Interview: Design-Thinking wird sich einschleichen
Golem.de: Herr Winograd, Sie haben vorhin erklärt, wie Sie Design Thinking in Stanford lehren. Worin liegt denn der Unterschied in Ihrer Methode und der in Potsdam?
Winograd: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Unterschiede noch nicht so groß. Das liegt daran, dass Potsdam gerade erst angefangen hat. Das ist ja gerade ihr erstes Jahr. Sie haben deshalb viel von dem, was wir in Stanford machen, übernommen. Das wird sich aber in den nächsten ein, zwei Jahren ändern. Der Unterschied wird dann in der Herkunft der Studenten liegen. Wir haben zum Beispiel keine Film- oder Architekturstudenten. Die Potsdamer hingegen schon. Daraus werden sich Unterschiede ergeben.
Winograd: Es gibt unterschiedliche Wege, Software-Design zu betreiben. Der größte Fehler der großen Unternehmen ist, dass sie immer noch ihre eigenen Ideen von der Software-Seite her entwickeln und nicht an die Nutzer denken. Hasso Plattner beklagt das zu Recht.
Golem.de: Wird sich denn Design Thinking beim Software-Design oder auch auf anderen Gebieten durchsetzen?
Winograd: Es wird sich einschleichen. Die Leute werden nicht sagen, es sei das, was sie hauptsächlich tun. Aber diese Art zu denken wird sich in ihr Denken einschleichen und ein Teil davon werden.
Golem.de: Ist Design Thinking ein Bottom-Up-Ansatz gegenüber einer der herkömmlichen Herangehensweise an Design, die oft eher als von oben herab erscheint?
Winograd: In dem Sinne, dass wir von unseren Beobachtungen, den gesammelten Daten und den Gesprächen mit den Menschen ausgehen und dann erst die Abstraktionen treffen, ist unsere Methode auf jeden Fall Bottom-up. Wir gehen sozusagen von außen nach innen vor und nicht umgekehrt. Wir fangen nicht mit den Technik an und fragen uns, wie wir daran anknüpfen. Wir gehen von den Bedürfnissen der Nutzer aus und fragen uns, wie wir dafür eine Anwendung oder ein Produkt schaffen.
Golem.de: In anderen Produktfeldern scheinen sich die Designer eher Gedanken über die Bedürfnisse der Nutzer zu machen.
Winograd: Viel von dem, was wir tun, ist von Designfirmen wie IDEO(öffnet im neuen Fenster) beeinflusst. Die haben solche Methoden für jede Art von Designprozess von Dienstleistungen bis hin zu physischen und interaktiven Produkten entwickelt. Wir übertragen deren Philosophie in ein wissenschaftliches Umfeld.
Golem.de: Was ist Ihrer Ansicht nach die interessanteste Entwicklung in der IT in den letzten 10 bis 15 Jahren?
Winograd: Das ist die Entwicklung weg von der Vorstellung eines Nutzers vor seinem Computer hin zu der Vorstellung einer ganzen Welt von Nutzern mit vernetzten Computern. Der Einzelne arbeitet nicht mehr allein, sondern steht in einem sozialen Kontext. Man gestaltet nicht für Einzelpersonen, sondern für einen ganzen sozialen Kontext.
Golem.de: Sie meinen so etwas wie Social Networking?
Winograd: Social Networking, Plattformen wie Facebook, sind ein bestimmter Teil davon. Wikipedia ist ein weiteres Beispiel. Selbst E-Mail gehört dazu.
Golem.de: Wie wird es weitergehen?
Winograd: Der nächste Schritt wird die Mobilität sein. Derzeit machen wir noch sehr viel an unseren Desktop-Computern mit Internetzugang. Aber immer mehr Leute tragen leistungsfähige Computer in ihrer Hosentasche mit sich herum. Mobiltelefone können immer mehr. Da werden eine Menge neuer Ideen für Anwendungen für unterwegs entstehen.
Golem.de: Welche Auswirkung wird das auf uns und unsere Gesellschaft haben?
Winograd: Es wird sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Zu den positiven gehört, dass wir mit mehr Menschen in Kontakt kommen können, mehr soziale Einbindung über den Computer. Das wird helfen, einige unsere gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Aber es werden dadurch auch neue Probleme entstehen, etwa dass Menschen sich von ihrer direkten Umgebung lösen oder Datenschutzprobleme. Ich bin weder ein technischer Utopist noch ein Pessimist. Gesellschaft beruht auf der menschlichen Natur, und die hat sich in den letzten paar 10.000 Jahren nicht geändert. Es ist also unwahrscheinlich, dass uns eine neue Technologie von einem Augenblick auf den nächsten ändern wird.
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