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Open Source und Nachhaltigkeit

2 Digital Divide: die digitale Spaltung der Welt

So weit, so gut. Aus dem Übertragbarkeitskriterium folgt allerdings, dass Nachhaltigkeit mehr ist als Umweltschutz, es geht auch um gerecht verteilte Lebenschancen. Schaut man sich etwa die Zugangsmöglichkeiten und die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie (engl. Information and Communication Technology, kurz ICT) auf dem Globus an, zeigt sich, dass viele Staaten weit entfernt sind vom Niveau der reichen Länder innerhalb der OECD. Dort macht sich seit einigen Jahren der Glaube breit, man lebe im digitalen Zeitalter, das unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet, artikuliert durch omnipräsente Begriffe wie etwa Wissensgesellschaft. Schrempp (1999, Globalisierung als Chance, in Internationale Politik, S. 13) fasst diese Idee so zusammen: "Jeder kann von jedem Ort der Welt und jederzeit auf das weltweit verfügbare Wissen zurückgreifen."

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In der Realität sieht die Lage allerdings nicht so rosig aus. Etwa zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Elektrizität, vom weltweiten Datennetz und seinen Wissensbeständen ganz zu schweigen. So sind die Kosten für den Zugang zu Information in vielen Entwicklungsländern enorm hoch. Um nur ein Beispiel zu nennen: Während ein Nutzer in den USA im Jahr 2000 lediglich 1,2 Prozent des dortigen durchschnittlichen Monatseinkommens für den Zugang zum Internet aufwenden musste, waren es laut dem United Nations Development Programme (UNDP) in Bangladesch 191 Prozent, in Nepal 278 Prozent und in Madagaskar sogar 614 Prozent (vgl. Nuscheler 2005, Entwicklungspolitik, in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, S. 58-60). Aktuelle Daten über den Digital Divide liefert die International Telecommunication Union (ITU), das für ICT-Fragen zuständige UN-Gremium mit Sitz in Genf. In einem neuen ITU-Bericht wird der so genannte ICT Opportunity Index berechnet anhand von zehn Indikatoren, die zeigen, wie fortgeschritten beziehungsweise abgehängt die Staaten der Welt in Fragen der Informations- und Kommunikationstechnologie sind. Erwartungsgemäß führen die Staaten der OECD, wie etwa Schweden, die Liste an, während am Ende die ärmsten afrikanischen Staaten und Afghanistan zu finden sind.

Dieser Digital Divide, der digitale Graben, verläuft aber nicht nur zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, sondern auch innerhalb der Entwicklungsländer. Der Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien ist dort höchst ungleich verteilt: zwischen Stadt- und Landbevölkerung, finanziell privilegierten Minderheiten und der armen Mehrheit der Bevölkerung, zwischen den Geschlechtern sowie schließlich zwischen denen, die Fremdsprachen sprechen und jenen, die mangels Sprachkompetenz den Großteil der Informationen im Internet nicht verstehen können, denn zwei Drittel der Netzinhalte sind in englischer Sprache verfasst (vgl. Nuscheler 2005, S. 61). Dabei ist natürlich zu bedenken, dass Analphabetismus in Entwicklungsländern oft weit verbreitet ist. Hier muss als erste Stufe also das Lesen gelehrt werden, dann erst können Bürger in Entwicklungsländern tatsächlich die Vorteile des weltweiten Datennetzes nutzen. Die Welt teilt sich in diesem Sinne in drei Lager, nämlich:

  • eLeaders sind führend auf dem Gebiet der elektronischen Datenverarbeitung und größtenteils Länder der OECD
  • eTigers verfügen über eine gute Infrastruktur und das benötigte Humankapital, um den Sprung in die Informationsgesellschaft zu schaffen
  • eLosers verfügen weder über die infrastrukturellen Voraussetzungen noch über das notwendige Humankapital (vgl. Nuscheler 2005, S. 58)
Während eTigers wie Brasilien, China und Indien gute Chancen haben, zu den führenden Nationen aufzuschließen, drohen die eLosers immer weiter zurückzufallen, obwohl es auch hier Fortschritte gibt. Die digitale Exklusion verschärft insgesamt die bereits bestehenden Entwicklungsunterschiede auf dem Globus, zumal heute weltweit ein Strukturwandel hin zu stärker wissensbasierten Ökonomien stattfindet, an dem die eLosers nicht teilhaben können (vgl. Nuscheler 2005, S. 61). So stellt auch die Weltbank in ihrem World Development Report 1998 fest: "Knowledge is critical for development, because everything we do depends on knowledge", (Dahlman 1998, S. 16). Ein weiteres Problem, das die digitale Kluft zwischen Nord und Süd vergrößert, ist der Brain Drain: Gut ausgebildete IT-Fachkräfte verlassen die Entwicklungsländer und suchen ihr Glück in den Industrieländern (vgl. Nuscheler 2005, S. 58-60). Somit stellt sich die Frage, ob die Entwicklungsländer den Sprung in die Informationsgesellschaft schaffen oder ob sie noch weiter abgehängt werden (vgl. Afemann 2000, Springt die Dritte Welt ins Informationszeitalter?, in Internationale Politik 10, S. 23-30).

