Interview: Zeno ist mehr als ein Spielzeug

"Er sieht dich, er erkennt dich wieder, er spricht mit dir. Er kann dein Freund werden" , beschreibt David Hanson, Gründer und Technikchef des amerikanischen Unternehmens Hanson Robotics(öffnet im neuen Fenster) , sein neues Produkt, einen knapp einen halben Meter großen Roboterjungen namens Zeno .
Insgesamt elf dieser kleinen Motoren arbeiten in dem Roboter, lassen ihn laufen, gestikulieren und eben das Gesicht verziehen. Die Gesichtsausdrücke sind dabei eine Reaktion auf die Umweltreize. So kann Zeno hören und sehen. Sprach- und Gesichtserkennungssoftware sorgen für eine Verarbeitung der Reize. Die "Character Engine" erzeugt dann Zenos Reaktionen: ein Lächeln, wenn er eine bekannte Person wiedererkennt, oder Schmollen, wenn er unzufrieden ist. Diese leistungsfähige KI-Engine ist eine Eigenentwicklung von Hanson Robotics.
Golem.de traf Hanson auf der CeBIT 2008 am Stand des neuseeländischen Softwareherstellers Massive . Im Interview verrät er, weshalb er sich gerade an diesem Stand aufhielt und warum künstliche Intelligenz freundlich sein muss.
Golem.de: Wie würden Sie Zeno beschreiben?
Aber Zeno ist mehr als nur ein Spielzeug, als ein Stück Technik. Er ist eine Persönlichkeit, mit einem eigenen Charakter, zu dem man eine Beziehung aufbaut.
Zu dieser Persönlichkeit gehörte für uns, ihn in einen Kontext einzubetten. Deshalb haben wir eine Geschichte(öffnet im neuen Fenster) um ihn gesponnen, die im Jahr 2027 spielt. Darin entwickelt das Spielzeug Zeno ein eigenes Bewusstsein und erwacht. Er bewegt sich zwar wie ein Kind, hat aber die Fähigkeiten eines Wissenschaftlers. Er ist zum Beispiel sehr gut in Mathematik und er kann sehr gut programmieren. Die Regierung bringt ihn zusammen mit anderen intelligenten Robotern in eine geheime Einrichtung, die "Inventing Academy", wo sie lernen, ihre Fähigkeit zum Wohle der Welt einzusetzen. Aber nicht jeder in der Geschichte ist wohlwollend.
Golem.de: Worin drückt sich denn Zenos Persönlichkeit aus?
Hanson: Er kann gehen, Gesichter sehen, Augenkontakt herstellen, Sprache verstehen. Er kann sehr naturalistisch gestikulieren.
Golem.de: Wie funktioniert das technisch?
Hanson: Zeno hat eine Kamera in einem seiner Augen. Eine Software erkennt Gesichter und vergleicht sie mit bereits in einer Datenbanken gespeicherten. Findet sie dort einen Eintrag zu dieser Person, begrüßt Zeno sie mit Namen. Falls nicht, wird er sich ihr möglicherweise vorstellen.
Golem.de: Das ist technisch sehr aufwendig. Ist Zeno so leistungsfähig?
Dazu gehören Animationssoftware, Spracherkennungssoftware, Software zur Erkennung von Gesten und Gesichtern und kognitive Software, die es dem Roboter erlaubt, einen Menschen zu erkennen, zu verstehen und Zuneigung zu ihm zu empfinden.
Dann gibt es unsere Adaptive Character Engine. Das ist ein flexibles Framework, in das die verschiedenen Programme integriert werden, eben Spracherkennung, Gesichtserkennung, künstliche Intelligenz, kognitive Systeme. Die Adaptive Character Engine verbindet diese Systeme untereinander.
Aus all diesen Tools erschaffen wir eine interaktive Persönlichkeit, die intelligent erscheint, die Gefühle und Launen zu haben scheint. Die Kunst ist es, dabei auch gewisse Defizite zu überspielen. Wenn man mit Zeno interagiert, ist es, als handele er wie eine lebendigen Person. Das verdanken wir auch der Software von Massive.
Golem.de: An deren Stand wir hier stehen.
Hanson: Viele der Figuren im "Herrn der Ringe" oder in "Ratatouille" werden ja mit dieser Software animiert. Sie agieren dabei selbstständig, gesteuert von künstlicher Intelligenz. Wir haben die Software in die Welt der Roboter gebracht. Wir setzen sie ein, um Zeno zu steuern.
Golem.de: Worin liegt der Unterschied zwischen der Adaptive Character Engine und der Animationssoftware von Massive?
Golem.de: Wenn Zeno immer Verbindung zu Ihren Servern aufnimmt: Wird seine Software denn auch aktualisiert?
Hanson: Die Software wird ständig weiterentwickelt. Wir behalten auch die Entwicklung anderer innovativer Software im Auge, die wir in unser Adaptive-Character-Engine-System integrieren können. Das können Robotikentwicklungen aus dem akademischen Umfeld sein, aber auch kommerzielle Software sein. Wir arbeiten mit Entwicklern auf der ganzen Welt zusammen.
