Drahtseilakte zwischen DRM und Urheberrecht

"The age of digital media has just started!"

Zwei Tage lang, vom 5. bis 6. September 2007, befassten sich auf der Konferenz "Media In Transition" 2007 in München Gründer und gestandene Unternehmen mit dem "Web 2.0" und den Veränderungen, die es für die Verbreitung von Medieninhalten wie Musik und Film mit sich bringt. Am Nachmittag des zweiten Konferenztages wurde über Urheberrechtsprobleme, digitales Rechtemanagement (DRM) und die EMI-Lizenzierungsgesellschaft Celas gesprochen.

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Die Nachmittagsrunde eröffnete der kurzfristig als Ersatz für den ursprünglich angekündigten Copyright-Experten Les Ottolenghi (Atlanta) einspringende Petter Karal von Ezmo (Oslo). Karal hat sich vorgenommen, mit dem personalisierbaren Musikportal Ezmo die von ihm diagnostizierte "Lücke" zwischen den Wunschvorstellungen der Musikhörer - unbeschränkter Zugriff auf Musik - und denen der Musikindustrie - strikte Kontrolle darüber, was wann, wo und wie gehört werden darf - zu schließen. Diese Lücke, die Musikhörer in illegale P2P-Netze treibt und die Musikindustrie zum Teil zu immer aggressiverem DRM greifen lässt, ist laut Karal vor allem das Resultat enttäuschter Erwartungen. Die von der Musikindustrie angebotenen Lösungen würden solange von den Nutzern links liegen gelassen, solange illegale P2P-Angebote einen schnelleren und bequemeren Weg zur Musik bieten würden.

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Die Ezmo-Plattform soll die Lücke getreu dem Motto "convenience is king" schließen. Der Ezmo-Player wurde als Browser-Plug-In realisiert. Die Aufmerksamkeit der Nutzer soll durch das "überlegene Musikerlebnis", das Ezmo verspricht, gefesselt werden. Der bequeme Kauf von Musik per Mausklick gehört selbstverständlich dazu. Wie bei allen anderen Plattformen, die im Rahmen der Tagung präsentiert wurden, wird auch Ezmo Entdeckungs- und Bewertungsfunktionen bieten.

Neue Wege will Ezmo beim legalen Filesharing gehen. So können Ezmo-Nutzer ihre Musik für "Freunde" hochladen. Die Besonderheit bei Ezmo ist, dass sich beispielsweise in Deutschland genau sieben "Freunde" angeben lassen, mit denen man Musik tauscht. Das Ezmo-Filesharing-Konzept will quasi die legale Privatkopie ins Internet bringen. In anderen Ländern werden entsprechend dem jeweiligen Urheberrecht engere oder weitere Beschränkungen für den Dateitausch durchgesetzt. Ob die Musikindustrie mit dieser Vorgehensweise einverstanden sein wird, lässt sich im Augenblick noch nicht sagen. Petter Karal berichtete jedenfalls von Verhandlungen mit diversen Plattenlabels.

Einen erfrischenden Kontrapunkt zu den vielen optimistischen Präsentationen bildete der Rückblick von John Buckman (San Francisco) auf seine Erfahrungen mit der Gründung und dem Betrieb von Magnatune. Eine seiner wichtigsten Einsichten lautet: "Es ist zwecklos, die großen Plattenfirmen dazu bringen zu wollen, innovativ zu sein." Eine zweite wichtige Erkenntnis lautet, dass die Chancen, mit Musik Geld zu verdienen, im B2B-Bereich wesentlich besser stünden als im B2C-Bereich, den die meisten Online-Musikportale adressieren. Zum Beleg führte Buckman Zahlen aus den USA an. Der dortige Musikmarkt hätte ein Volumen von rund 12 Milliarden US-Dollar, von denen rund 8 Milliarden im B2B- und nur 4 Milliarden im B2C-Bereich umgesetzt würden.

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Das von John Buckman gegründete Magnatune - Motto: "We are not evil" - kann sich zwar mit den Einnahmen über Wasser halten, doch große Umsätze werden nicht erzielt. Viele Nutzer würden lediglich das kostenlose Magnatune-Angebot in Anspruch nehmen, aber keine Musikdateien oder CDs kaufen. Hier machte Buckmann einen allgemeinen Trend aus: "Die Leute wollen Musik nicht mehr kaufen, sie wollen lediglich jederzeit Zugang dazu haben." Bestenfalls würden noch einzelne Titel gekauft, aber keine ganzen Alben mehr. Das große Geschäft sollten sich die neuen Web-2.0-Online-Musikportale besser nicht erhoffen.

"User generated content" (UGC) wird laut Buckman an Bedeutung gewinnen. Was bereits heute an UGC möglich ist, führte Buckman an einem kurzen Ausschnitt aus der finnischen Satire Starwreck vor. Von mehr als 3.000 begeisterten "Mitarbeitern" über sieben Jahre produziert, hat sich Starwreck als Kassenschlager erwiesen und wurde zum erfolgreichsten je in Finnland gezeigten Kinofilm. Mittlerweile läuft die Vermarktung via DVDs und Auslandslizenzen auf Hochtouren und nach Aussage von Buckman wurde bereits ein Profit von mehr als 200.000 Euro generiert.

