Novell: "Wir fühlen uns Open Source verpflichtet"
Holger Dyroff: Wir haben ja schon ein paar große Kunden bekannt gegeben, die aus der Vertriebspartnerschaft mit Microsoft hervorgegangen sind. Diese haben vor allem die Interoperabilität hervorgehoben. Sofern es amerikanische Kunden waren, aber auch die zusätzliche Rechtssicherheit, die sie dadurch gewinnen können.
Mit den meisten der Kunden haben wir auch schon vorher zusammengearbeitet und waren in Teilbereichen erfolgreich. Aber durch die Partnerschaft hat Linux in diesen Firmen nochmals einen anderen Stellenwert bekommen. Dadurch, dass jetzt klar ist, dass die Zusammenarbeit zwischen Suse Linux Enterprise und Microsoft-Produkten sichergestellt sein wird, haben die Firmen ein besseres Vertrauen bekommen, dass mehr Unix-Anwendungen auf Linux portiert werden können.
Darunter waren dann eben auch Kunden wie HSBC, die bisher ausschließlich Red Hat Enterprise Linux verwendeten. Die haben dies nun als Signal gesehen und sich entschlossen, weltweit in den großen HSBC-Niederlassungen Suse Linux Enterprise einzusetzen.
Golem.de: Sie bekommen also tatsächlich diese Rückmeldungen, dass die Entscheidung für Suse Linux Enterprise auf Grund des Abkommens mit Microsoft fällt?
Holger Dyroff: Ja genau. Wal Mart ist ein ganz gutes Beispiel. Bisher waren dort unternehmensweit etwa 100 Red-Hat-Server im Einsatz und vielleicht 100 bis 200 Non-Paid-Linux-Server, also OpenSuse, Debian oder Ähnliches. Nun haben sie sich für den weltweiten Einsatz von Suse Linux Enterprise entschieden. Dort hat das Vertrauen in die Interoperabilität und die Rechtssicherheit den Schub gegeben, damit Linux nun eine von zwei strategischen Plattformen wird. Das ist es, was bisher bei den Kunden passiert ist und Sie haben schon richtig gesagt, bisher wurden über 40.000 Server aktiviert. Damit sind durchgehend Dreijahresverträge verbunden.
Golem.de: Novell und Microsoft haben kürzlich eine Roadmap veröffentlicht, die die Zusammenarbeit näher beschreibt. Können Sie die Gebiete trotzdem nochmal zusammenfassen?
Holger Dyroff: Es sind vier Bereiche. Zum einen der Bereich Virtualisierung mit sehr kurzfristigen Ergebnissen. Bereits im zweiten Quartal 2007 werden wir Windows voll virtualisiert zusammen mit dem Suse Linux Enterprise Server 10 Service Pack 1 anbieten. Da wird es dann paravirtualisierte Treiber geben, um über 85 Prozent und bis zu 97 Prozent Leistung eines nativen Systems zu erreichen. Umgekehrt wird Microsoft mit dem nächsten Virtual Server auch SLES 10 unterstützen. Dort dann allerdings in einer normalen Softwarevirtualisierung, die nicht so viel Leistung bringt wie die Paravirtualisierung mit dem Xen-Hypervisor.
Wir haben außerdem vereinbart, gegenseitige Zertifizierungen und Support für diese Lösungen zu liefern. Heute spielen die verschiedenen Anbieter beim Einsatz von Virtualisierung häufig noch Ping-Pong miteinander. Oracle beispielsweise hat noch keine Freigabe für eine Virtualiserungslösung erteilt, die Oracle offiziell unterstützen würde. Im Zweifel schiebt der Support dann das Problem auf die Virtualisierung und verlangt die Reproduktion in einer nativen Umgebung. Das ist natürlich schwierig. Wir klären Probleme hingegen hinter den Kulissen und haben dafür auch ein Virtualisierungstest-Labor.
Das zweite wichtige Thema – auch ein Open-Source-Thema – sind die Office-Formate. Wir bieten OpenOffice.org ja in einer Novell-Edition für Linux und Windows an und haben vereinbart, die Office-Formate gegenseitig zu unterstützen. Novell hat dabei eine Führungsrolle in der Entwicklung übernommen und in einem Open-Source-Projekt einen Konverter von Microsofts Open XML nach OpenDocument entwickelt. Dieser wird früher oder später auch direkt in OpenOffice.org integriert.
Zum anderen beteiligen wir uns an einem Projekt, um einen Konverter für den umgekehrten Weg zu erstellen. Wir streben eine hundertprozentige Richtigkeit dieser Konverter an. Die finalen Versionen wird es Mitte 2008 geben, aber die erste Version des OpenOffice.org-Konverters haben wir schon veröffentlicht. Mit dem Service Pack 1 für Suse Linux Enterprise wird es eine zweite Version geben, die auch mit OpenOffice.org 2.1 funktioniert.