In der politischen Debatte haben sich inzwischen die Termini Access to Knowledge samt der einschlägigen Abkürzung "A2K" sowie "Information and Telecommunication Technologies for Development" (ICT4D) eingebürgert. Doch politische Erfolge bleiben bescheiden trotz vieler internationaler Initiativen und großer Kongresse unter Beteiligung der Zivilgesellschaft wie des World Summit on the Information Society (WSIS) von 2003 in Genf und 2005 in Tunis. Zu den weiteren Initiativen und Konferenzen der vergangenen Jahre gehören daneben unter anderem der World Congress on Communication for Development (2006), die Wizards of OS (2006), die United Nations ICT Task Force, die UN Commission on Science and Technology for Development, das UNDP-APDIP International Open Source Network sowie etwas weiter gefasst das UN Internet Governance Forum und die World Intellectual Property Organization (WIPO).

Dies liegt nicht zuletzt an der sehr unübersichtlichen Gemengelage unterschiedlicher Interessen: So forcieren etwa Unternehmen und Industrienationen restriktive Copyright-Regime, während geistiges Eigentum in den meisten Ländern der Welt ein völlig unbekanntes Konzept ist (vgl. Kleinwächter 2004, Macht und Geld im Cyberspace: Wie der Weltgipfel zur Informationsgesellschaft [WSIS] die Weichen für die Zukunft stellt). Entwicklungsländer hingegen fordern möglichst kostenlosen Zugang zu Information und Wissen, unterstützt von vielen NGOs, unter anderem:

Die USA wollen ihrerseits die Kontrolle über die Infrastruktur des Internets nicht aufgeben, während deren Legitimität weltweit immer mehr angezweifelt wird, ähnlich derjenigen der ständigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat (vgl. zur Debatte um legitime Internet Governance etwa Zürn und Mayer 2007, Regulation und Legitimation im Internet, techn. Bericht, Sonderforschungsbereich 597 Staatlichkeit im Wandel). Es sind hier also alle Akteure und Probleme vertreten, die Global Governance heute aus- und kompliziert machen. Ergebnisse des WSIS sind unter anderem zwei neue Organisationen, nämlich die Global Alliance for ICT and Development und der finanziell bisher äußerst bescheiden ausgestattete Digital Solidarity Fund, deren Ziel darin besteht, bis 2015 die Hälfte der Weltbevölkerung ans Netz zu bringen (vgl. Kleinwächter 2004).

Der bloße physische Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien garantiert aber noch keinen Ausweg aus der Krise. Schlagworte wie "Social Inclusion" und "Real Access" drücken aus, dass der Zugang auch tatsächlich vor Ort praktischen Nutzen bringen muss (vgl. Richter 2006, Fair Code. Freie/Open-Source-Software und der Digital Divide, im Open Source Jahrbuch 2006). Entwicklungshilfeorganisationen betrachten den Zugang zum Internet heute nicht mehr nur quantitativ, sondern qualitativ: Es hilft eben nicht automatisch, nur Technik zur Verfügung zu stellen, man muss auch wissen, wozu sie eigentlich gut sein soll. Rishab Ghosh brachte dies auf der Berliner Konferenz Wizards of OS im September 2006 auf den Punkt: "It's not enough to just drop tech on people." Es geht nicht primär darum, immer mehr Ressourcen in ICT zu stecken, sondern die Ressourcen gut zu nutzen und das heißt: im Sinne nachhaltiger Entwicklung, weltweit und direkt vor Ort.

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Typograph 04. Mär 2008

Habt ihr euch einmal das PDF etwas genauer angeschaut? Das ist ja einfach nur gruselig...

blubber-bob 03. Mär 2008

Schön und gut, die Lizenzdebatte wird ja hier und anderswo des öfteren geführt... Aber...



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