Zum Abschluss bot John Buckman noch einen kurzen Einblick in sein neues Portal-Projekt namens Bookmooch, was soviel wie "Bücherschnorrer" bedeutet. Hinter Bookmooch verbirgt sich ein Portal für den Büchertausch, wo man überflüssige Bücher abgeben und Suchanzeigen nach begehrten Büchern aufgeben kann.

Den dritten Vortrag des Nachmittags hielt Professor Karlheinz Brandenburg, MP3-Miterfinder und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie (IDMT) in Ilmenau. Sein Thema war der technologische Wandel und die sich daraus ergebenden Chancen und Risiken. Brandenburg warnte gleich zu Beginn davor, die Geschwindigkeit der Ausbreitung neuer Digitaltechnologien zu überschätzen. So würde etwa das viel gepriesene Digitalfernsehen noch immer nur in einer Minderheit der Haushalte genutzt. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Online-Musikportalen. Zwar verfügten praktisch alle Computer über die nötige Software-Ausstattung, nichtsdestotrotz würden nur 40 Prozent der PC-Nutzer auch davon Gebrauch machen. Allgemein ließe sich eine Tendenz zum nachlassenden Fernseh- und Radiokonsum beobachten. Stattdessen würde die Nutzung von Computerspielen deutlich zunehmen.

Die stets wachsende Zahl von Internet-Medien-Angeboten führt nach Meinung von Karlheinz Brandenburg zu einem Paradigmenwechsel. In Zukunft würden auch Nischenangebote für ein global verteiltes Spezialpublikum keine Ausnahme mehr darstellen. Für das Publikum stellt sich dementsprechend die Aufgabe, aus dem riesigen, fragmentierten Angebot das individuelle Programm zusammenzustellen. Hilfestellung werden dabei elektronische Programmführer (EPGs), Communities und ausgefeilte Suchmaschinen bieten. Am Ende würden "automatisch erzeugende Playlisten" die Aufgabe übernehmen. Eine Schlüsselrolle werden dabei standardisierte Metadaten spielen, wie beispielsweise AudioID für Musikdateien generiert.

Was den Schutz der gesendeten Inhalte mit DRM angeht, zeigte sich Karlheinz Brandenburg vorsichtig. Wichtig sei für die Anwender eine leichte Benutzbarkeit der Systeme und die sei ohne Interoperabilität nicht zu haben. Statt die Erwartungen der Nutzer zu enttäuschen, sollten die Systeme so gestaltet werden, dass sie "die illegale Nutzung [von Inhalten] gerade ausreichend schwierig machen". Nutzerfreundliche DRM-Systeme wie das in Ilmenau entwickelte Potato-System zur Superdistribution würden den Anwendern in dieser Hinsicht entgegenkommen und ihnen mit einem Belohnungsmechanismus Anreize zur legalen Musikdistribution bieten. Sein Fazit brachte Brandenburg so auf den Punkt: "The age of digital media has just started!"

Den Abschlussvortrag der Konferenz hielt Till Evert (München) von der Celas GmbH, einem Gemeinschaftsunternehmen der deutschen und englischen Verwertungsgesellschaften GEMA und MCPS PRS. In Form eines One-Stop-Shops für Online-Nutzungsrechte will Celas allen interessierten Musikportalen in Europa die lizenzierte Nutzung des anglo-amerikanischen EMI-Repertoires ermöglichen. Die konkrete Ausgestaltung der Lizenzen richtet sich dabei nach den jeweiligen nationalen Bestimmungen. Ob Celas ein Erfolg wird, hängt unter anderem auch davon ab, ob innerhalb der EU-Kommission bestehende, wettbewerbsrechtliche Bedenken ausgeräumt werden können. Die niederländische Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra hat entsprechende Vorbehalte angemeldet.

In der letzten Diskussionsrunde wurden dann noch einige kontroverse Fragen aufgeworfen. So wurde kritisiert, dass die Rolle der Künstler während der Konferenz weitgehend außer Acht gelassen worden war. Praktisch alle vorgestellten Medienportale, lautete ein Vorwurf, würden die Kreativen nur unzulänglich unterstützen. Wie diese in Zukunft ihr Geld verdienen sollten, bliebe weiter offen. Auf der anderen Seite, da herrschte Einigkeit, nutzen manche Musiker die neuen Möglichkeiten bereits offensiv. So sei es heute kein Automatismus mehr, dass neue Bands den Erfolg vorrangig in der Unterzeichnung eines Plattenvertrages suchen würden. Stattdessen suchten viele ihr Glück in der Selbstvermarktung über das Internet. So schließt sich der Kreis mit den Musikhörern, mit den Fans. Früher oder später landen sie vielleicht alle - Musiker wie Musikhörer - gemeinsam bei MySpace & Co. Nur die großen Plattenfirmen müssen draußen bleiben; deren Zeit ist abgelaufen. Darüber waren sich am Ende der beiden Tage fast alle Konferenzteilnehmer einig. [von Robert A. Gehring]

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