, semantisches Web und RIA. Schwerpunkt-Report Teil 3: Das WWW wird 15 Jahre alt. Nach 15 Jahren, in denen ein nicht unerheblicher Teil der Zeit durch die Browserkriege regelrecht verschwendet wurde, kehrt nun eine gewisse Ruhe ins World Wide Web ein - zumindest für den Webdesigner -, und das, obwohl die kleinen Browser dem Platzhirsch Internet Explorer das Leben schwer machen. Webstandards gewinnen an Bedeutung und öffnen dem Web neue Bereiche.
/ Andreas Sebayang
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Der moderne Browserkrieg ist interessanterweise weniger von proprietären Eigenschaften der Browser oder durch pure Marktmacht geprägt. Vielmehr zwingen die kleinen Browserhersteller Opera, Mozilla und das Team hinter Konqueror und Apple den Giganten aus Redmond dazu, sich selbst mit Standards zu beschäftigen. Das war nicht immer so, lange Zeit tat sich beim Internet Explorer nichts.

Hier war ein Flashplayer. Dieser wird von Browsern nicht mehr unterstützt. Die Mediendatei ist aber noch vorhanden. Audio: WWW hat 15. Geburstag (3:30)(öffnet im neuen Fenster)

Ein paar Steine legt Microsoft den Konkurrenten dennoch in den Weg: Denn trotz deutlich besserer Standardunterstützung des Internet Explorer 7, insbesondere bei Cascading Stylesheets, hindert Microsoft noch immer viele Webdesigner daran, sich vollends auf moderne Webtechnologien zu konzentrieren. Das große Problem heißt aus Webdesignersicht weiterhin "Internet Explorer 6" und wird vermutlich auch noch eine ganze Weile aktuell sein. Für den Webdesigner bedeutet dies, dass beim Einsatz moderner Techniken manches Ungemach warten kann, was entsprechend viele vom Erforschen moderner Webtechniken abhält. Hieß die große Bremse einst Netscape, ist es heute der Internet Explorer 6.

Das Verschwinden des Netscape-Browsers in der Version 4 ging schnell vonstatten. "Damals“ waren es vor allem Wechselwillige, die den Browser einsetzten, und auch die Hardwarebasis alterte schnell genug. Aus Sicht eines Webdesigners hatte Microsofts Marktmacht in Verbindung mit kurzlebiger Hardware also durchaus ihre guten Seiten und erlaubte den ersten Einsatz von CSS, welches die Trennung zwischen dem Inhalt und Erscheinungsbild in ersten Ansätzen erlaubte. Da der Internet Explorer jedoch bis zur Version 6 insbesondere beim Boxmodell viel Ärger bereitete, war die Freude nur von kurzer Dauer - vom Regen in die Traufe. An den Einsatz moderner Webstandards war noch immer nicht zu denken. Dieses Problem verliert auch heute nur langsam an Bedeutung.

Um den Internet Explorer 6 verschwinden und dem Webdesigner freie Hand zu lassen, sind viele verschiedene Bedingungen zu erfüllen. Viele ganz normale Nutzer, die sich während der Blütezeit des Internet Explorer 6 einen Rechner anschafften, haben eigentlich kein Interesse daran, sich mit der Maschine zu beschäftigen, vor der sie sitzen. Obendrein ist der Rechner für die meisten Aufgaben noch immer schnell genug. Ausgerechnet das von einigen wenig geliebte Flash-Format und sicher auch Silverlight könnten hier Abhilfe schaffen. Mit einem alten Rechner macht das Besuchen von Webseiten, die von diesen multimedialen Techniken ausgiebig Gebrauch machen, keinen Spaß.

Auch im Firmenumfeld wird vielen Nutzern der Internet Explorer 6 noch immer ohne Alternative vorgesetzt. Interne Werkzeuge arbeiten manchmal nur mit dieser Version des Internet Explorer zusammen und so ist ein Wechsel auf den IE7 nicht immer möglich, da dieser den Vorgänger komplett ersetzt. Das gilt auch für die erste Beta des IE8 . Wird noch Windows 2000 eingesetzt, gibt es ohnehin keine Möglichkeit, auf eine neue Version von Microsofts Browser umzusteigen. Die Installation anderer Browser lässt mancher Administrator nicht zu, erhöht dies doch den Wartungsaufwand des Netzes. Und so ist hier und da an "modernes" Webdesign nicht zu denken.