Golem.de: Was passiert, wenn Zeno nicht online auf sein "Gehirn" zugreifen kann?
Hanson: Zeno hat einen Prozessor eingebaut, mit dem er auch unabhängig funktioniert. Also auch wenn er keine Funkverbindung hat, kann er immer noch ein Gesicht erkennen, den Augenkontakt suchen, lächeln, sich unterhalten. Er wird sich auch an einen Menschen erinnern oder an das, was sie zusammen erlebt haben. Aber für seinen vollen Funktionsumfang braucht er die Verbindung zum Computer.
Hanson: Die einzelnen Funktionen sind unterschiedlich gut. Die Gesichtserkennung funktioniert zum Beispiel schon sehr gut. Die Spracherkennungssoftware ist zwar eine der besten zur Zeit, aber ist noch lange nicht so gut wie ein Mensch. In Verbindung mit dem Computer verfügt Zeno über einen sehr großen Wortschatz. Man kann sich mit ihm über eine ganze Reihe von Themen unterhalten, auch wenn das nicht immer so stimmig wie eine Unterhaltung mit einem Menschen ist.
Golem.de: Und wie intelligent ist Zeno?
Hanson: Im Moment simulieren wir Intelligenz nur. Deshalb sprechen wir von Character Engine und Character Robotics. Wir kombinieren Robotik und künstliche Intelligenz und simulieren so Intelligenz, die auf das hinausgeht, was andere Roboter heute können. Ich glaube aber, dass er 2027 schlauer sein wird als ein Mensch.
Golem.de: Wie sieht es mit Gefühlen aus: Erkennt Zeno beispielsweise, wenn ich traurig bin? Wie reagiert er darauf?
Hanson: In der Character Engine ist auch eine Software, die Gesichtsausdrücke erkennt und daraus auf den Gefühlszustand schließt. Wenn man also den Kopf hängen lässt oder die Stirn runzelt und dann vielleicht noch etwas Negatives sagt, dann schließt Zeno daraus, dass man traurig ist und reagiert darauf. Er kümmert sich dann um den Menschen in dem Maße, wie Schöpfer der Persönlichkeit das vorgesehen haben.
Golem.de: Was ist, wenn zwei Zenos sich treffen? Interagieren sie miteinander?
Hanson: Ja, das werden sie tun. Das wird interessant, denn indem Zeno mit seinem Besitzer interagiert, entwickelt er seine eigene Persönlichkeit weiter. Er wird dessen persönlicher Zeno. Die Zenos von zwei Menschen, die sich nicht vertragen, werden sich deshalb möglicherweise auch nicht mögen. Oder aber sie vertragen sich doch und ermuntern die Menschen, das auch zu tun.
Golem.de: Sie sagten, 2027 werden die Roboter intelligenter sein als wir. Wie wollen Sie verhindern, dass die Roboter die Macht übernehmen?
Hanson: Das ist eine gute Frage. Um böswillige oder soziopathische Roboter zu verhindern, brauchen wir freundliche künstliche Intelligenz.
Wenn in 10 oder 20 Jahren die Roboter so intelligent wie Menschen werden, dann sollten wir sicher sein, dass sie freundlich sind. Indem wir diese verschiedenen Systeme zusammenbringen, legen wir den Grundstein für wirklich freundliche künstliche Intelligenz. Wir hoffen, dass wir die richtigen Tools einsetzen, um die Welt vor feindlich gesinnter Technologie zu retten.
Golem.de: Mit Asimovs drei Robotergesetzen(öffnet im neuen Fenster) als Grundlage?
Hanson: Ich glaube nicht, dass das Mittel, um Mitgefühl und Fürsorge bei einem Roboter zu erzeugen, Asimovs drei Gesetze sind, sondern soziale Intelligenz, so wie wir Menschen sie haben: Wir schätzen Wissen, Lernen, die Gefühle anderer. Wir erzielen bessere Ergebnisse, wenn wir miteinander arbeiten. Eine solche Basis für die Wertschätzung von Wissen, Kreativität und des Lebens macht auch Roboter intelligenter und kreativer. Er wird das Leben wertschätzen, Menschen, Tiere und auch künstliche Lebensformen. Und er wird sich um das größtmögliche Allgemeinwohl bemühen.
Golem.de: Aber Roboter könnten lernen, zerstörerisch zu sein. So wie Menschen auch.
Hanson: Das ist wahr. Es ist schwierig, die Folgen von technischem Fortschritt vorauszusehen. Wir müssen uns darum bemühen herauszufinden, was es bedeutet, gut zu sein, was Weisheit als höhere Form von Intelligenz ist, damit wir Weisheit in die Maschinen implementieren können. Das ist eine große Aufgabe, von deren Lösung unsere Existenz abhängt.



