Angetestet: Apples iPhone ist anders
Wer bereits Geräte mit Touchscreen-Bedienung gewohnt ist, wird sich anfangs immer wieder dabei erwischen, wie er versucht, Befehle statt mit dem ganzen Finger nur mit dem Fingernagel aufzurufen. Da der Touchscreen im iPhone aber auf die Bedienung mit dem Finger ausgerichtet ist, reagiert es auf Steuerversuche mit dem Fingernagel meist nicht. Generell lassen sich die großzügig dimensionierten Bedienelemente auch mit wuchtigeren Händen problemlos treffen.
Als weitere Besonderheit besitzt der iPhone-Touchscreen eine Glasoberfläche und nicht die sonst üblichen Plastikschirme. Apple setzt hier auf gehärtetes Mineralglas, wie es etwa in hochwertigen Uhren verwendet wird, so dass die Glasoberfläche nicht ohne weiteres zerkratzt. Die Glasoberfläche verleiht dem Gerät einen sehr eleganten Eindruck, birgt aber auch den Nachteil, dass die gesamte Glasfläche schnell mit Fingerabdrücken übersät ist. Nach einem kurzen Wisch verschwinden die Übeltäter aber leicht wieder.
Selbst wenn sich Fingerabdrücke auf Touchscreen-Glas befinden, hinterlässt das Display einen äußerst guten Eindruck. Die im Artikel verlinkten Fotos können die gute Display-Darstellung leider nicht adäquat wiedergeben. Das Display zeigt die Inhalte klar, deutlich und in hoher Auflösung von 320 x 480 Pixeln bei hervorragender Ausleuchtung. Wie auch in den BlackBerry-Geräten von Research In Motion steckt im iPhone ein Sensor, der die Umgebungshelligkeit misst und basierend darauf die Intensität des Displaylichts regelt. Sogar unter direktem Sonnenlicht begeistert die Anzeige – alles ist klar und deutlich zu erkennen. Normale Handy-Touchscreens liefern hingegen unter direkter Sonneneinstrahlung keine überragenden Ergebnisse.
Leider lässt Apple hier die letzte Konsequenz vermissen, denn der Sensor wird bisher nur von wenigen Applikationen wie der Fotoanzeige, dem Videoplayer und dem Browser genutzt. In anderen iPhone-Anwendungen wird das "Accelerometer" ignoriert. Dabei würden auch der Kalender, die Notizen, der E-Mail-Client, die SMS-Applikation oder auch der Programmstarter sehr von einer Querformatsoption profitieren. Im Praxisalltag passiert es leider gelegentlich, dass der Bewegungssensor die Lageänderung nicht bemerkt. Dann muss das iPhone leicht geschüttelt oder angetippt werden, um die Displayausrichtung nachträglich zu korrigieren.
Da Apple den Touchscreen zum zentralen Bedienelement auserkoren hat, gibt es kaum Knöpfe am Gerät. Auf der Vorderseite residiert eine Taste, um den Programmstarter zu öffnen und an den Seiten befindet sich der Ein-Aus-Schalter sowie Lautstärketasten und ein Schiebeschalter, der zwischen Klingel- und Vibrationsmodus wechselt. Einen solchen Umschalter wissen Treo-Benutzer schon länger zu schätzen.
Durch den Verzicht einer Handy-Klaviatur oder eines 5-Wege-Navigators bzw. eines Scrollrads lässt sich das iPhone nur mit Mühe einhändig bedienen – in den meisten Fällen werden beide Hände benötigt. Leider fehlt auch jegliche Möglichkeit, bestimmte Applikationen per Knopfdruck aufzurufen. Dadurch ist jeder Applikationswechsel nur über den Aufruf des Programmstarters möglich, was wenig effizient ist. Über das mitgelieferte, kabelgebundene Stereo-Headset kann die Musikwiedergabe umfangreich gesteuert werden. Vergleichbare Steuertasten am iPhone gibt es jedoch nicht, da sich direkt am Mobiltelefon mittels Tasten nur die Lautstärke regulieren lässt.
Nach einigen Tagen Übung soll das Schreiben mit der iPhone-Tastatur recht zügig von der Hand gehen. Wer jedoch eine vollwertige QWERTZ-Tastatur an einem Smartphone gewöhnt ist und unterwegs viel Text mit dem Mobiltelefon tippt, wird der Soft-Tastatur des iPhone nicht viel abgewinnen können. Aber wer sonst nur eine Handy-Klaviatur mit T9-Eingabe gewohnt ist und nur gelegentlich Texteingaben auf dem Handy vornimmt, für den kann die iPhone-Tastatur einen Komfortgewinn bedeuten.