Dabei sind die hier diskutierten Webtechnologien so neu eigentlich nicht. CSS hat erst vor anderthalb Jahren seinen 10. Geburtstag gefeiert und die letzte HTML-Ausgabe 4.01 wird kommendes Jahr auch schon zehn Jahre alt. Im Internet ist das eigentlich eine halbe Ewigkeit. "Modern" sind viele Standards nur deshalb, weil sie erst seit kurzem tatsächlich einsetzbar sind, ohne dass sich der Entwickler unverhältnismäßig viel Arbeit machen muss, und natürlich auch, weil weder HTML noch CSS in einer hohen Geschwindigkeit weiterentwickelt werden. Weder HTML 5 noch CSS3 stehen vor einer Verabschiedung. Wegen des Konsensprinzips bei der Entwicklung der Standards beim World Wide Web Consortium wird sich daran in den kommenden Jahren auch nicht viel ändern.

So heißt modernes Webdesign manchmal immer noch Design für den Internet Explorer 6. Mit einem Unterschied, denn aufgrund der abnehmenden Bedeutung mutet man Nutzern des IE6 immer mehr zu. Gleichzeitig beginnen immer mehr Webdesigner, sich mit modernem Webdesign zu beschäftigen und lernen neue Möglichkeiten kennen. Auch Möglichkeiten, das Web mit neuen Techniken zu füttern, ohne dabei Probleme mit der IE6-Basis zu bekommen. Conditional Comments, "CSS-Hacks" oder auch im CSS-Standard vorgesehene Filtertechniken durch Profile und die Unterscheidung zwischen CSS1 und 2 helfen weiter.

Dennoch, modern arbeitende Webdesigner sind eine erstaunlich kleine Minderheit, wie Molly E. Holzschlag Mitte 2007 herausfand(öffnet im neuen Fenster) . Sie bezeichnete Webdesigner, die auf die strikte Trennung zwischen Inhalt und Design achten, etwas unglücklich als "Elite". Obwohl moderne Webtechnologien mittlerweile brauchbar sind, findet sich tabellenbasiertes Webdesign allerorten - oftmals noch bei alten Designs, die sich nur schwerlich mal eben in ein tabellenloses Design überführen lassen. Hier lohnt manchmal eher die Frischzellenkur, die gleich beim Design mit ansetzt. Aber auch bei neuen Projekten finden sich noch alte Webtechniken. Es ist jedoch die Minderheit der modernen Webdesigner, die das Web vorantreibt, etwa als Entwickler für große Content-Management-Systeme. Viele beliebte Systeme machen ausgiebig Gebrauch von modernen Standards und sorgen damit für ein besseres Web, welches dank des großen Erfahrungsschatzes der Entwickler auch den Nutzer des Internet Explorer 6 nicht ausschließen muss. Die ganz großen Seiten im Internet können sich dem Trend sowieso nicht entziehen. Viele kleine und auch private Webseiten hingegen werden auch weiterhin alte Techniken einsetzen. Schon die Komplexität der kommenden Standards setzt hier gewisse Grenzen für Webdesigner.

Größere Änderungen stehen dennoch bevor. Neben CSS3, (X)HTML 5 und immer mehr "Web 2.0" soll auch das semantische Web mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Mit CSS3 bekommen Designer mehr Möglichkeiten für das Layout einer Webseite in die Hand, zu erwähnen wäre hier unter anderem das Grid Based Layout , das den Aufbau von Webseiten im "Zeitungsformat" erlaubt. Bis dies nutzbar wird, können jedoch noch Jahre vergehen. Dazu müssten auch Teile der heute modernen Browser verschwinden.

HTML 5 freut hingegen mehr die Entwickler, werden doch Altlasten des beinahe zehn Jahre alten HTML-4-Standards abgeworfen und neue Elemente hinzugefügt, die der Wandlung des ehemals stark textlastigen WWWs in ein multimediales WWW Rechnung tragen, indem etwa Multimediainhalte entsprechend ausgezeichnet werden können. Aber auch auf der textbasierten inhaltlichen Seite tut sich etwas: Einzelne Artikel, Kopf- und Fußzeilen und Navigationselemente können nun korrekt ausgezeichnet werden, statt durch reine div-Blockelemente beschrieben zu werden, was oft zu einer etwas unübersichtlichen so genannten "Div-Suppe" führt, von der der Besucher jedoch in der Regel nichts merkt. Leider gilt auch für HTML 5, dass der Standard solange höchstens für Experimente geeignet ist, wie das Gros der Browser damit nicht umgehen kann.

