Mittendrin und doch ganz weit weg ist der Spieler in diesem Horror-Adventure. Ungewöhnliche Spielideen gibt es nicht mehr? Von wegen! Das Horror-Adventure Experience 112 schickt den Spieler in ein mysteriöses Schiffswrack voll düsterer Überraschungen. Allerdings: Dank der indirekten Steuerung ist es eigentlich gar nicht der Spieler, der durch dunkle Gänge stolpert, auf Leichen stößt und bei jedem Schritt ums Überleben bangt – das erledigt eine junge Wissenschaftlerin für ihn.
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Das Bild der Überwachungskamera zeigt eine angerostete Schiffskabine. Eine Liege, und darauf schläft eine junge Frau. Dann wacht sie auf. Erst schwankt sie benommen, entfernt eine Kanüle aus ihrem Arm, redet mit sich selbst – bis sie den grauen Kasten mit der Linse über sich bemerkt. Und ihn anspricht. Genauer: den Spieler von Experience 112 anspricht, denn der kontrolliert die Bewegungen der Videokamera. Durch sie sieht er, was die junge Frau, die sich als Lea vorstellt, gerade macht und erfährt, was sie sagt. Nur antworten kann er nicht. Doch halt, Lea hat eine Idee: Sie schlägt vor, dass der Unbekannte mal mit der Kamera nickt, wenn er ihre Worte hört, was ein paar Mausbewegungen prompt erledigen.
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Dann geht Lea zu einem Computerterminal und übergibt ihrem potenziellen Helfer so viel Kontrolle über die Kameras und sonstigen Systeme wie möglich. Von nun an schaltet er auf einem kleinen Grundrissplan Lichter oder Objekte an und aus und öffnet Türen. Lea hat keine Wahl und schenkt dem Unbekannten ihr Vertrauen, obwohl sie nichts über ihn weiß, und folgt seinen Anweisungen. Ein per Fernsteuerung aktiviertes Licht, ein durch seine Kontrolle plötzlich summendes Gerät, ein von ihm geöffneter Durchgang: Lea marschiert schnurstracks drauflos. Den Rest muss sie meist selbst erledigen: Hinweise suchen, Schränke durchwühlen, Gegenstände verwenden, Schalter betätigen. Nur ab und an ist ihr anonymer Helfer, der Spieler, direkt gefragt: Etwa wenn er einen Roboter in ein mit Giftgas gefülltes Labor lenkt, um von dort eine Magnetkarte zu holen.
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Durch Erinnerungsfetzen und Hinweise im Computersystem kommt Lea allmählich dahinter, was in dem Schiffswrack passiert ist: Wissenschaftliche Experimente, die schiefgegangen sind, fremdartige Lebewesen und weitere Geheimnisse – es geht recht düster zu, Lea stolpert immer wieder über Leichen. Das alles erklärt sie ihrem anonymen Freund – Experience 112 erzählt große Teile der Handlung mit ihrer erstklassigen Sprachausgabe. Zu sehen gibt es vergleichsweise wenig, zumal trotz der Massen an Überwachungskameras immer wieder die Sicht versperrt ist oder Lea gerade im toten Winkel steht. Nur für besondere Schlüsselszenen wechselt das Spiel in vorgerenderte Videosequenzen.
Technisch macht das vom französischen Entwicklerteam Lexis Numérique programmierte Spiel einen unspektakulären Eindruck. Die Grafik ist nicht auf aktuellem Stand und wirkt ebenso farb- wie polygonarm. Trotzdem verfügt das Spiel über eine gewisse Faszination, weil man sich das 3D-Geschehen auf Wunsch durch mehrere Kameras gleichzeitig ansehen kann und die Welt dadurch sehr glaubwürdig wirkt.
Experience 112 ist für Windows-PCs erhältlich und kostet rund 40,- Euro. Als minimale Hardware wird ein PC mit Windows XP/Vista mit 1 GByte RAM sowie einem Prozessor mit 2,0 GHz angegeben. Zudem sollten 1,5 GByte auf der Festplatte frei sein und eine Grafikkarte mit mindestens 128 MByte im Rechner stecken.
Fazit: Bei Freunden ungewöhnlicher Spielideen kann Experience 112 Begeisterung auslösen – jedenfalls die erste Stunde. Dann stellt sich allmählich heraus, dass es wenig mehr zu tun gibt, als Lea per Überwachungskamera und Computersystem durch enge Schiffsgänge zu lotsen und zu hoffen, dass sie möglichst schnell den nächsten nützlichen Gegenstand findet. Die einzige echte Abwechslung besteht darin, E-Mails nach Passwörtern zu durchforsten – auch kein großer Spaß. Innenminister können zugreifen, der Rest der Menschheit wartet besser, bis die Basisidee abwechslungsreicher umgesetzt in anderen Spielen auftaucht. Zumal sich die anfangs ganz spannende Handlung dann doch als Ansammlung von Klischees aus Horror- und Wissenschaftsthrillern erweist.