Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Britischer Geheimdienst will Bewegungsprofile auswerten

Londoner Inhaber von Monatskarten im Visier. Der britische Geheimdienst MI5 will mit Datamining die Bewegungsprofile im Londoner Nahverkehr auswerten. Betroffen wären alle Besitzer der elektronischen Monats- und Jahreskarte Oyster Card.
/ Jens Ihlenfeld
58 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)

Wer in London regelmäßig mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist, benutzt aller Wahrscheinlichkeit eine Oyster Card(öffnet im neuen Fenster) zum Bezahlen der Fahrten. Rund 80 Prozent aller Fahrtkosten werden mit dem elektronischen Ticketsystem auf RFID-Basis abgerechnet. Die Oyster Card wird beim Ein- und Aussteigen für ein Verkehrsmittel an spezielle Lesegeräte gehalten, um Reisebeginn und -ende erfassen zu lassen. Vom RFID-Chip auf der Karte wird dabei per Funk eine eindeutige Kennung an das Abrechnungssystem übertragen.

Da alle Oyster Cards personalisiert sind, werden mit ihrer Hilfe Informationen über das Bewegungsverhalten der Kartenbesitzer gesammelt. Diese werden für mehrere Wochen in den Datenbanken der Nahverkehrsgesellschaft Transport for London (TfL) gespeichert. Dieser Datenbestand ist in der Vergangenheit bereits von Strafverfolgungsbehörden genutzt worden, um die Bewegungen von Verdächtigen nachzuvollziehen. Auf behördliche Anordnung hat TfL die Daten übermittelt.

Der umfangreiche Datenbestand des Oyster-Card-Systems hat nun die Begehrlichkeiten des Geheimdienstes MI5(öffnet im neuen Fenster) geweckt, wie die britische Zeitung The Observer berichtete(öffnet im neuen Fenster) . Der MI5 will für die Zukunft unbegrenzten Zugang zu den Bewegungsdaten, um darin mit Datamining "verdächtige Verhaltensmuster" zu identifizieren. Diese könnten dann beispielsweise zu Terrorverdächtigen führen. Mit der Einführung von ähnlichen Smartcard-Systemen auch in anderen Großstädten Großbritanniens würde somit ein Großteil der Bevölkerung unter verschärfte Überwachung gestellt werden.

Bereits jetzt beobachten in Großbritannien mehr Videokameras pro Kopf als in irgendeinem anderen Land der Welt, was die Bürger so tun. Auch bei DNA-Datenbanken sind die Briten führend: Mehr als 4,5 Millionen DNA-Datensätze sind bereits gespeichert, darunter mehr als 150.000 von Kindern unter 16 Jahren. Einmal erfasst, ist es für die Bürger praktisch unmöglich, ihren Datensatz wieder löschen zu lassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Unschuld der Erfassten erwiesen worden ist.

Aktuelle Vorschläge von Sicherheitsbehörden sehen eine massive Ausweitung der Datenbestände vor. Geht es etwa nach den Wünschen von Scotland-Yard-Sprecher Gary Pugh(öffnet im neuen Fenster) , so sollten bereits von Kleinkindern im Alter von fünf Jahren DNA-Proben gespeichert werden, um später die Strafverfolgung bei einer kriminellen Karriere zu erleichtern. Dieser Vorschlag ist aber innerhalb der Polizei stark umstritten(öffnet im neuen Fenster) .

DNA-Datenbanken, Videoüberwachung, Bewegungsprofile – selbst Befürworter von präventiven Überwachungsmaßnahmen wie Brian Turner stellen inzwischen fest(öffnet im neuen Fenster) , dass sich Großbritannien zu einer "Überwachungsgesellschaft" entwickelt hat. Der theoretisch denkbare Nutzen hingegen, eine Verbrechensvorbeugung, "muss sich in der Praxis erst noch erweisen" .


Relevante Themen