Die anderen beiden Bereiche der Vereinbarung sind noch nicht so detailliert verfügbar. Hier geht es um Web-Services-Management. Wir unterstützen die Implementierung in einem Open-Source-Projekt der "Web Services for Management"-Spezifikation für Linux. Der Administrator kann damit also auch in heterogenen Umgebungen arbeiten, wenn die Anwendungen Web-Services-Management unterstützt. Eine detailliertere Roadmap dazu kommt im zweiten Quartal 2007.
Der letzte Punkt ist die noch intensivere Zusammenarbeit bei den Verzeichnisdiensten, also insbesondere eDirectory und Active Directory. Auch hier gibt es im zweiten Quartal 2007 mehr Details. Für die Kunden auf der Linux-Seite ist wichtig, dass wir an der Zusammenarbeit mit Active Directory sehr viel getan haben. Schon für die Einführung von Suse Linux Enterprise 10, aber auch in den seitdem gestarteten Kundenprojekten ist noch einiges entstanden. Beispielsweise in dem Projekt mit Peugeot. Dort werden sich die über 20.000 Linux-Desktops nahtlos in eine Active-Directory-Umgebung integrieren.
Das heißt, bei der Evaluation haben sich die Mitarbeiter über VPNs eingeloggt und ausprobiert, ob alle Funktionen zur Verfügung stehen – es gingen natürlich noch nicht alle. Aber inzwischen gehen alle und diese Verbesserungen werden auch mit dem Service Pack zur Verfügung gestellt. Andere Teilbereiche analysieren wir ebenfalls gemeinsam mit Kunden.
Golem.de: Kommen wir nochmal zur Virtualisierung. Entwickelt Novell diese paravirtualisierten Treiber selbst? XenSource beispielsweise bietet solche Treiber ja bereits an.
Holger Dyroff: Die werden von Novell selbst entwickelt und wir haben insbesondere mit Intel eng zusammengearbeitet. Schließlich geht es auch darum, die Intel-VT- und AMD-V-Hardware-Virtualisierung auszunutzen. Die Treiber sind also eine eigene Entwicklung, für die wir im Enterprise-Bereich auch Support anbieten werden. Wir können die Treiber aber nicht als Open Source veröffentlichen, da Microsoft dies nicht erlaubt. Denn die Treiber basieren auf dem Microsoft-Treiber-Toolkit, aus dem Header und Bibliotheken stammen. Eine Öffnung ist also nicht möglich, sondern wir wählen eine proprietäre Lizenz.
Golem.de: Wie sieht es bei den Office-Formaten aus, wäre der Open-XML-Konverter auch ohne das Abkommen möglich gewesen? Open XML ist schließlich, zumindest laut Microsoft, ein offenes Dateiformat.
Holger Dyroff: Es ist ein offenes Dateiformat, doch Microsoft unterstützt uns vor allem finanziell bei der Entwicklung. Wären Novell oder andere bereit gewesen, hier selbst zu investieren, wäre der Konverter sicherlich etwas, was auch so da sein könnte. Da Microsoft sich hier aber finanziell engagiert, geht es natürlich schneller und die Umwandlung wird nahezu zu 100 Prozent korrekt funktionieren. Microsoft liefert für die Entwickler, die wir inzwischen eingestellt haben, auch technischen Support, so dass nicht bei jedem Problem die kompletten Spezifikationen durchgelesen werden müssen. So können wir uns an Microsoft wenden und das Problem klären.
Wie bei der Virtualisierung: Teil der Vereinbarung war, dass Microsoft selbst in die Entwicklung investiert, durch die Novell neue Mitarbeiter bezahlen kann.
Golem.de: Nun gab es insbesondere aus der Community etliche Kritik. Sie selbst waren schon vor dem Kapitel Novell bei Suse, haben also ganz klar einen Open-Source-Hintergrund. Was antworten Sie Projekten, die Ihnen vorwerfen, Open Source zu schaden?
Holger Dyroff: Wir sehen in diesem ganzen Deal und den Aktionen keinerlei Schaden, sondern nur Nutzen für Linux und die Community. Wir haben hier eine offizielle Anerkennung von Linux durch Microsoft im Enterprise-Bereich. Das bringt uns mit den Kunden dramatisch nach vorne und für die zukünftige Entwicklung und Durchsetzung von Linux ist diese Akzeptanz ganz wichtig. Daher kommt eben, wie vorhin schon erwähnt, das höhere Vertrauen der Kunden. Aus unserer Sicht führt dies letztendlich zu einer schnelleren Linux-Adaption, so dass wir Microsoft schneller ein- und überholen können.
