Joseph Weizenbaum: Vergessen Sie Google!

"Googeln Sie mal das Wort Ameise" , ist der zweite Satz. Das sagt Weizenbaum selbst nach dem Film. Das Publikum hat so viele Fragen - zur Wissenschaft, zur Entwicklung der Technik, zur Person - und er möchte doch nur über eines sprechen: über die Gesellschaft. "Wenn Sie Ameise googeln, bekommen Sie wahrscheinlich eine Million und irgendwas Treffer" , führt er weiter aus. Gut geschätzt, zumindest auf Deutsch. Da sind es, wie Google weiß, "ungefähr 727.000 für Ameise" (in 0,20 Sekunden), auf Englisch listet die Suchmaschine in deutlich weniger Zeit "63.000.000 für ant" .
Wer nun wirklich so wahnsinnig ist, all diese Treffer zu sichten und auszuwerten, der wüsste vermutlich sehr viel über die Beschaffenheit der Ameise. "Aber darüber, wie die Ameise mit anderen Ameisen zusammenlebt, wüssten Sie immer noch wenig" , sagt Weizenbaum. Es ist eine Parabel, die er präsentiert und die zeigen soll, dass er nur auf die Zusammenhänge zu sprechen kommen will und eben nicht auf die einzelnen Teile: Wissenschaft, Technik, Person.
Ein aus Deutschland mitgenommener teurer Persermantel wird zum Startkapital in Detroit, wohin es die Familie verschlägt, weil sie dort Verwandtschaft hat. Wie schon in Berlin bleibt das Verhältnis zum Vater schwierig, da Joseph mit dessen oft patriarchischer Haltung und der Geringschätzung von allem, was der Sohn unternimmt, nicht zurechtkommt. Dennoch kommen die Weizenbaums auch in ihrer neuen Heimat wieder zu Erfolg und Ansehen, so dass Joseph Mathematik studieren kann.
Nach dem Studium folgt er einer Einladung ans renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er in der Folge von 1963 bis 1988 lehren wird. Dazu wie auch generell zu seiner wissenschaftlichen Arbeit, die zig von ihm entworfene Software und noch mehr Bücher (darunter auch den Bestseller "Computer Power and Human Reason", dt.: "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft") umfasst, schweigt der Film. Das erscheint einem anfangs seltsam, weil man auf diese Weise nur sehr wenig über die intellektuellen Leistungen Weizenbaums erfährt.
Diesem Fortschrittsoptimismus der fünfziger und teilweise auch noch der sechziger Jahre folgt Weizenbaum nicht. Die engen Verbindungen zwischen Wissenschaft und Militär im Allgemeinen und zwischen dem Fachbereich Computer Science am MIT zur Luftwaffe im Besonderen erregen bei ihm Ärger und Abscheu. Er war zwar selbst von 1941 bis 1945 in den USA beim Militär, doch die Wissenschaft bleibt ihm eine "Quelle der Wahrheit" und soll nicht zum militärischen Erfüllungsgehilfen werden.
Es kommt natürlich anders, und Weizenbaum bleibt nur, zu erklären, was die Bedürfnisse einer Armee mit den immer kleiner und schneller werdenden Computern zu tun haben, nämlich fast alles. Es gibt sonst wohl kaum einen wissenschaftlichen Bereich, der so eng mit militärischen Entwicklungen verknüpft ist. Hardware und Software sind, wie er sagt, ein integraler Bestandteil der "Möglichkeit zur Ausrottung der Welt" .
Weizenbaum wirkt im Film und bei der anschließenden Diskussion desillusioniert, aber weder zynisch noch deprimiert oder gebrochen. Nicht nur eignet sich das Militär weiterhin sämtliches Wissen an, dessen es habhaft werden kann. Auch der Antisemitismus in seiner Wahlheimat Deutschland ist nicht verschwunden. Eine Kameraeinstellung zeigt ihn an der Marx-Engels-Statue am Berliner Alexanderplatz. Jemand hat Davidsterne darauf geschmiert. Dazu enthält sich der Informatikprofessor jeglichen Kommentars.

Die meisten der Interviewpassagen sind bei ihm zu Hause entstanden, in Berlin-Mitte, wo er seit 1996 wieder lebt. Sie zeigen ihn vor einem Bücherregal, er redet über den "Mythos der wissenschaftlichen Wertfreiheit" , im Regal steht ein Roman von George Orwell neben einer Einführung in PalmPilot, aus dem Hintergrund sagt eine Computerstimme: "Sie haben Mail." Ob er die Software für dieses Programm selbst geschrieben hat? Spracherkennung war über Jahre eines seiner Spezialgebiete. Heute kritisiert er die um sich greifende Verbreitung der Computersprache als "fatalen Weg" , der vielleicht den Glauben stärkt, der Mensch sei nichts anderes als ein Computer auf zwei Beinen.
Mit "Weizenbaum. Rebel at Work" hat die Transmediale 2007 einen seltsamen Abschluss gefunden. Technisch und künstlerisch gehört der Film eher zum Mittelmaß, Verzerrungen und eine mäßige Schnitttechnik nerven schnell. Eines aber zeigt er ganz deutlich: Wo der Wissenschaftler in den Hintergrund tritt, kommt der Mensch zum Vorschein. Und mit ihm viele der wichtigen Fragen, die man an Technik, Netzwelt und Kunst stellen kann und sollte. Manchmal kommt eben doch alles zusammen: zu wissen, wie spät es ist, zu wissen, wie man die Zeit von der Uhr abliest und zu wissen, wie die Uhr funktioniert. Joseph Weizenbaum hat es uns erklärt. Besser als Google es je könnte. [von Maik Söhler]



