Wie René Obermann die Telekom zerlegt

"Der Kopf hat sich gedreht, aber der Körper kommt noch nicht mit" – das Urteil der Unternehmensberatung Arthur D. Little aus dem Jahre 1996 stimmt auch noch rund elf Jahre später. Zumindest auf dem deutschen Markt hat sich die Deutsche Telekom lange auf ihrer Vormachtstellung ausgeruht. Jetzt will René Obermann, der Neue an der Spitze des Unternehmens, auch den Körper drehen. Seine Maßnahmen sind deutlich schmerzhafter als in der Vergangenheit. Am Ende könnte nicht viel von der alten Telekom übrig bleiben.
Mit der bisher massivsten Senkung der Personalkosten und einem radikalen Umbau (dem 16. seit der ersten Postreform) will der Nachfolger von Kai-Uwe Ricke die Krise in den Griff bekommen und die Wende einleiten. Schon beim ersten Börsengang warnten Analysten und Experten vor dem Risiko, das mit den damals noch 120.000 Telekom-Beamten und dem öffentlichen Dienstrecht, das im Unternehmen galt und in Teilen immer noch gilt, verbunden ist.
Nur ein Bruchteil bleibt übrig
Bereits vor zwei Jahren kündigte der Vorstand an, bis 2008 erneut insgesamt 32.000 Stellen in Deutschland zu streichen. Bis heute hat der ehemalige Staatskonzern mehr als 120.000 Arbeitsplätze abgebaut – die neu entstandene Konkurrenz konnte diesen Wegfall nur zum Teil ausgleichen. Das Liberalisierungsgesetz wurde vom Betriebsrat des Unternehmens nicht ohne Grund als "Rationalisierungs-Beschleuniger" bezeichnet.
Für Konzern-Chef Obermann ist das aber nur der Anfang: Für große Teile der Sparte T-Systems, die unter anderem für die Geschäftskunden zuständig ist, soll ein Partner ins Boot geholt werden. Letztlich könnte die Telekom nur noch einen Minderheitsanteil an T-Systems halten. Die Sparte würde nur noch als Finanzbeteiligung auftauchen – zehntausende Arbeitsplätze würden auf einen Schlag aus der Telekom-Bilanz verschwinden.
Außerdem verhandelt die Telekom-Spitze mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi über die Auslagerung von 50.000 Beschäftigten in eine neu zu gründende Gesellschaft mit dem Namen T-Service. Sollte die Telekom ihre Pläne umsetzen, käme dies einer Zerschlagung der Festnetzsparte T-Com gleich.
Über geringere Löhne und längere Arbeitszeiten will das Unternehmen die Kosten senken – nur so können die geplanten Billigmarken auch erfolgreich am Markt platziert werden. Zumindest in den ersten Jahren soll T-Service im Besitz des Unternehmens bleiben. Ein mittelfristiger Verkauf ist aber nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern sogar wahrscheinlich: In den Verhandlungen mit Verdi bot das Unternehmen an, zumindest bis Ende 2010 auf eine Veräußerung zu verzichten.
Sollte die Telekom die Mehrheit an T-Systems abgeben und auch T-Service irgendwann verkaufen, würde sich die Beschäftigtenzahl in Deutschland nochmals halbieren. Übrig bliebe damit trotz diverser Zukäufe auf dem deutschen Markt nur noch ein Viertel des ehemaligen Beamtenapparates "Deutsche Bundespost Telekom", so wurde das Unternehmen nach der Aufspaltung der Deutschen Bundespost noch genannt.
Wettbewerb um jeden Preis
Das Umfeld hat sich seit der Privatisierung aber auch entscheidend geändert: Agierte der Konzern auch in den ersten Jahren nach der Liberalisierung in Deutschland noch in einem relativ geschützten Raum, so trifft ihn spätestens seit zwei bis drei Jahren die volle Härte des Wettbewerbs. Bis zuletzt wehrte sich das Unternehmen gegen den Billig-Trend. Die zu späte Einsicht von Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke, dass sich auch ein Unternehmen mit mehr als 80 Prozent Marktanteil dem Preiskampf nicht entziehen kann, kostete ihn letztendlich den Job.
Auch Theo Waigel hätte gerne Aktien gekauft
Dem Aktienkurs hat der Umbau der Telekom in Deutschland bisher nur wenig gebracht. Zurzeit notiert das ehemals als Volksaktie gefeierte Papier bei 13,22 Euro und damit immer noch unter dem ersten Ausgabekurs von 14,57 Euro. Dabei hätte sogar der damalige Finanzminister Theo Waigel gerne T-Aktien gekauft. Ein "Gefühl des politischen Anstands" hat ihn davon abgehalten. Wäre er nicht Finanzminister, hätte er "in exzessivem Ausmaß" T-Aktien geordert, verkündete der CSU-Politiker am 19. November 1996, dem ersten Tag der Telekom-Papiere auf dem Frankfurter Börsenparkett.
Heute dürfte Waigel froh sein, dass er keine Aktien gekauft hat. Über den schon damals begonnenen enormen Arbeitsplatzabbau sprach der CSU-Politiker 1996 nicht. Waigel konnte ja nicht ahnen, dass auch elf Jahre später ein Ende des Schrumpfungsprozesses nicht in Sicht ist. Bis 2012 will das Unternehmen das gesamte Netz auf Internettechnik umstellen – die Mehrzahl der Techniker wären dann überflüssig.