Dem Wettbewerb hat dies auch in keiner Weise geschadet. Wir gehen nach wie vor Kopf an Kopf, wenn es darum geht, beispielsweise SAP auf Linux oder Windows einzusetzen. Da geht unser Vertriebsmitarbeiter ganz aggressiv rein und empfiehlt Linux. Des Weiteren fühlt sich Novell vor und nach dem Deal Open Source verpflichtet. Wir machen eher mehr für Open Source, da wir auf der Vertriebsebene mehr Umsatz machen können und dadurch mehr Möglichkeit haben, dies in Open Source zu investieren.
Seit dem Deal haben wir mit dem OpenSuse Build Service und dem Live-CD-Generator Kiwi zwei neue Projekte in einem sehr frühen Stadium unter die GPLv2 gestellt. Ich glaube, dass uns viele andere Aktionen zeigen, dass wir uns der Community gegenüber verpflichtet fühlen. Für uns war es immer eher ein Nutzen, das haben Teile der Community nicht so gesehen, doch dies hat was mit Glauben zu tun und wir können es nicht einfach durch Überzeugung ändern.
Golem.de:Aber haben Sie denn nicht das Gefühl, dass zumindest in Teilen der Community ein Image-Schaden entsteht?
Holger Dyroff: Kurzfristig mag das der Fall sein. Natürlich gibt es einzelne Bereiche, wo Novell nicht mehr so gut dasteht – insbesondere beim Samba-Projekt. Wir müssen uns letztendlich an unseren Taten messen lassen. Ich glaube, dass auch die Teile der Community, die Kritik geübt haben, sehen werden, dass sich unsere Taten nicht ändern. Wir haben nach wie vor Entwickler für Samba ...
Golem.de:... aber auch welche verloren.
Holger Dyroff: Richtig, aber die können wir intern ersetzen. Es ist ja nicht so, dass unter 4.700 Novell-Mitarbeitern nicht hochintelligente Leute dabei sind, die sich in solche Projekte einarbeiten können. Und wir haben natürlich auch offene Stellen, die wir mit Universitätsabsolventen belegen und die einarbeiten. Man kann heute schließlich auch keine 20 Kernel-Entwickler suchen, denn es gibt keine am Markt. Wir gehen daher mehr und mehr dazu über, interne Ausbildungsprogramme zu schaffen.
Golem.de: Sie haben eben schon angesprochen, dass sie Projekte unter der GPLv2 freigegeben haben, womit wir beim nächsten Thema sind. Die Free Software Foundation (FSF) hat angekündigt, die GPLv3 so zu überarbeiten, dass diese nicht mit ihrem Abkommen vereinbar ist. Sehen Sie darin ein Problem?
Holger Dyroff: Wir sehen darin natürlich ein Problem, aber am ehesten für die Open-Source-Community. Die GPL ist eine nichtdiskriminierende Lizenz. Die Intention, die Lizenz in einer Art und Weise zu überarbeiten, dass ein bestimmtes Abkommen nicht darunter fallen kann, widerspricht komplett dem Open-Source-Gedanken. Ich glaube aber, dass Äußerungen eher interpretiert werden. Wir haben solche Äußerungen auch nicht direkt von Eben Moglen bekommen, der ja direkt an der Lizenzschaffung beteiligt ist.
Die GPL ist nichtdiskriminierend und wir denken, dass wir auch mit dem Abkommen niemanden diskriminieren. Wir wollen jetzt und in Zukunft, dass Open Source für alle offen ist und von jedem verwendet werden kann. Und zu so einer Community gehört eben jeder, auch Microsoft. Dies bringt uns zu dem anderen Problem der GPLv3, nämlich den Bereichen der digitalen Rechteverwaltung und des geistigen Eigentums. Das sind Bereiche, die nicht nur mit uns, sondern mit vielen Firmen kontrovers diskutiert werden. Insbesondere mit den Firmen, die Inhalte vertreiben und für sich ein Recht sehen, diese durch Digital Rights Management (DRM) zu schützen.
Wir als Open-Source-Anbieter haben natürlich auch kein Interesse daran, dass diese Realität von der FSF ignoriert wird. Denn wenn dies dazu führt, dass geschützte Inhalte nur auf proprietären Betriebssystemen abgespielt werden können und Linux davon ausgeschlossen ist, bringt uns das nicht weiter und auch unsere Kunden nicht.
Golem.de: Angenommen, die GPLv3 wird eine Klausel enthalten, die mit ihrem Abkommen nicht vereinbar ist und Projekte stellen ihre Software unter die GPLv3 – was macht dann Novell?
Holger Dyroff: Das ist reine Spekulation. Wir sind an den Diskussionsprozessen zur GPLv3 beteiligt und sehr aktiv. Dort haben wir auch Entwürfe gesehen. Jedenfalls sehen wir uns dadurch für jetzt und die Zukunft in keiner Weise beeinträchtigt – alles weitere wäre wirklich Spekulation.
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