Urheberrechtsökonomie: Was verdienen Autoren?

Golem.de: Herr Kretschmer, Sie haben auf der SERCI-Konferenz eine Studie über die Einkommenssituation bei Schriftstellern in Großbritannien und in Deutschland(öffnet im neuen Fenster) vorgestellt. Können Sie uns darüber etwas mehr sagen?
Golem.de: Die Studie hat ihre Erwartungen in dieser Hinsicht also bestätigt. Hat ihre Studie denn auch Überraschungen ergeben?
Kretschmer: Die Erwartungen wurden auf eine Art bestätigt. Bisher hatten kleinere Studien Indizien dafür geliefert, dass der Markt so funktionieren würde. Aber unsere Studie ist die erste, die das im vergleichenden Rahmen in dieser Größe empirisch nachgewiesen hat.
Wir hatten darüber hinaus erwartet, dass der deutschsprachige Markt, der durch das Urheberrecht stärker reguliert ist als der angelsächsische Markt, einen anderen Einfluss auf die Autoren-Einkommen haben würde. Zum Beispiel gibt es in Deutschland die so genannten Urheber-Persönlichkeitsrechte, die in England schwächer ausgeprägt sind. In Deutschland gibt es auch ein Urheber-Vertragsrecht, das die Freiheit des Vertragsabschlusses einschränkt. Und schließlich sind die deutschen Verwertungsgesellschaften anders strukturiert, mit dem Ziel, autorenfreundlicher zu sein. Es hat sich aber herausgestellt, dass die britischen Autoren erheblich mehr verdienen als die Deutschen. Aber in Deutschland ist die Einkommensschere nicht so groß. Das heißt, die Einkommensschere zwischen den hoch Verdienenden und den gering Verdienenden ist in Großbritannien erheblich größer als in Deutschland, was sich wahrscheinlich auf die globale Natur des englischsprachigen Markts zurückführen lässt.
Golem.de: Sie haben die Rolle der Verwertungsgesellschaften bei der Verteilung von Einkommen für Autoren genauer untersucht. Was sind ihre Erkenntnisse?
Kretschmer: Zunächst einmal ist der Beitrag der Verwertungsgesellschaften zum Einkommen der Autoren ein verhältnismäßig geringer. Das ist auch klar, weil es Einnahmen aus so genannten Zweitverwertungsrechten sind, das heißt für Rechte, über die kein Vertrag mit dem Verlag oder dem Produzent abgeschlossen wird. Es sind zum Beispiel Einnahmen aus der Vergütung für das Kopieren in Schulen und Universitäten oder für Zweitsendungen im Radio und im Fernsehen. Die Beträge liegen im Durchschnitt unter 500,- Euro. Was aber sehr interessant ist, ist, dass die Einkommensschere bei den Auszahlungen der Verwertungsgesellschaften zwischen den bestverdienenden und den weniger gut verdienenden Autoren größer ist bei den Honorarzahlungen. Das heißt, die Bestseller werden von den Verwertungsgesellschaften besser bedient als die geringverdienenden Mitglieder. Das hat uns überrascht.
Golem.de: Eine letzte Frage. In ihrer Studie schreiben Sie, dass Sie festgestellt haben, dass weibliche Autoren deutlich weniger verdienen als männliche. Haben sie dafür eine plausible Erklärung?
Kretschmer: Nein, das habe ich überhaupt nicht. Es ist ja so, dass im Gesamtbild aller Beschäftigten Frauen weniger verdienen als Männer. In Großbritannien sind es, glaube ich, durchschnittlich 12 Prozent weniger. Die Zahl für den deutschen Sprachraum kenne ich nicht. Die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen ist bei Schriftstellern noch weitaus größer, die hauptberuflich ihr Einkommen aus der schriftstellerischen Tätigkeit beziehen. Professionelle Schriftsteller sind jene, die mindestens 50 Prozent ihres Einkommens mit der schriftstellerischen Tätigkeit erwirtschaften. Schriftstellerinnen verdienen nur zwei Drittel dessen, was ihre männlichen Kollegen verdienen. Ich habe keine plausible Erklärung dafür.
[das Interview führte Robert A. Gehring]



