Interview: Web 2.0 verändert die Gesellschaft fundamental

Golem.de: Können Sie einige Muster nennen, die Web 2.0 im Kern ausmachen?

Nickull: Weit verbreitet sind Dinge wie Partizipation und Zusammenarbeit (Collaboration). Es geht nicht länger um anonyme Nutzer, denn es sind die Nutzer, die die Inhalte schaffen. Das ist ein wesentlicher Punkt, den Unternehmen verstehen müssen, denn auf diesem Wege konnten MySpace, Facebook und YouTube derart schnell wachsen. Im ersten Schritt stellen die Nutzer Inhalte ein, und dann? Im nächsten Schritt wollen sie diese ihren Freunden zeigen, also werben sie dafür. Die Freunde sehen die Inhalte, finden sie gut, machen selbst mit, stellen eigene Inhalte ein. So entsteht ein virales Wachstum, das man bei vielen Web-2.0-Plattformen finden kann.

Ein anderes Beispiel ist es, sich das kollektive Wissen zunutze zu machen ("Harnessing Collective Intelligence"). So binden wir bei Adobe die Nutzer bei der Erstellung der "LiveDocs" ein, statt eine kleine Gruppe von Adobe-Autoren erklären zu lassen, wie man unsere Produkte nutzt. Dadurch entsteht eine deutlich bessere Dokumentation, denn Nutzer können nachfragen, sich gegenseitig Dinge erklären, anders erklären. Die Fragen und Antworten fließen dann in die nächste Ausgabe der Dokumentation ein, so dass alle von diesem Muster "Harnessing Collective Intelligence" profitieren.

Golem.de: Sind es also vor allem soziale Aspekte, die das Web 2.0 ausmachen? Welche Rolle spielt die Technik dabei?

Nickull: Der technologische Aspekt spielt eine große Rolle: Ein technisches Thema, das im Zuge von Web 2.0 oft genannt wird, ist RIA, ein Akronym, das für "Rich Internet Application" steht. Was darunter zu verstehen ist, lässt sich nur schwer definieren. Man kann dies nicht an der Zahl der Knöpfe oder der Nutzung von Flash festmachen. Worum es dabei geht, lässt sich an einem Beispiel deutlich machen: Es ist November und "schweinekalt" und du gehst in ein Reisebüro, nimmt einen Südsee-Prospekt in die Hand. Ein Verkäufer, der dies beobachtet, kann daraus schließen, "dem geht das Wetter auf den Geist, er will in die Sonne" - er lernt etwas über Dich und deine Bedürfnisse und kann darauf reagieren und wird vielleicht eine Reise nach Teneriffa vorschlagen oder auf das Mallorca-Special verweisen. Die Interaktion in der realen Welt gibt es seit der Steinzeit.

Im Internet der ersten Generation haben sich viele Unternehmen darauf beschränkt, ein Handbuch als PDF zur Verfügung zu stellen, das die Leute herunterladen könnten. Das hat nichts mit "Rich Interaction" zu tun. Diese setzt die Informationen in einen übergeordneten Kontext. Beim Betrachten der Urlaubsbroschüre geht es nicht darum, eine Urlaubsbroschüre zu erhalten, sondern darum, einen Urlaub zu planen. Unternehmen, die sich durchsetzen wollen, müssen verstehen, dass es um den gesamten Prozess geht und möglichst viele einzelne Aspekte des gesamten Prozesses in ihrer elektronischen Interaktion online abbilden, der realen Welt möglichst nah kommen. Einige machen dies schon eine ganze Weile. Amazon zum Beispiel zeigt, welche Bücher andere Menschen, die ein Buch mögen, ebenfalls mögen - eine ähnliche Beobachtung, wie sie eine Buchhändlerin gemacht hätte.

Golem.de: Wobei Amazon seine Schlüsse in viel größerem Maßstab ziehen kann.

Nickull: Ja, und mit viel lustigeren Ergebnissen. Ich bin ein großer Sex-Pistols-Fan und lese online Dilbert-Comics, die sich über Leute wie mich in der Technik-Industrie lustig machen. Als ich neulich einige historische DVDs der Sex Pistols kaufte, zeigte mir Amazon, dass andere, die diese DVDs ebenfalls gekauft haben, auch Dilbert-Comics gekauft haben. Mir wurde klar, dass Leute, die vor 20 Jahren in der Punk-Rock-Szene unterwegs waren, heute wohl in der IT-Industrie arbeiten müssen.

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kriemhild 21. Nov 2007

unter dem begriff "web2.0" werden gesellschaftliche strömungen der medialen welt...

n00B 15. Nov 2007

Ja stimmt schon, ich meinte das auch eher in dem Sinne, der sog. P2P Programme wie skype...

Szczepan 15. Nov 2007

Wenn diese Entwicklung angeblich neue Werte definiert, dann kommt der Verstand wieder...

Micha2 15. Nov 2007

So wird das auch mit dem "Web 2.0" sein. Ich schlage mich seit ca. 7 Jahren durch Foren...



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