Interview: Creative Commons sind zu unflexibel
Golem.de: Herr Iannella, was ist Ihre Rolle bei der ODRL-Initiative?
Iannella: Ich habe ODRL im Jahr 2000 mit aus der Taufe gehoben. Es ging darum, einen offenen Standard zu definieren, der maschinenlesbar bestimmte Rechte ausdrücken kann, die an einen Inhalt gebunden sind. Das nennt man Rights Expression Language (REL), also eine Sprache, die Rechte ausdrücken kann. Mithilfe dieser Sprache können Anbieter von Diensten oder Geräten dann entscheiden, wie diese Inhalte behandelt werden.
Golem.de: Also zum Beispiel auch, um DRM umzusetzen.
Iannella: Ja, auch das. Der DRM-Standard der Open Mobile Alliance(öffnet im neuen Fenster) (OMA) etwa, der in vielen Mobiltelefonen verwendet wird, nutzt ODRL als Grundlage.
Golem.de: Welche Probleme sehen Sie denn bei Creative Commons?
Iannella: Creative Commons nutzt RDF, um die Lizenzbedingungen im Source Code abzubilden. Wenn man etwa nur erlauben möchte, einen Inhalt nicht kommerziell zu verwenden, steht in der Lizenz:
rdf:resource="http://creativecommons.org/ns#CommercialUse"/
. Aber RDF ist nicht einmal geeignet, alle vorhandenen Lizenzbedingungen abzubilden, geschweige denn die, die man sich wünschen könnte.
Golem.de: Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Iannella: Nehmen Sie die "CC Sampling License". Sie verbietet es, Inhalte für Werbezwecke zu verwenden. Das wird in der maschinenlesbaren Lizenz nicht abgebildet.
Golem.de: Warum wäre das Ihrer Ansicht nach notwendig?
Iannella: Zum einen werden die Lizenztexte, sowohl die "für Menschen lesbaren" als auch die "für Anwälte lesbaren" (human readable / laywer readable), quasi von Hand gemacht. Sie werden nicht aus der Lizenz generiert, die sich die Nutzer zusammengestellt haben, sondern es wird einfach nur auf eine bestimmte Lizenz verlinkt, je nachdem, welche Lizenz ein Nutzer gewählt hat. Das wäre mit einer echten Rights Expression Language besser. Dann könnte man auch eine Einschränkung wie "darf nicht für Webezwecke verwendet werden" automatisch integrieren, und es wäre allen Beteiligten klarer, welche Bedingungen gelten.
Golem.de: Das könnte man damit lösen, dass man einen entsprechenden Lizenztext entwirft, auf den dann verlinkt wird.
Iannella: Ja, sicher. Aber dann hat man nicht das grundlegende Problem gelöst, dass es Wünsche in der CC-Community gibt, die von den Lizenzen nicht abgebildet werden können.
Golem.de: Etwa?
Iannella: Nehmen Sie die BBC. Der Sender möchte über das sogenannte "Creative Archive" viele Inhalte unter CC-Lizenzen zugänglich machen. Aber er darf sie nach dem Staatsvertrag nur Briten zur Verfügung stellen, weil sie die BBC mit ihren Gebühren finanzieren. Diese geografische Beschränkung lässt sich mit CC nicht abbilden. Ein anderes Beispiel komt aus Australien, wo ein Anbieter von Unterrichtsmaterial Lehrern dieses Material kostenlos zur Verfügung stellen möchte, damit sie dieses in ihrem Unterricht verwenden können. Aber diese Inhalte sollen nur ein Jahr zur Verfügung stehen, etwa um sie in einem Schuljahr zu nutzen. Auch da gibt es mit Creative Commons keine Möglichkeit, diese Zeitbeschränkung zu verwirklichen. Der Anbieter hat dann stattdessen AES Share verwendet, eine australische Lizenz für "offene Inhalte".
Golem.de: Nun würde aber ein Vertreter von CC sicher antworten, dass sie genau diese Inflation verschiedener Möglichkeiten auch gar nicht wünschen, weil sie dann am Ende so unüberschaubar wären wie die Situation vor CC. Der große Erfolg rührt aber sicher auch daher, dass die Lizenzen so einfach zu verstehen und zu nutzen sind.
Iannella: Zwischen der Möglichkeit, nur sehr wenige verschiedene Lizenzen zu wählen, die den Wünschen der potenziellen CC-Nutzer nicht entsprechen, und dem Szenario, dass alles völlig unübersichtlich wird, liegt aber ein weites Feld. Selbstverständlich muss man eine Balance finden zwischen der derzeit vorhandenen Auswahl und einer Lizenz, in der alle denkbaren Optionen möglich sind. Aber CC muss die Praktiken derjenigen abbilden, die die Lizenzen nutzen wollen. Sonst können sie sie nicht nutzen. Mit ODRL wäre es sehr einfach auszudrücken, dass man einen Inhalt nur räumlich oder zeitlich eingeschränkt nutzen darf. Und die jeweils betroffenen Communities könnten das dann ihren Wünschen entsprechend verwalten.
Golem.de: Wie hat denn Creative Commons auf diese Vorschläge reagiert?
Iannella: Anfangs sehr gut. Die ODRL-Initiative gibt es schon länger als CC. Sofort als Creative Commons gegründet wurde, sind wir auf sie zugegangen und haben vorgeschlagen, ODRL dafür zu verwenden. Da gab es überhaupt noch keine maschinenlesbaren Lizenzen. Wir hatten dann einige interessante Gespräche mit dem CC-Gründer Lawrence Lessig und seinen Kollegen, aber irgendwann setzte sich dort die Ansicht durch, dass sie entweder RDF nehmen oder gar nichts. Wahrscheinlich, weil alle geblendet waren von der Idee des "Semantic Web", das mit RDF verwirklicht werden sollte.
Golem.de: Und wie geht es nun weiter? Verhandeln Sie noch?
Iannella: Nein, leider nicht. Die Creative-Commons-Leute haben offenbar beschlossen, uns zu ignorieren.
[Das Interview führte Matthias Spielkamp]
- Anzeige Hier geht es zu Linux: Das umfassende Handbuch bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.