Bereits im Vorfeld der iPhone-Markteinführung wurde das Apple-Handy oftmals als iPod mit Handyfunktionen tituliert. Ein Blick auf den Musik-Player macht diese Analogie überdeutlich. Die iTunes-Software ähnelt stark dem Desktop-Pendant, lässt sich sehr komfortabel bedienen und macht optisch einen gelungenen Eindruck. Die Software zeigt Cover der entsprechenden Alben und sortiert die Lieder nach Titel, Album oder Interpret und es werden Wiedergabelisten unterstützt. Leider können die Musikstücke nicht als Klingelton verwendet und der interne Speicher von 4 respektive 8 GByte kann in Ermangelung eines Speicherkartensteckplatzes nicht erweitert werden. Bei umfangreicher Musiksammlung kann diese Beschränkung schon mal für Verdruss sorgen.
Für Begeisterung sorgt auch der Web-Browser, der auf die Rendering-Engine von Safari setzt und an den Browser erinnert, den Nokia Ende 2005 für seine Symbian-Smartphones vorgestellt hat. Beide basieren auf WebKit(öffnet im neuen Fenster) , Apples Variante der KHTML-Rendering-Engine. Der HTML-Browser zeigt die gesamte Webseite verkleinert, so dass die Seitenstruktur erhalten bleibt. Andere mobile Browser verändern hier meist die Seitenstruktur, um alle Inhalte auf die kleinen Handy-Displays zu bekommen.
Von dem iPhone-Browser können sich andere mobile Browser mehr als eine Scheibe abschneiden – vor allem, was die Darstellungsgeschwindigkeit und Art der Aufbereitung betrifft. Der Browser bietet sogar Tab-Unterstützung, so dass mehr als eine Webseite gleichzeitig offen gehalten werden kann.
Die Erwartungen an den Browser im iPhone waren sehr hoch und wurden auch von Apple-Boss Steve Jobs geschürt. So wurde in Tests zum iPhone der Browser an sich überschwenglich gelobt, aber auch immer wieder bemängelt, dass sich damit keine Flash-Inhalte und keine eingebetteten Videos abspielen lassen. Diese Anforderungen gehören zwar beileibe noch nicht zum Standard-Repertoire mobiler Browser, doch verwundert es nicht, dass auch die Ansprüche beim Kunden wachsen. Zumindest die fehlende Flash-Unterstützung soll angeblich mit einem Update nachgereicht werden.
Das E-Mail-Programm im iPhone unterstützt POP3- sowie IMAP-Konten und zeigt HTML-Nachrichten in Original-Formatierung an. Als Anhänge werden Bilder, PDF-Dokumente sowie Word- und Excel-Dateien dargestellt. Allerdings lassen sich Anhänge nicht speichern und somit nur innerhalb des E-Mail-Clients betrachten. Auch die Bearbeitung von Word- oder Excel-Dateien ist auf dem iPhone nicht möglich, wie es jedes halbwegs aktuelle Smartphone ohne Aufwand beherrscht. Selbst Bilddateien können nicht in die Fotoapplikation des iPhone übernommen werden.
Zudem schaltet das iPhone das Display automatisch aus, wenn es zum Telefonieren ans Ohr gehalten wird. Wird das iPhone während eines Telefonats wieder vom Ohr genommen, merkt dies der Bewegungssensor und schaltet das Display wieder an – eine sehr pfiffige Lösung, um wertvollen Akkustrom zu sparen, ohne dass der Nutzer Komforteinbußen zu verzeichnen hat.
Komforteinbußen muss der iPhone-Besitzer allerdings im Adressbuch hinnehmen: Denn zur Auswahl eines Kontakts muss der Nutzer immer durch die Adressliste scrollen, weil sich die Bildschirmtastatur für eine direkte Eingabe eines Namens nicht aufrufen lässt. Als Zwischenlösung blendet das iPhone bei umfangreicher Kontaktliste eine hochkant angeordnete Alphabetleiste ein. Ein Fingerdruck auf einen Buchstaben in dieser Leiste zeigt alle Namen, die mit diesem Buchstaben beginnen. Wer dann viele Kontakte mit dem gleichen Anfangsbuchstaben in seinem Adressbuch hat, muss anschließend noch viel scrollen.
