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Keine Panik: SPD gegen reflexartige Gewaltspielverbote

Gewaltfreie Spiele sollen mit einem Preis gekürt werden. Auch die SPD-Bundestagsfraktion will in der Diskussion um gewalthaltige Computer- und Videospiele nicht reflexartig Verbote bzw. eine Verschärfung des ohnehin schon verbesserten Jugendschutzes fordern. Die auch im Ausland geschätzte USK lobten SPD-Bundestagsmitglieder Fritz Rudolf Körper und Monika Griefahn im Rahmen eines Pressegesprächs, erklärten aber auch, dass selbst Gutes noch besser werden könnte.
/ Christian Klaß
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"Es gibt keinen Grund, dem in Arbeit befindlichen Evaluationsbericht mit gesetzlichen Änderungen vorzugreifen, weshalb die SPD-Bundestagsfraktion darauf besteht, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, vorzugehen, und erst auf hinreichender rechtstatsächlicher Grundlage politische Schlussfolgerungen zu ziehen" , heißt es in einem Positionspapier in Richtung der Koalitionspartner CDU/CSU. Erst wenn sich herausstelle, dass die bestehenden Regelungen einen wirkungsvolleren Jugendmedienschutz verhindern ("Normdefizite") würden, wären Veränderungen nötig – im Moment sieht es aber den SPD-Politikern zufolge so aus, als würde es nur bei der Umsetzung ("Vollzugsdefizite") noch hapern.

Angesichts der verschiedenen Gesetzesinitiativen, mit denen manche Politiker die Produktion von Gewaltspielen gar verbieten wollen, soll das mit dem Evaluationsbericht beauftragte Hans-Bredow-Institut(öffnet im neuen Fenster) für Medienforschung in Hamburg angehalten worden sein, nicht erst gegen Ende des Jahres, sondern schon im Juni 2007 mit Ergebnissen aufwarten zu können. Derzeit prüft die SPD-Bundestagsfraktion zwei voneinander unabhängige Maßnahmen: Zum einen wird über eine Stärkung der Ermittlungsbemühungen der Staatsanwaltschaften im Bereich der mit dem Paragrafen 131 StGB geregelten "strafbaren Gewaltdarstellung" nachgedacht, zum anderen soll der Handel stärker überprüft werden.

Etwa 80 Prozent der Spielverkaufe werden laut SPD über große Elektronikmärkte abgewickelt und nur wenige über kleine Einzelhändler. Durch Testkäufe, auffälligere Alterskennzeichnung, räumliche Trennung der altersbeschränkten von den freigegebenen Medien, auf Altersbeschränkungen aufmerksam machende Kassensysteme und durch stärkere Aufklärung über den Sinn von Altersbeschränkungen könnte sichergestellt werden, dass die Jugendschutzregelungen eingehalten werden. Dass nur ein sehr geringer Teil der am Markt befindlichen Spiele den Gewaltspielen zuzurechnen ist, darauf wiesen auch Körper und Griefahn hin. Allerdings würden gerade diese Spiele von vielen konsumiert und es wäre für Minderjährige zu leicht, an sie heranzukommen.

Die USK, die mancher Politiker gern voreilig abschaffen würde, weil er mit den Alterseinstufungen der versammelten Experten nicht übereinstimmen mag, erhielt im Rahmen des Pressegesprächs auch Rückendeckung durch die SPD-Bundestagsfraktion. Die regulierte Selbstkontrolle erlaube kein Hineinreden in die Alterseinstufungen, es würde der Selbstkontrolle widersprechen. Ein Abschaffen der USK hält Körper für nicht sinnvoll – "das Prinzip ist ein Gutes" , das Instrument sollte "nicht leichtfertig aufs Spiel" gesetzt werden und die USK würde auch im europäischen Ausland immer wieder gelobt.

Gleichwohl könnte laut Griefahn – die sich persönlich als Fan der USK bezeichnet – überprüft werden, was sich verbessern lässt und ob sich mögliche Lücken bei Verweigerung der USK-Einstufung eines allzu derben Spiels und das dann nötige Indizierungsverfahren ergeben. Auch sollte überprüft werden, ob das Experten-Team der USK nicht ausgebaut werden müsste, beispielsweise durch einen Kriminologen. Damit scheint allerdings nicht unbedingt Christian Pfeiffer, der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V., gemeint zu sein. Pfeiffer und Manfred Spitzer, der Leiter der psychiatrischen Uni-Klinik in Ulm, warnen nach Amokläufen immer wieder medienwirksam vor "Killerspielen" und sehen in ihnen eine direkte Gefahr für die Gesellschaft.

Dass jedoch hinter Amokläufen von Jugendlichen in der Regel viel mehr steckt als Spiele mit gewalttätigen Inhalten, ist laut Griefhahn "sehr offensichtlich" . Meist sei im Vorfeld klar gewesen, dass es sich um Jugendliche mit sozialen Problemen gehandelt habe, nur wäre nicht reagiert worden – und Ansprechpartner würden für Kinder und Jugendliche nicht zur Verfügung stehen. In Anbetracht der in den letzten Jahrzehnten gestrichenen Gelder für Jugend- und Sozialarbeit verwundert das nicht.

Als ein Journalist anmerkte, dass ausgerechnet diejenigen Länder sich für Gewaltspielverbote stark machen würden, die ihre Unterstützung für Jugendliche am stärksten zurückgeschnitten hätten, antwortete Körper, dass die geforderten Verbote nur den Anschein reger Tätigkeit erwecken würde. Weitere Spitzen gegen den Koalitionspartner schoss er jedoch nicht ab – das Ziel sei es, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen, es könne nur gemeinsam an der Thematik gearbeitet werden. Einfach werde das aber nicht, so Körper.

Um friedlichen Spielen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, denkt die SPD-Bundestagsfraktion über eine mit Preisgeld bestückte regelmäßige Auszeichnung nach – ein Instrument zur Förderung für "positive Spiele" .

Gleichzeitig wurde die deutsche Spielebranche für ihre qualitativ hochwertigen Spiele gelobt, die im internationalen Vergleich besser seien – zudem gebe es nur wenige Gewaltspiele aus Deutschland, was den SPD-Politikern gefällt.

Leider wurde dabei aber übersehen, dass deutsche Spiele international eine nur eher geringe Rolle spielen, was die deutsche Entwicklerszene am vergangenen Freitag anlässlich der Konferenz Quo Vadis 2007 erneut feststellte . Der einzige Erfolg aus Deutschland war bis jetzt ausgerechnet der von Crytek für Erwachsene entwickelte Shooter Far Cry, mit Crysis – ebenfalls ein Shooter – arbeitet das mittlerweile stark gewachsene Team längst am nächsten potenziellen internationalen Hit. Allerdings gibt es noch genügend andere Spielgenres, die Menschen aus aller Welt begeistern – wenn Deutschland hier Kultur exportieren will, wie es der SPD vorschwebt, dann muss es allerdings noch einiges von der Konkurrenz aus dem Ausland lernen.


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