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Killerspiele: Aktueller Jugendschutz einfach und genial?

Aktuelle Diskussion dreht sich eher um ein Symptom, nicht um das Problem. Die Frage, ob es schärferer Regeln zum Schutz der Jugend vor so genannten "Killerspielen" bedarf und wie sich solche Spiele auf Jugendliche auswirken, beschäftigte heute den Unterausschuss "Neue Medien" des Bundestages.
/ Jens Ihlenfeld
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Zur Einführung in das Thema "Killerspiele" zeigte Prof. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, einige Szenen aus GTA - San Andreas und der Pate. Er betonte eine Szene aus GTA, in der es eine Belohnung für einen besonders brutalen Mord gebe. Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware(öffnet im neuen Fenster) (BIU), vertreten durch Stefan Brechtmann (Microsoft), führte die Jugendschutz-Einstellungen der Xbox 360 vor, die die Alterseinstufungen der Spiele ausliest und je nach Einstellung nur solche Spiele freigibt, für die der Spieler das Passwort kennt. Brechtmann argumentierte, es gehe beim Thema Killerspiel nur um 5 bis 10 Prozent der Spiele und diese seien Teil der Erwachsenen-Unterhaltung, wie sie bei Filmen, Büchern und anderen Medien längst akzeptiert seien.

Die Demonstration Pfeiffers kritisierte Prof. Hartmut Warkus, Leiter des Zentrums für Medien und Kommunikation an der Universität Leipzig: So kompakt und prägnant wie im Zusammenschnitt von Pfeiffer seien Gewaltszenen in den entsprechenden Spielen gar nicht vorhanden. Hätte man ihn gefragt, hätte er die Szenen gern selbst vorgespielt, nur wäre dies wohl eher langweilig geworden.

Nicht die Spiele seien das Problem, so Warkus. Es seien die Erwachsenen, die das Medium nicht verstehen, da sie nicht selbst spielen. Daher sei es auch falsch, Spiele zu verbieten, die aktuellen Regelungen dahingehend seien sehr weitreichend: "Wenn ein Zwölfjähriger Counterstrike spielt, hat ein Erwachsener versagt." . Er selbst habe mindestens 50 Partien Counterstrike hinter sich, das Blut dabei aber gar nicht wahrgenommen, bis ihn ein Reporter auf der Games Convention fragte, wie er mit dem Blut im Spiel umgehe.

Warkus regte an, man solle Eltern dazu bewegen, mit ihren Kindern zu spielen. "Gewaltexzesse" gebe es auch bei "Mensch ärgere dich nicht", wenn das Spielbrett umgekippt wird, nur saßen zu diesen Zeiten die Eltern dabei, während heute die Jugendlichen eher allein bzw. nur miteinander spielen.

Pfeiffer hingegen bemängelt, dass vor allem Jungen Spiele spielen würden, die nicht für ihr Alter geeignet seien. Für ihn ein klares Zeichen dafür, dass der Jugendmedienschutz nicht funktioniere. Zudem seien Computerspiele ein Faktor, der für die schulischen Leistungseinbrüche bei Jungen in den letzten 15 Jahren verantwortlich sei. Wer viel spiele, sei deutlich schlechter in der Schule. Eine Darstellung, der Prof. Warkus widersprach: Der Leistungseinbruch der Jungen sei vielschichtiger und nicht allein das Computerspielen schuld.

Gewaltbereitschaft durch Spiele, so Pfeiffer weiter, entstehe aber nur bei einer sehr kleinen Gruppe besonders gefährdeter Menschen und sehr großem Spielekonsum. Er verglich dies mit der Situation beim Rauchen - nicht jeder Raucher bekomme Lungenkrebs, aber wer anfällig dafür sei und besonders viel rauche, erhöhe die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken.

Kritik übte Pfeiffer auch an der USK, die in der Hälfte der Fälle zu nicht nachvollziehbaren Ergebnisse komme. Dies liege unter anderem an der Darstellung der Tester gegenüber denen, die über die Einstufung entscheiden. Dennoch will Pfeiffer die USK nicht abschaffen, sondern eher stärken. Die Arbeit der BPJM sei hingegen vorzüglich, verhungere aber am ausgestreckten Arm der USK, da Spiele, die von der USK eine Jugendfreigabe erhalten, nicht mehr von der BPJM indiziert werden können.