Für ein modernes Mobiltelefon äußerst ungewöhnlich: Das iPhone kann MMS weder versenden noch empfangen. Da der Dienst vor allem über Netzgrenzen nur unbefriedigend zu nutzen ist, muss hier jeder selbst entscheiden, wie sehr einem die MMS-Fähigkeit fehlt. Empfindlicher könnte da schon der Verzicht auf eine Java-Engine stören, denn dadurch lassen sich mit dem iPhone keine Java-Spiele oder -Applikationen nutzen.
Auch wird eine Aufgabenliste vermisst, die den mitgelieferten Kalender und die Notizapplikation sinnvoll ergänzen würden. Der Kalender bietet eine Tages-, Monats- und Jahresansicht, kennt jedoch keine Wochenübersicht. Zudem beherrscht das iPhone keine Sprachanwahl, um Telefonate per Headset zu initiieren, ohne das iPhone in die Hand zu nehmen und es fehlt eine Suchfunktion, um Daten auf dem iPhone bequem zu finden. Der Funktionsumfang des Apple-Handys kann nicht durch Aufspielen von Software erweitert werden. So macht sich auch das Fehlen eines Instant-Messaging-Clients negativ bemerkbar, was besonders ärgerlich ist, weil das Mobiltelefon in den USA mit mobiler Daten-Flatrate verkauft wird. Ein Instant Messenger als Browser-Dienst sollte mit dem iPhone jedoch nutzbar sein, allerdings bringt dieser wohl weniger Komfort als es mit einem eigenständigen Instant Messenger möglich wäre.
Obwohl die Musikfunktionen beim iPhone eine zentrale Rolle spielen, unterstützt das Apple-Handy nicht das Bluetooth-Profil A2DP, um Stereoton drahtlos an passende Geräte zu übertragen. Für den Musikgenuss bleibt also derzeit immer nur der Anschluss eines kabelgebundenen Kopf- oder Ohrhörers. Aber auch das geht nicht ganz reibungslos. Zwar verfügt das iPhone – entgegen erster Testberichte – sehr wohl über eine 3,5-mm-Klinkenbuchse, diese lässt sich aber nicht ohne weiteres nutzen. Denn die Buchse befindet sich so tief im Gehäuse, dass ein Adapter benötigt wird, um herkömmlichen Kopf- oder Ohrhörer anschließen zu können.
Im Rahmen der Bluetooth-Unterstützung macht sich ein weiterer Nachteil bemerkbar: Bluetooth kann nur zur Anbindung von Headsets oder Freisprechanlagen verwendet werden. Ein Datenaustausch über Bluetooth funktioniert ebensowenig wie die Synchronisation mit dem PC. Diese Einschränkung hat Apple mit Mobiltelefonen auf dem US-Markt gemein, so dass Europäer hoffen können, dass diese Bluetooth-Einschränkungen im europäischen Modell nicht zu finden sein werden.
Sollte Apple die Gerätepreise aus den USA ohne Aufschlag umrechnen, wird das iPhone mit 4 GByte in Deutschland etwa 450,- Euro kosten. Rund 530,- Euro wird man auf den Tisch legen müssen, will man das Apple-Handy mit 8 GByte Speicher haben. Hier würde dann noch der Abschluss eines 2-Jahresvertrags bei einem noch nicht bekannten Mobilfunknetzbetreiber kommen, so dass das iPhone preislich in der absoluten Oberliga spielt. Derzeit wird vermutet, dass T-Mobile das iPhone in Deutschland anbieten darf.
Fazit:
Wer das iPhone mit anderen am Markt befindlichen Mobiltelefonen vergleicht, bemerkt vor allem, dass Apple fast alles anders macht als die Konkurrenz. Der Neuling ist leicht zu bedienen und es macht viel Spaß, mit dem iPhone zu arbeiten. Dafür sorgt das hervorragende Display und die angenehme Touchscreen-Steuerung sowie die automatische Display-Ausrichtung.
Aber wer weiß, vielleicht kann Apple mit dem iPhone dem Erfolg des iPod nacheifern und trotz der Mängel die Kunden begeistern? In jedem Fall wird Apple im Handy-Markt vorerst nicht die Dominanz erlangen, die es im MP3-Player-Markt erreicht hat. Denn der hohe Gerätepreis schränkt die mögliche Kundenzahl stark ein und Apple hat im Mobiltelefonmarkt mit Nokia, Motorola, Samsung, Sony Ericsson und LG starke Konkurrenten vor sich.
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