Interview: "Open Source ist wichtig für den OLPC"

Chris Blizzard: Tatsächlich bin ich noch recht neu im Projekt, so dass ich nicht über den Anfang der Zusammenarbeit Bescheid weiß. Ich weiß, dass es irgendwann Gespräche zwischen Nicholas Negroponte und unseren Managern gab, um eine Zusammenarbeit zu vereinbaren. Einfach weil Red Hat und das OLPC-Projekt dieselben Ziele haben.
Golem.de: Welche Ziele meinen Sie?
Blizzard: Wir wollen einen Einfluss auf Kinder in Entwicklungsländern haben, denn wenn wir ihnen die Werkzeuge geben, die sie zum Lernen brauchen, haben sie eine größere Chance, um ihr Leben zu verbessern. Und damit auch das Leben aller in ihren Ländern zu verbessern. Es gibt eine Menge Not in der Welt und der Zugang zu Wissen kann da einen großen Unterschied machen. Das primäre Ziel ist also, die Welt etwas zu verbessern und dieses Ziel haben wir bei Red Hat mit dem OLPC gemeinsam. Technik spielt dabei eine große Rolle.
Blizzard: Ohne Open Source könnten wir etwas Innovatives wie den OLPC nicht schaffen. Denn bei Open Source können wir das ändern, was wir ändern müssen. Microsoft hätte vermutlich eine Windows-Kopie zur Verfügung gestellt und gesagt "schreibt ein paar Treiber für Euer Gerät". Unsere Lösung ist besser geeignet für dieses Vorhaben und auch besser für die Kinder geeignet. Aber auch für die gesamte Umgebung, wenn man all die Probleme betrachtet, die gelöst werden mussten. Die reichen von Backup- über Stromversorgungsprobleme, aber auch der Support-Bedarf darf nicht so hoch sein wie bei einer normalen Windows- oder Linux-Installation.
Durch Open Source konnten wir all diese Probleme angehen und uns auch frei Gedanken darüber machen, wie z.B. die Benutzeroberfläche aussehen soll. Ich denke auch deshalb sind wir so gute Partner mit OLPC und Open Source ein so wichtiger Bestandteil dieses Vorhabens.
Golem.de: Ich las kürzlich einen Kommentar, in dem jemand gegen Linux auf dem OLPC schrieb. Er war davon überzeugt, dass Entwicklungsländer viel lieber die Software hätten, die die meisten Leute nutzen - also Windows. Was sagen Sie dazu?
Golem.de: Was hat Red Hat denn am Linux-System für den OLPC geändert?
Blizzard: Wir haben viel geändert, wobei wir noch immer auf die normale Basis eines Linux-Systems setzen. Es gibt also einen Linux-Kernel, es gibt das X-Window-System und eine GNOME-Umgebung, die jedoch verändert wurde. Wir haben dem Ganzen aber ein neues Gesicht gegeben, was beispielsweise auch ermöglicht, einfach Applikationen zu erstellen. Jede Anwendung läuft darüber hinaus im Vollbildmodus und es gibt eine Homepage, die alle wichtigen Informationen darstellt. Auch die Zusammenarbeit ist in Form des Mesh-Netzwerkes eingebaut, die Kinder können sehen, was um sie herum geschieht. Dann haben wir uns noch Problemen wie der Systemverwaltung und der Software-Installation angenommen...
Golem.de: Zum Beispiel?
Blizzard: Auf einem normalen Linux-System installiert man eine DEB- oder RPM-Datei und die Programmdateien gelangen in ein Systemverzeichnis. Wir installieren alles im Home-Verzeichnis, so dass auch kein Administrator-Passwort benötigt wird. Da auch alle Dateien so zentral liegen, kann ein Programm einfach auf einen anderen OLPC übertragen werden. Bei einer normalen Linux-Installation geht das nicht, ich brauche nicht nur das RPM, sondern muss auch Paketabhängigkeiten erfüllen, also weitere Software installieren. Das geht nicht, wenn ich keinen Internetzugang habe.
Golem.de: Werden solche Änderungen evtl. zurück in klassische Linux-Distributionen fließen?
Blizzard: Ich glaube nicht, dass die Linux-Distributionen für solche Änderungen bereit sind. Die meisten erledigen Dinge doch in einer sehr klassischen Herangehensweise. Doch wenn die Umgebung da ist, können die Funktionen natürlich übernommen werden. Man sollte aber nicht vergessen, dass wir diese Lösungen natürlich für den Einsatz auf dem OLPC entwickelt haben. Dennoch werden sich vermutlich Leute daran machen, Entwicklungen zu übertragen bzw. dies geschieht auch schon, um Sugar-Anwendungen auf normalen Linux-Systemen zu nutzen.
