Manipulationen bei Amazons Kundenrezensionen? (Update)
Kunden helfen Kunden bei der Auswahl der Produkte – das ist die Idee hinter Amazons Kundenrezensionen. Das ist auch im Buchbereich so. Im Geschäft beraten die Buchhändler, online berichten andere Leser, was sie von einem Buch halten und ob sich die Lektüre lohnt.
Soweit zumindest die Theorie. In der Praxis hingegen ist die Verlockung, manche Bücher zu fördern und andere hingegen madig zu machen, allzu groß. Auch für Autoren: 2004 flogen beim kanadischen Amazon zwei Schriftsteller auf, die ihre eigenen Bücher lobten und mit der Höchstwertung belegten. Durch einen technischen Fehler erschien unter der eigentlich anonym verfassten Rezension dummerweise der Klarname des Rezensenten und Buchautors.
Glaubt man Tomas Wehren, Verlagsleiter beim Sachbuchverlag Galileo Press, ist das kein Einzelfall. Im Bereich der Computerbücher, schreibt(öffnet im neuen Fenster) Wehren, werde "das Amazon-Rezensionssystem systematisch missbraucht". Besonders betroffen seien Bücher und Lernsoftware über Grafik und Design auf Amazon.de. Nach Schätzungen des Verlages seien in den letzten vier Jahren rund 1.000 gefälschte Kundenrezensionen über Computerbücher abgegeben worden. Das gehe so weit, dass bei manchen Büchern die Kundenreaktion "nahezu vollständig gefälscht" sei, schreibt Wehren und sieht darin eine regelrechte "Desinformationskampagne", die nicht nur Galileo Press, sondern auch Verlage in diesem Bereich betreffe.
Wie jenseits des Atlantiks haben auch in unseren Breiten einzelne Autoren das Rezensionssystem von Amazon.de genutzt, um ihre eigenen Bücher gegenüber Konkurrenzprodukten aufzuwerten. Ein Autorenpaar habe dieses Guerilla-Marketing derart dreist betrieben, dass Amazon.de laut Wehren deren Bücher schließlich aus dem Sortiment verbannt habe.
Inzwischen haben sich die Fälscher auf eine neue Strategie verlegt: Statt Bücher schlecht zu machen, loben sie sie über den grünen Klee. Ihr Kalkül: Wenn einzelne Produkte derart gelobt werden, legt das den Kunden den Verdacht nahe, der Verlag selbst bewerbe auf diese Weise seine Produkte. So sollen laut Wehren einzelne Verlage diskreditiert werden.
Falsche Rezensionen lassen sich laut Wehren jedoch recht gut erkennen. Er rät beispielsweise zur Vorsicht bei anonym abgegebenen Kundenrezensionen. Auch Widersprüche in der Bewertung und im Kommentar – also ein Verriss mit einer 5-Sterne-Bewertung – ließen darauf schließen, dass es sich hier nicht um eine ernst gemeinte Besprechung eines Buches handele. Das gelte umso mehr, wenn ein Buch in kurzer Zeit eine Vielzahl gleicher Bewertungen bekommen habe.
Um die Leserrückmeldungen nicht komplett unbrauchbar zu machen, schlagen Wehren und seine Verlegerkollegen vor, es so umzugestalten, dass in Zukunft nur noch Rezensenten mit einem gültigen Amazon-Kundenkonto Buchbesprechungen veröffentlichen dürfen.
Amazon.de selbst bestätigte auf Nachfrage von Golem.de, vom Galileo Verlag über den "Manipulationsverdacht in Kenntnis gesetzt" worden zu sein und kündigte "Maßnahmen zur Abwendung dieses Manipulationsversuches" an, sollte der sich als wahr erweisen.
Anders als Wehren glaubt Christine Höger, Leiterin Public Relations bei Amazon.de, jedoch nicht an ein systematisches Vorgehen: "Wir betonen, dass es sich bei der von Galileo geschilderten Situation um einen sehr selten auftretenden Vorgang handelt – auf offenen Plattformen kann generell ein Missbrauch der Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung nicht gänzlich ausgeschlossen werden."
Nachtrag vom 8. Februar 2008 um 16:47 Uhr:
Amazon.de hat auf die Anschuldigungen reagiert und die Nutzungsbedingungen für das Schreiben von Rezensionen verändert. Wer eine Rezension auf Amazon.de veröffentlichen will, muss zuvor mindestens einmal bei dem Online-Händler eingekauft haben.
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