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Open Source und Nachhaltigkeit

4 Nachhaltige Unternehmensstrategien, Ethik und Open Source

Es ist sicherlich gut, wenn NGOs und Politik sich des Digital Divide annehmen - nur reicht dies offenbar angesichts der bisherigen Ergebnisse nicht. Denn diejenigen Akteure, die heute den vielleicht größten Einfluss darauf haben, den Digital Divide zu verkleinern, sind Unternehmen. Sie treten in mindestens zwei Rollen auf: einerseits als diejenigen, die einer Lösung am meisten im Wege stehen, andererseits gerade als Helfer von Politik und Zivilgesellschaft.

Einerseits sind es nämlich westliche Großkonzerne, die versuchen, ihr Geschäftsmodell weltweit zu verteidigen. Und dies besteht nun einmal häufig darin, Geld mit Lizenzen und Rechten zu verdienen. Von daher müssen diese Konzerne der Idee informationeller Nachhaltigkeit skeptisch gegenüberstehen und mittels Recht, Lobbying und den anderen von Lessig beschriebenen Mitteln an ihren proprietären Mechanismen festhalten. Das führt aber dazu, dass diejenigen, die heute nicht an der Informationsgesellschaft teilhaben, dies auch zukünftig nicht können werden.

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Andererseits gehen viele Firmen mittlerweile einen anderen Weg: Immer mehr Konzerne wie Google, IBM, Sun und HP sowie viele kleine IT-Firmen und natürlich die klassischen Linux-Distributoren à la Red Hat bieten Open-Source-Software an oder investieren in diese und verdienen damit Geld. Gleichzeitig wird es durch das "Prinzip Open Source" und die entsprechenden Lizenzen möglich, einen Kapitalstock von Wissen und Quellcode aufzubauen, auf den weltweit jedermann zugreifen kann (vgl. Ghosh 2006 sowie Richter 2006 und Otter 2006). Beispiele hierfür sind Wikipedia und der Linux-Kernel. Sie sind Teil einer Allmende, allerdings ohne die typischen Probleme einer Allmende, denn Software und Wissen werden nicht verbraucht, wenn man sie nutzt (vgl. Grassmuck 2004). Metaphorisch gesprochen: Der Topf wird nicht geleert, sondern immer voller (vgl. Ghosh 1998). Es ist also für Unternehmen durchaus möglich, mit Open-Source-Software Gewinn zu machen und gleichzeitig ein Wissensreservoir aufzubauen, aus dem sich potenziell jeder Bürger auf dem Globus frei bedienen kann. Dadurch wiederum werden ganz neue Möglichkeiten für Bildung, Gesellschaft und Wirtschaft in Entwicklungsländern erschlossen. So zumindest die Utopie - dass dies eine in der Praxis sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit ist, dürfte klar sein. Alphabetisierung, Good Governance, Infrastruktur und vieles mehr sind Probleme, die Entwicklungsländer lösen müssen, bevor ihre Bürger von einer solchen Wissensallmende protieren können.

Dies heißt aber natürlich nicht, dass die Idee als solche schlecht wäre, und außerdem deutet die Entwicklung in der Praxis bereits heute vielfach in diese Richtung: So ist es etwa das Ziel der von Sun Microsystems gegründeten Sun Foundation, den Digital Divide zu überwinden, und auch das International Business Leaders Forum und das World Economic Forum widmen sich dem Digital Divide. Viele Firmen spenden Hardware und Lizenzen für ihre proprietäre Software an Bildungsinstitute in Entwicklungsländern, so dass diese damit arbeiten können. Diese Art von Spendenethik reicht allerdings nicht aus: Weil man proprietäre Software nur zu ihrem ursprünglichen Zweck nutzen und sonst nichts weiter damit machen kann, ist der positive Effekt in Entwicklungsländern nicht so hoch wie bei freier Software. Diese kann man untersuchen, daraus lernen, sie verändern und genau das ist der entscheidende Vorteil: Freie Software bevormundet niemanden, sondern bietet die Möglichkeit, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten (vgl. dazu auch Ulrich 2004, Zivilisierte Marktwirtschaft. Eine wirtschaftsethische Orientierung).

Wenn freie Software so viele Vorteile für Entwicklungsländer bietet, dann folgt daraus allerdings, dass proprietäre Software aus volkswirtschaftlicher beziehungsweise entwicklungspolitischer Sicht eher zu vermeiden ist. Da proprietäre Software die Freiheit der Nutzer einschränkt, da sie Unternehmen und Staaten zu einer Art Kaltem Krieg um Patente und Schutzrechte nötigt, da sie ihre Kunden abhängig vom Hersteller macht, kann man daher fordern, IT-Unternehmen müssten vermehrt oder gar nur noch Open-Source-Software anbieten?