Blizzard: Es sollte etwas werden, was geeinigt für Kinder und Leute, die noch nie einen Computer gesehen haben, ist. Schaut man sich einen Linux-, Windows- oder Mac-Desktop an, haben diese alle viele Verhaltensweisen, die man über die Zeit erst lernen muss. Was sind Dateien? Was sind Verzeichnise? Wie öffnet man Anwendungen? Diese Komplexität wollten wir entfernen.
Warum wir nicht GNOME genommen haben, hat viel mit der Umgebung zu tun. Wir haben beim OLPC keine ständige Internetanbindung, zusätzlich Programme zu finden wird also schwierig. Vor allem haben wir aber nur einen sehr begrenzten Speicherplatz von 1 GByte Flash-Speicher. Das komplette Betriebssystem sollte in 130 MByte passen - mit einer kompletten GNOME-Installation unmöglich. Zudem steht weniger Arbeitsspeicher zur Verfügung. Mit einem Standard-GNOME-Desktop wären auf dem OLPC nicht mehr genügend Ressourcen für die Programme vorhanden. Also mussten wir eine Oberfläche entwickeln, die kleiner ist. Der Umgang mit Dateien und Backups sollte aber auch anders funktionieren, so dass wir unsere eigene Lösung entwickeln mussten.
Die klassische Frage ist, was passiert, wenn der Speicherplatz voll ist. Da wir nicht viel davon haben, müssen wir damit rechnen, dass dies häufig passiert. Ein normaler Desktop würde den Nutzer nur auf den Umstand hinweisen. Wir hingegen schlagen vor, was gelöscht werden könnte, weil es alt ist und lange nicht benutzt wurde. Die OLPCs werden schließlich von Kindern eingesetzt, die noch nie an einem Computer gearbeitet haben und denen auch keine Hilfe bei der Arbeit mit ihrem Computer zur Verfügung steht.
Golem.de: Sugar soll den Bedürfnissen von Kindern entsprechen, wird aber vermutlich von Erwachsenen entwickelt. Woher wissen diese, wie ein Desktop für Kinder aussehen muss?
Blizzard: An dem Projekt arbeiten eine Menge Leute mit, die Erfahrung mit Kindern haben. Kinder sind von Natur aus "Lernmaschinen" und entdecken ihre Umgebung. Wir haben Sugar also nach den drei Prinzipien "lernen", "gemeinsam nutzen" und "erstellen" gestaltet. Es ist einfach, Dokumente zu erstellen und diese mit anderen gemeinsam zu nutzen. Die Mesh-Ansicht erlaubt zu sehen, was um einen herum passiert und daran teilzunehmen. Die Kinder können sich zudem gegenseitig helfen. Ich denke es funktioniert ziemlich gut.
Blizzard: Das würde ich so nicht sagen, Software ist nie fertig. Derzeit setzt es auf Red Hats Linux-Distribution Fedora 6 , soll aber Fedora 7 nutzen, sobald es verfügbar ist. Aber gerade auch an der Oberfläche gibt es noch viel zu tun.
Golem.de: Nun hat Red Hat auch den Global Desktop vorgestellt, der ebenfalls Entwicklungsländer anvisiert . Was wird Red Hat noch in diesem Bereich machen?
Blizzard: Ich kann diese Frage leider nicht beantworten. Sicher werden noch einige interessante Dinge kommen, auf der Desktop-Seite beispielsweise müssen wir definitiv mit Open Source etwas schaffen, was besser ist als der Windows- oder der Mac-Desktop. Derzeit ist der Linux-Desktop für viele Märkte bereits eine gute Lösung, doch um noch eine bereitere Masse zu erreichen, müssen wir diesen speziellen Märkten etwas bieten, was ihnen sonst niemand bietet. OLPC ist dafür doch ein gutes Beispiel.
Golem.de: Mit dem OLPC verdient Red Hat vermutlich kein Geld. Was ist dann der Grund für dieses Engagement?
Blizzard: Wir glauben daran, Open Source zu verbreiten und damit die Welt positiv zu verändern. Ich halte es auch für einen großen Gewinn, wenn Kinder ein Betriebssystem nutzen können, das wirklich für sie entwickelt wurde. Wir machen etwas Neues, was vorher noch niemand gemacht hat und können das Leben von Millionen von Kindern beeinflussen und Red Hats Botschaft so verbreiten.



