Für den Futurologen Ray Kurzweil sind virtuelle Welten real
In der englischsprachigen Wikipedia gibt es eine recht gute Übersicht(öffnet im neuen Fenster) über seine bisherigen Prognosen. Kurzweil wurde vom Wall Street Journal als "rastloses Genie" und vom Inc. Magazine als "Erbe Thomas Edisons" beschrieben, hat Preise wie den MIT-Lemelson Prize eingeheimst und die National Medal of Technology verliehen bekommen. Kurzweil besitzt 15 Ehrendoktorwürden und wurde von drei US-Präsidenten geehrt. Sein aktuelles Buch heißt "The Singularity is Near".
Kurzweil ist das, was man einen VIP-Forscher nennen kann: Er ist ein Pionier der optischen Texterkennung, Sprachsynthese, elektronischen Musikinstrumente und gilt als Experte für künstliche Intelligenz sowie Zukunftsforschung. Außerdem vertritt er die Ansicht, dass die technische Entwicklung den Menschen unsterblich machen kann. Bis Nanobots und Cybernetik so weit sind, um den "Transhumanismus" zu realisieren, versucht er sein Leben durch eine spezielle Ernährung zu verlängern, die jedoch manche Mediziner und Ernährungswissenschaftler als riskant einstufen.
Der "Demokratisierungstrend bei den Kreativitätsmitteln" würde die technische Entwicklung zudem immer weiter beschleunigen: Ein Massively-Multiplayer-Spiel, das von Hundertausenden weltweit gespielt werden könne, sei auf einem 1.000-US-Dollar-Laptop programmierbar. Ein Jugendlicher könne mit demselben Laptop plus einer 500-US-Dollar-Kamera einen kompletten HD-Film erstellen. In nicht allzu ferner Zukunft stünde die Demokratisierung der Produktionsmittel bevor: Dann könne per Nanotechnologie jedermann physikalische Objekte erschaffen.
Kurzweils Hauptargumentation für seine teilweise an Wünsch-dir-was-Fantasien erinnernde Prognosen ist immer dieselbe: Er beruft sich auf exponentielles contra lineares Wachstum. Der Mensch sei auf lineare Prognosen geeicht, seit er vor Zehntausenden von Jahren die Flugbahn seines Speers mit der Laufrichtung und -geschwindigkeit seines Beutetiers in Einklang bringen musste. Das mache es insbesondere Regierungen so schwer, für die Zukunft zu planen. Problematisch für Uneingeweihte sei, dass eine exponentielle Kurve zu ihrem Beginn wie eine lineare wirkt oder sogar unterhalb der linearen Fortschreibung läuft.
Selbstverständlich würden exponentielle Entwicklungen irgendwann an ihr Ende stoßen, etwa die Miniaturisierung im Analogbereich. Doch das Abflachen des einen Paradigmas würde unweigerlich einen Forschungsdruck erzeugen, der das nächste Paradigma zu seinem exponentiellen Höhenflug ansetzen lässt – als Beispiel nannte er den Übergang vom analogen Relais zum digitalen Chip. Das sähe dann in typischen Schaubildern eher wie eine Schlangenbewegung nach oben aus und eine abflachende Kurve werde dann leicht als Wachstumsende oder -verlangsamung interpretiert.
So hätten anlässlich der Erforschung der menschlichen DNA viele Zweifler gefragt, wieso bei einem auf 15 Jahre ausgelegten Projekt nach sieben Jahren erst 1 Prozent der DNA entschlüsselt sei. Für den linear Prognostizierenden sei damit die Zeitvorgabe nicht mehr einzuholen, doch bei exponentieller Betrachtungsweise sei klar: Nur sieben Jahre mit jeweils jährlicher Verdoppelung machen aus diesem einen Prozent 100 Prozent (rechnerisch: 128 Prozent). Kurzweil erinnerte daran, dass nach nur einem Jahrzehnt konstanter jährlicher Verdoppelung eine Vertausendfachung, nach zwei Jahrzehnten eine Vermillionenfachung und nach 30 Jahren eine Vermilliardenfachung des Ausgangswerts eintritt.
