Wikiscanner für deutsche Wikipedia jetzt online
Seit gestern kann der Wikiscanner(öffnet im neuen Fenster) auch bei der deutschen Wikipedia etwas Licht in die Urheberschaft anonymer Änderungen bringen. Für anonyme Änderungen werden die IP-Adressen des Computers bzw. des Netzwerks, von wo sie kommen, gespeichert. Der Wikiscanner sucht zu den IP-Adressen per " reverse lookup(öffnet im neuen Fenster) " nach den Eigentümern der Adresse und zeigt alle Wikipedia-Änderungen des Eigentümers an. Für größere Organisationen, die bekannte IP-Adressbereiche belegen, lässt sich so transparent machen, welche Wikipedia-Änderungen aus ihren Netzen heraus erfolgten.
Nachdem der englische Wikiscanner online gegangen war, wurden sehr schnell eine ganze Reihe von Manipulationen durch Unternehmen, Parteien und andere Organisationen aufgedeckt. Hersteller mögen keine Kritik an ihren Produkten und Politiker mögen ihre Gegenkandidaten nicht, so ein wenig überraschendes Ergebnis der Suchaktionen. Auch die deutsche Internet-Community hat sich jetzt auf die Suche nach "bemerkenswerten Beiträgen" gemacht. Erste Funde lassen sich auf einer eigens dafür eingerichteten Wikiscanner-Webseite(öffnet im neuen Fenster) nachlesen.
Größere Skandale sind bisher ausgeblieben. Mitarbeiter aus etlichen Unternehmen haben die Porträts ihrer Firmen "bearbeitet", beispielsweise die MLP AG(öffnet im neuen Fenster) , Scientology(öffnet im neuen Fenster) oder die Sixt AG(öffnet im neuen Fenster) . Jemandem aus dem Netz des Axel-Springer-Verlags ist das Ansehen von Franz Josef Wagner(öffnet im neuen Fenster) eine Überarbeitung des entsprechenden Wikipedia-Artikels wert. Und im Deutschen Gewerkschaftsbund legt man Wert auf die produktivitätssteigernde Wirkung von Betriebsräten(öffnet im neuen Fenster) . Bei Pharma-Herstellern wie Fresenius(öffnet im neuen Fenster) oder Henning(öffnet im neuen Fenster) ist Kritik an eigenen Medikamenten nicht sonderlich erwünscht.
Eigene Recherchen haben darüber hinaus gezeigt, dass der gemeinschaftlich vom Musik-, Film- und Computerspiele-Industrie beauftragten "Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen" (GVU) sehr viel an "ihrem" Wikipedia-Eintrag gelegen ist. Vom GVU-Server mit der IP-Adresse 213.39.244.82(öffnet im neuen Fenster) aus wurden mehrfach Änderungen(öffnet im neuen Fenster) an dem Eintrag vorgenommen. Dabei wurde unter anderem am 31. Mai 2006 ein ausführliches "Selbstbild der GVU" mit einer "mehrseitigen Perspektive auf Vorwürfe der Presse gegenüber den GVU-Ermittlungsmethoden durch Hinzufügung einer entsprechenden GVU-Pressemitteilung" ergänzt.
Bei jemandem aus dem Netz der deutschen Bahn AG gibt es hingegen ein ausgeprägtes Interesse an weltanschaulichen Fragen im weiteren Sinne. Das Spektrum(öffnet im neuen Fenster) reicht dabei von "Körperhaltung" über "Das Gesicht Mohammeds" bis hin zur "Freimaurerei".
Die nächsten Tage werden uns sicher noch viele weitere, aufschlussreiche Einblicke in das Seelenleben deutscher Unternehmen und Parteien bringen. So leistet der Wikiscanner einen wichtigen Beitrag nicht nur zur Transparenz in der Wikipedia, sondern auch zur Aufklärung der Bevölkerung. [Robert A. Gehring]