Trotz aller positiven Entwicklungen: Noch immer blockt der Internet Explorer hier und da die Entwicklung, indem ein Standard gar nicht oder nur schlecht unterstützt wird, wie etwa an CSS3 und SVG zu sehen ist. Dank sinkender Marktanteile muss Microsoft immerhin nachziehen.

Glücklicherweise sind die Zeiten aber vorbei, in denen Standards nur halbherzig unterstützt wurden, vielmer neigen alle Browserhersteller heute dazu, Teile einer Spezifikation entweder ganz oder gar nicht zu unterstützen. So bedeutet der Einsatz von CSS3 oder HTML 5 manchmal durchaus einen Mehrwert. Ein Browser, der CSS3 nicht kann, wird es nicht anzeigen. Bereits jetzt basieren viele "CSS-Hacks" auf dem Umstand, dass der Internet Explorer 6 eigentlich nur ein CSS-1-Browser ist. Mit CSS 3 werden einige "CSS-Hacks" entwickelt und durch die Webdesigner-Community dokumentiert, die eine sinnvolle Unterscheidung zwischen Browsergenerationen ermöglicht, ohne allzu viel Arbeit zu erzeugen. Noch vor ein paar Jahren war das undenkbar. Die Trennung zwischen Inhalt und Darstellung war mit überraschenden und natürlich auch frustrierenden Auswirkungen verbunden - nicht nur beim Platzhirsch Microsoft, sondern auch bei der zweiten Version des Konquerors, bei frühen Opera-Versionen und hier und da auch bei Mozillas Browsersuite.

WWW-Erfinder Tim Berners-Lee will dem Web mehr Bedeutung verleihen. Seit einigen Jahren propagiert er bereits das semantische Web (Semantic Web) als eine Art Nachfolger des heutigen Web - ein Netz, in dem Objekte sinnvoll miteinander verknüpft sind. So soll es für Maschinen möglich werden, die Bedeutung von Beziehungen zu verstehen: zum Beispiel einen Vornamen als solchen zu deuten und einen Nachnamen als Nachnamen.

Ideen wie Mikroformate(öffnet im neuen Fenster) haben zuletzt eine neue Bewegung in das semantische Web gebracht. Damit lassen sich beispielsweise Adressen in einem HTML-Dokument als solche auszeichnen und werden so auch für Maschinen auswertbar. Ebenso lassen sich Beziehungen zwischen Personen abbilden ( FOAF - Friend of a Friend(öffnet im neuen Fenster) . Daneben steht der große Wurf auf Basis unter anderem von RDF, XML und OWL (Web Ontology Language).

Yahoo hat mit SearchMonkey ein Suchmaschinenprojekt angekündigt, das Aspekte des semantischen Webs berücksichtigen und in die Suchergebnisse einfließen lassen soll. Google nutzt Techniken des semantischen Webs für sein Social-Graph-API . Aus den auf öffentlichen Websites zu findenden Informationen extrahiert Google Beziehungen zwischen Personen und Webseiten und greift dabei auf existierende Formate wie XFN(öffnet im neuen Fenster) (XHTML Friends Network) und FOAF (Friend of a Friend) zu.

Auch in einem anderen Bereich des Web zeichnet sich eine verstärkte Bewegung ab: Nachdem in den letzten Jahren immer mehr Applikationen ins Web gewandert sind und über den Webbrowser bedient werden, sollen diese nun samt Web wieder zurück auf den Desktop wandern. Mit Microsofts Silverlight und Adobes AIR sollen sogenannte Rich-Internet-Applikationen entstehen, Webapplikationen, die verkleidet als Desktop-Applikation daherkommen und sich wie eine solche anfühlen. Während Microsoft und Adobe dabei versuchen, proprietäre Technik wie .Net und Flash auf diesem Wege zu verbreiten, setzt Mozilla auf offene Webstandards und nennt seinen auf Firefox basierenden Player für Webapplikationen Prism. [von Jens Ihlenfeld und Andreas Sebayang]


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