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Urheberrechtsökonomie: Was verdienen Autoren?

Golem.de im Gespräch mit Martin Kretschmer. Martin Kretschmer(öffnet im neuen Fenster) ist Professor für Informationsrecht an der Universität Bournemouth in Großbritannien. Zusammen mit seinem Kollegen Philip Hardwick, Professor für Ökonomie an derselben Universität, hat er in einer umfangreichen Studie untersucht, welche Einkommen Autoren aus dem Verkauf ihrer urheberrechtlich geschützten Werke beziehen und welche aus anderen Quellen. Die Ergebnisse der Studie hat er am vergangenen Freitag auf der Jahrestagung der Society for Economic Research on Copyright Issues (SERCI) in Berlin vorgestellt. Robert A. Gehring sprach mit Kretschmer über die Ergebnisse seiner Untersuchung.
/ Jens Ihlenfeld
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Golem.de: Herr Kretschmer, Sie haben auf der SERCI-Konferenz eine Studie über die Einkommenssituation bei Schriftstellern in Großbritannien und in Deutschland(öffnet im neuen Fenster) vorgestellt. Können Sie uns darüber etwas mehr sagen?

Martin Kretschmer: Wir haben eine Fragebogen-Umfrage unter 25.000 Autoren in Deutschland und in Großbritannien gemacht. Von früheren Studien ist schon bekannt, dass die kulturellen Märkte sich als "Winner-take-all-Märkte" zeigen. Das heißt, dass die bestverdienenden Schriftsteller einen großen Teil der Gesamteinnahmen beziehen. Das hat sich in unserer Studie ganz deutlich bestätigt. Wir können also sagen, dass die Top 10 der professionellen Schriftsteller in Großbritannien 60 Prozent der totalen Einnahmen aus Honoraren für Autorentätigkeiten beziehen. Im deutschsprachigen Raum beziehen die Top 10 der professionellen Schriftsteller rund 41 Prozent der Gesamteinnahmen.

Golem.de: Die Studie hat ihre Erwartungen in dieser Hinsicht also bestätigt. Hat ihre Studie denn auch Überraschungen ergeben?

Kretschmer: Die Erwartungen wurden auf eine Art bestätigt. Bisher hatten kleinere Studien Indizien dafür geliefert, dass der Markt so funktionieren würde. Aber unsere Studie ist die erste, die das im vergleichenden Rahmen in dieser Größe empirisch nachgewiesen hat.
Wir hatten darüber hinaus erwartet, dass der deutschsprachige Markt, der durch das Urheberrecht stärker reguliert ist als der angelsächsische Markt, einen anderen Einfluss auf die Autoren-Einkommen haben würde. Zum Beispiel gibt es in Deutschland die so genannten Urheber-Persönlichkeitsrechte, die in England schwächer ausgeprägt sind. In Deutschland gibt es auch ein Urheber-Vertragsrecht, das die Freiheit des Vertragsabschlusses einschränkt. Und schließlich sind die deutschen Verwertungsgesellschaften anders strukturiert, mit dem Ziel, autorenfreundlicher zu sein. Es hat sich aber herausgestellt, dass die britischen Autoren erheblich mehr verdienen als die Deutschen. Aber in Deutschland ist die Einkommensschere nicht so groß. Das heißt, die Einkommensschere zwischen den hoch Verdienenden und den gering Verdienenden ist in Großbritannien erheblich größer als in Deutschland, was sich wahrscheinlich auf die globale Natur des englischsprachigen Markts zurückführen lässt.

Golem.de: Sie haben die Rolle der Verwertungsgesellschaften bei der Verteilung von Einkommen für Autoren genauer untersucht. Was sind ihre Erkenntnisse?

Kretschmer: Zunächst einmal ist der Beitrag der Verwertungsgesellschaften zum Einkommen der Autoren ein verhältnismäßig geringer. Das ist auch klar, weil es Einnahmen aus so genannten Zweitverwertungsrechten sind, das heißt für Rechte, über die kein Vertrag mit dem Verlag oder dem Produzent abgeschlossen wird. Es sind zum Beispiel Einnahmen aus der Vergütung für das Kopieren in Schulen und Universitäten oder für Zweitsendungen im Radio und im Fernsehen. Die Beträge liegen im Durchschnitt unter 500,- Euro. Was aber sehr interessant ist, ist, dass die Einkommensschere bei den Auszahlungen der Verwertungsgesellschaften zwischen den bestverdienenden und den weniger gut verdienenden Autoren größer ist bei den Honorarzahlungen. Das heißt, die Bestseller werden von den Verwertungsgesellschaften besser bedient als die geringverdienenden Mitglieder. Das hat uns überrascht.

Golem.de: Eine letzte Frage. In ihrer Studie schreiben Sie, dass Sie festgestellt haben, dass weibliche Autoren deutlich weniger verdienen als männliche. Haben sie dafür eine plausible Erklärung?

Kretschmer: Nein, das habe ich überhaupt nicht. Es ist ja so, dass im Gesamtbild aller Beschäftigten Frauen weniger verdienen als Männer. In Großbritannien sind es, glaube ich, durchschnittlich 12 Prozent weniger. Die Zahl für den deutschen Sprachraum kenne ich nicht. Die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen ist bei Schriftstellern noch weitaus größer, die hauptberuflich ihr Einkommen aus der schriftstellerischen Tätigkeit beziehen. Professionelle Schriftsteller sind jene, die mindestens 50 Prozent ihres Einkommens mit der schriftstellerischen Tätigkeit erwirtschaften. Schriftstellerinnen verdienen nur zwei Drittel dessen, was ihre männlichen Kollegen verdienen. Ich habe keine plausible Erklärung dafür.

[das Interview führte Robert A. Gehring]


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