Pfeiffer begrüßte die Forderung von Bayerns Innenminister Günther Beckstein nach einem Herstellungs- und Verbreitungsverbotes von "Killerspielen". Es gehe ihm dabei nicht direkt darum, jemanden vom Spielen abzuhalten. Das Ziel sei es vielmehr, die Industrie davon abzuhalten, solche Spiele herzustellen.

Ein Verbot entsprechender Spiele allein hält auch Pfeiffer nicht für eine Lösung, dazu bedürfe es Aufklärung und Ganztagsschulen, um Jungen am Nachmittag vom Spielen abzuhalten. Rund 5 bis 10 Prozent der Jungen würden in eine Computerspielsucht rutschen, so Pfeiffer, und z.B. schon am Vormittag in der Schule vornehmlich an World of Warcraft am Nachmittag denken. Dies sei eine der problematischen Langzeitwirkungen bei Computerspielen, die aber erst in diesem Jahr weiter untersucht werden soll.

Die Kritik an der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) wies deren Geschäftsführer Dr. Klaus Spieler zurück. In Sachen Computerspielen gebe es bereits heute ein Verbot mit Erlaubnisvorbehalt, d.h. ohne Zulassung dürften die Medien nicht an Jugendliche verkauft werden. Die meisten der diskutierten Gewaltspiele bekommen auch gar keine Jugendfreigabe oder gar keine Kennzeichnung, womit die Abgabe an Jugendliche schon heute verboten sei.

Die meisten problematischen Medien werden daher in Nachbarländern gekauft oder fänden auf illegalem Weg ihren Besitzer, so Spieler weiter. Hier bedürfe es unter anderem besserer Mittel zu Kontrolle des Handels. Langfristig gehe es aber vor allem darum, dass Eltern das Medienverhalten ihrer Kinder so wichtig nehmen würden wie die Gesundheits- oder Verkehrserziehung.

Auch Elke Monssen-Engberding, Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM), lobte das bestehende Jugenschutzsystem. Die unter anderem diskutierte Verschärfung von §131 StGB hält sie nicht für notwendig. Ein besonderes Problem aber seien Online-Spiele ohne Trägermedium. Dabei würden die Spieler entscheiden, ob sie sich im Spiel friedlich oder gewalttätig verhalten: Es gehe um die Frage, ob die Programmierung ein gewalttätiges Verhalten erlauben würde. Dabei reicht es nach Meinung der BPjM-Vorsitzenden aus, wenn ein Spiel die Möglichkeit zu gewalttätigen Handlungen biete, um es als jugendgefährdend einzustufen.

Die von Pfeiffer angesprochene schlechte Zusammenarbeit von USK und BPJM wurde von den Vertretern beider Institutionen verneint, es gebe eine gute Zusammenarbeit. Monssen-Engberding bezeichnete das aktuelle System als "einfach und genial" und wies darauf hin, dass eine Kennzeichungsregelung für die Industrie auch attraktiv sein müsse. Andernfalls gebe es keinen Anreiz, die Spiele vorab zur Prüfung einzureichen. Denn während die USK Spiele vor deren Veröffentlichung einstuft, kann die BPJM erst danach tätig werden.

Gerade bei Shootern sei die Vorabkontrolle aber wichtig, denn 80 Prozent dieser Spiele würden in den ersten sechs Wochen verkauft. Abgesehen davon sorge die Zusammenarbeit von USK und BPJM dafür, dass es kaum mehr Spiele ohne Kennzeichnung in Deutschland gebe. Zwar schließe eine "Ab 18"-Einstufung, d.h. die Kennzeichnung "keine Jugendfreigabe", zwar die Indizierung aus, sorge aber dafür, dass viele Spiele in Deutschland gar nicht erst verkauft würden, so USK-Chef Spieler.

Pfeiffer hingegen hält dies nicht für wirksam genug und fordert mehr Indizierungen. Das damit einhergehende Werbeverbot sorge dafür, dass den Jugedendlichen die Titel kaum bekannt und somit auch nicht zu einem "Objekt der Begierde" werden.

Christoph Waitz (FDP) fasste die Diskussion letztendlich folgendermaßen zusammen: Was wir derzeit machen, ist eher ein "Herumdoktern am Symptom, das Problem ist die soziale Verwahrlosung unserer Gesellschaft und dort müssen wir ansetzen."


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