Schon heute könne man Parkinson-Patienten erbsengroße Minicomputer in den Kopf implantieren, die bestimmte Hirnfunktionen erhalten oder übernehmen könnten. Die aktuelle Generation dieser medizinischen Geräte sei durch Software-Downloads von außen aktualisierbar. Bringe man dies mit der erwähnten Vermilliardenfachung der Preisleistung und der gleichzeitig fortschreitenden Miniaturisierung zusammen, so sei klar, dass in weniger als drei Jahrzehnten blutzellengroße Computer durch unsere Körper wandern werden, die uns gesund halten oder unsere Gehirnleistung erweitern können.
Dies bedeute für Spiele, für das Lernen oder die Kommunikation, dass virtuelle Realität zukünftig von unseren eigenen Nervenzellen erzeugt werden könne. So würden Jugendliche in der Schule nicht mehr einfach nur über George Washington lesen, sie könnten sich in einer quasi-realen Simulation sprichwörtlich in seine Lage versetzen. Die "Software" des menschlichen Körpers, so Kurzweil, sei seit 10.000 Jahren nicht mehr aktualisiert worden – doch in Kürze stünden dafür die technischen Möglichkeiten bereit.
Über Energieprobleme, so Kurzweil weiter, brauche man sich bald keine Sorgen mehr zu machen: Nanotechnologie-Solar-Panels seien schon in fünf Jahren günstiger in der Herstellung als dann die Förderung fossiler Brennstoffe koste. In 20 Jahren könne man mit nur 1 Promille des auf die Erde treffenden Sonnenlichts jeglichen Energiebedarf der Erdbevölkerung decken. Kurzweil ging bei dieser Prognose allerdings nicht darauf ein, ob auch der Energiebedarf der Erdbevölkerung in 20 Jahren sowie die Verteilung der Energie bedacht wurde. Die Lebenserwartung steige zudem immer weiter an, es sei absehbar, wann pro Jahr ein weiteres Jahr statistischer Lebenserwartung dazukomme – sowohl für Neugeborene als auch für Erwachsene.
Den wichtigsten Platz in Kurzweils Vortrag nahm die Bewusstwerdung der Computer ein. Der Großteil der menschlichen Intelligenz beruhe auf Mustererkennung. Damit würde alles Erlebte und Gelernte kategorisiert, so dass daraus fast alles Handeln abgeleitet wird. Maschinen aber würden ständig besser in genau dieser Mustererkennung. Während jedoch die menschliche Mustererkennung auf bestimmte Kategorien wie Gesichter, Geräusche und Sprache festgelegt sei, gebe es diese Einschränkung für Computer nicht, die zudem Tausende von Variablen gleichzeitig verwalten könnten statt nur einiger Dutzend.
Bereits 2010 können laut Kurzweil Bilder direkt auf die Retina projiziert werden, gleichzeitig gäbe es dann eine ständige, räumlich unbegrenzte Breitbandanbindung ans Internet. Elektronik werde ab 2010 so klein werden, dass sie in unserer Kleidung, in Brillen etc. untergebracht werden kann. Damit begännen die Computer unsichtbar zu werden bzw. zu "verschwinden" und damit könne das vollständige Eintauchen in audio-visuelle virtuelle Welten Realität werden. Damit werde auch die Kommunikation über virtuelle Avatare wie bei Massively Multiplayer Online Games oder Second Life ab 2010 zu einer der Hauptformen menschlicher Kommunikation.
2029, so führte Kurzweil seine Vision weiter aus, werde man für 1.000 US-Dollar die tausendfache Rechenleistung des menschlichen Gehirns kaufen können. Das Reverse Engineering des Gehirns sei zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen und Computer würden den (auf natürliche Sprache basierenden) Turing-Test bestehen, der bislang erkennt, ob ein Proband menschlich ist oder ob es sich um eine Maschine handelt. Schöne neue Welt: Während die biologische Intelligenz weitgehend fixiert sei, würde ab 2029 die nichtbiologische Intelligenz weiterhin exponentiell wachsen. [von Jörg Langer(öffnet im neuen Fenster)]
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