Interview: Von MP3 zur Wellenfeldsynthese

Golem.de: Herr Professor Brandenburg, es heißt, Sie haben MP3 entwickelt, was eine Revolution in der Musikwelt auslöste. Benutzen Sie selbst einen MP3-Player?
Golem.de: Über MP3 wird oft im Zusammenhang mit "Piraterie", also dem unerlaubten Kopieren von Musik gesprochen. Haben Sie deswegen Schuldgefühle?
Brandenburg: Also ich finde es schade, wenn die Leute, die mit viel Einsatz kreativ Musik machen, sozusagen um die Frucht ihrer Bemühungen gebracht werden. Aber das ist etwas, was vor langer Zeit angefangen hat und nein, wir haben keine Schuldgefühle. Ich sage jetzt "wir" für das ganze Team. Wir arbeiten schon seit über zehn Jahren an Systemen, die einen lokalen Musikvertrieb ermöglichen und arbeiten auch heute noch an Ideen, um den Musikvertrieb zu verbessern.
Golem.de: Wenn Sie bei MP3 noch einmal von vorn beginnen dürften, was würden Sie anders machen? Würden Sie überhaupt etwas anders machen?
Brandenburg: Also es gab Punkte, in denen wir den Markt sozusagen falsch eingeschätzt haben. Insgesamt muss ich sagen, in vielerlei Hinsicht hatten wir das Glück, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Golem.de: Benutzen Sie selbst einen Online-Musikservice und wenn ja, warum?
Brandenburg: Bis jetzt habe ich mir mal testweise einen Account besorgt. Ich benutze diesen aber noch nicht in großem Umfang. Ich denke, in Sachen Usability sind wir auch noch nicht ganz so weit, wie wir sein wollen. Wenn es jetzt mehr DRM-freie Musik gibt und mehr Player, die die Formate auch abspielen, dann werde ich das sicher sehr viel extensiver nutzen als jetzt.
Golem.de: Sie haben in ihrem Vortrag das Potato-System(öffnet im neuen Fenster) kurz vorgestellt, bei dem man Musik mit Freunden teilen darf und automatisch der Urheber bzw. Rechteinhaber dafür entschädigt wird. Dieses System, so hat es den Anschein, ist nicht überragend erfolgreich. Warum ist das ihrer Meinung nach so?
Brandenburg: Es ist ja ein System für gerade die jungen, die aufstrebenden, die ganz frischen Künstler. Künstler, die sonst vielleicht überhaupt keine Musik verkaufen würden. Für diese Leute ist es jetzt schon erfolgreich. Insgesamt ist es vielleicht auch eine Frage des Werbe-Budgets. Ich weiß nicht, wie viele Leute in Deutschland überhaupt von diesen Websites wissen. Es wäre schön, wenn die Möglichkeiten einfach bekannter würden.
Golem.de: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen - erwarten Sie, dass das MP3-Format seine Schlüsselstellung in absehbarer Zeit verlieren wird?
Brandenburg: Irgendwann natürlich, aber im Augenblick ist MP3 das einzige Format, das wirklich überall funktioniert, von allen Geräten unterstützt wird. In dieser Funktion wird es noch sehr lange Zeit gebraucht werden.
Golem.de: Würden Sie uns zum Schluss noch verraten, an welchen spannenden Projekten Sie gegenwärtig arbeiten?
Brandenburg: Da gibt es eine ganze Menge, wobei ich jetzt in der Situation bin, in der mein Doktorvater vor 25 Jahren war, nämlich Anstöße zu geben und dafür zu sorgen, dass junge Wissenschaftler die Rahmenbedingungen bekommen, damit sie ganz tolle Arbeit leisten können. Insofern arbeite ich nicht an Dingen, aber die Leute, die ich koordinierte. Zwei Projekte davon drehen sich um die Musikerkennung, die endlich richtig gut funktioniert. Dabei geht es insbesondere um die Musikempfehlung, also den " Mufin(öffnet im neuen Fenster) " bzw. "Music Finder", der es mir ermöglicht, innerhalb meiner Musik, die ich auf dem Computer habe, Playlisten automatisch nach meiner Stimmung zu generieren. Auf der anderen Seite ist die Wellenfeld-Synthese(öffnet im neuen Fenster) ( IOSONO ) ein ganz tolles Projekt. Das ist Klangwiedergabe, die in ihrer Natürlichkeit wirklich eine Größenordnung besser ist als alles, was es bisher gegeben hat. Das ist sozusagen wie der Schritt von Mono zu Stereo vor vielen Jahrzehnten. [Das Interview mit Karlheinz Brandenburg führte Robert A. Gehring auf der Konferenz "Media in Transition 2007"]