Man kann, jedenfalls aus wirtschaftsethischer Sicht. In diesem Feld gibt es eine enorme Bandbreite an Positionen. Doch egal, ob man nun aus pflichten- oder tugendethischer Perspektive oder eher aus institutionen- oder individualethischer Sicht argumentiert: Einig ist sich die Disziplin darin, dass Unternehmen auch eine soziale Verantwortung haben und nicht nur eine ökonomische. Nach Peter Ulrichs Konzeption von Corporate Citizenship sind Unternehmen eingebettet in die Gesellschaft, was bei transnationalen Konzernen natürlich heißt, dass sie global in viele Gesellschaften eingebettet sind. Viele Unternehmen behaupten in den letzten Jahren gern von sich selbst, ein "good corporate citizen" zu sein. Nach Ulrich bedeutet das, dass sie Teil einer Gemeinschaft freier und gleicher Bürger sind, woraus sich allerdings nicht nur Rechte ergeben, sondern auch gegenseitige Pflichten beziehungsweise moralische Verbindlichkeiten. Erlaubt ist demnach, was legitim ist, was also durch gute Gründe die Zustimmung der anderen Bürger finden kann.

Wollten IT-Unternehmen also wirklich "good corporate citizens" sein, müssten sie eigentlich sogar von selbst darauf kommen, quelloffene Software anzubieten. Auf der Ebene ihrer eigenen Geschäftsethik müssten sie erkennen, dass ihre um proprietäre Software kreisenden Geschäftsmodelle anderen schaden. Daraufhin müssten sie versuchen, die Spielregeln ihrer Branche so zu verändern, dass dieser Schaden behoben wird beziehungsweise dass alle Beteiligten nicht weiter unter dem Druck stehen, an egoistischem Verdrängungswettbewerb teilnehmen zu müssen. Unternehmen tragen also eine ordnungspolitische Mitverantwortung dafür, dass der Digital Divide überwunden wird. Viele kommerzielle Softwareanbieter tragen aber eher dazu bei, den Status quo zu zementieren.

Entscheidendes Argument ist hier aber die Zumutbarkeit: Würden IT-Unternehmen nur noch Open-Source-Software anbieten, so würde mancher Konzern zunächst wohl einen Großteil seines Umsatzes einbüßen, wenn sein Geschäftsmodell davon lebt, Lizenzen zu verkaufen. Aber Geschäftsmodelle sind wandelbar, und auch freie Software erlaubt es, Geld zu verdienen, die Geschäftsmodelle und -strategien sind nur andere (vgl. Wichmann 2005, Linux- Und Open-Source-Strategien). Die Frage, ob ein IT-Unternehmen die Quellen seiner Produkte offenlegt, wird so in Anlehnung an Ulrich zum Lackmustest dafür, ob es wirklich ein "good corporate citizen" ist oder dies bloß zu sein behauptet (vgl. Ulrich 2005, Zivilisierte Marktwirtschaft. Eine wirtschaftsethische Orientierung, S. 155 f.). Dies ist kein Gegensatz zu einer erfolgreichen Geschäftsstrategie, was man an Sun und seinem Engagement für OpenOffice.org erkennen kann. Von diesem Projekt profitieren alle Beteiligten außer Microsoft. Redmond klammert sich, wie andere Firmen auch, noch immer an sein traditionelles Geschäftsmodell. Dahinter steckt möglicherweise die Angst, das eigene Geschäftsmodell aus Mangel an Alternativen mit allen Mitteln verteidigen zu müssen. Dies tangiert die Frage nach der Unternehmensidentität nicht nur von Microsoft, sondern von allen Unternehmen in diesem Sektor: Sie verstehen sich als Anbieter proprietärer Softwareprodukte; daraus ergibt sich zwangsläufig das Problem, die Produkte verteidigen zu müssen, weil von ihnen die Lizenzeinnahmen abhängen.

Unternehmen können sich aber auch verstehen in ihrer sozialen Funktion als Informations- und Kommunikationsdienstleister. Solche von der Funktion eines Unternehmens her verstandenen Dienstleistungen determinieren nicht die Unternehmensidentität und das Geschäftsmodell in Richtung bestimmter Produkte, sondern erlauben es, sehr viel kreativer und flexibler zu denken und zukunftsoffen unternehmerisch tätig zu sein (vgl. Jantsch 1973, Unternehmung und Umweltsysteme, in "Systemorientiertes Management"; Pfriem 2006, Unter nehmensstrategien. Ein kulturalistischer Zugang zum Strategischen Management, S. 279-282).

Und gerade dies ist es, was das strategische Management ausmacht: Es ist nicht die Frage, wie ein Unternehmen sich bestmöglich an gegebene zukünftige Entwicklungen anpassen kann, sondern vielmehr, wie es diese mitgestaltet. Der technische, ökonomische und kulturelle Fortschritt ist nicht vorbestimmt, sondern ergibt sich erst aus dem Zusammenspiel aller gesellschaftlichen Akteure. Unternehmen sind einer davon, und in diesem Sinne gilt: Unternehmensstrategien sind kulturelle Angebote an die Gesellschaft (Pfriem 2004, Unternehmensstrategien sind kulturelle Angebote an die Gesellschaft, in "Perspektiven einer kulturwissenschaftlichen Theorie der Unternehmung"). Und wir alle haben es als Teil dieser Gesellschaft in der Hand, dazu beizutragen, den Digital Divide zu vermindern und eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. [von Thorsten Busch]

 Open Source und Nachhaltigkeit

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Typograph 04. Mär 2008

Habt ihr euch einmal das PDF etwas genauer angeschaut? Das ist ja einfach nur gruselig...

blubber-bob 03. Mär 2008

Schön und gut, die Lizenzdebatte wird ja hier und anderswo des öfteren geführt... Aber...



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