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Killerspiele? Keine Gefahr für die innere Sicherheit

Dennoch könnte eine weitere Verschärfung des Jugendschutzes folgen. Computer- und Videospiele sind seit dem Amoklauf eines erwachsenen Schülers in Emsdetten wieder im Rampenlicht – genauer gesagt solche Spiele, die primär von besorgten Politikern als jugendgefährdend eingestuft und gern als Killerspiele bezeichnet werden. Bayerns Innenminister Günther Beckstein sieht sogar die innere Sicherheit Deutschlands gefährdet – gegenüber Golem.de widersprach jedoch ein Sprecher des Bundesinnenministeriums dieser Theorie.
/ Christian Klaß
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Anders als von Beckstein(öffnet im neuen Fenster) mit Bezug auf das Bundesinnenministerium (BMI) angegeben, sehe das BMI selbst keine Verknüpfung von Computerspielen und der inneren Sicherheit, so der BMI-Sprecher auf Nachfrage. Es handle sich eher um eine politische Verknüpfung seitens Beckstein, so die Vermutung. Des Weiteren gebe es auch keine entsprechende BMI-Initiative im Bereich Computerspiele.

Vielmehr untersuche das BMI den Schwerpunkt Waffenrecht und gehe der Frage nach, ob hierbei weitere Verschärfungen und die stärkere Berücksichtigung historischer Waffen nötig seien. Der 18-jährige Täter aus Emsdetten hatte laut BMI einen " Kleinen Waffenschein(öffnet im neuen Fenster) ", womit etwa Gaspistolen geführt werden dürfen – weil er dies unerlaubterweise auf einem Konzert machte, sollte einen Tag nach dem Amoklauf vor Gericht gegen ihn verhandelt werden. Die historischen, schussfähigen Vorderlader in seinem Besitz dürfen bisher ab 18 Jahren frei gekauft werden – eine mögliche Lücke im Waffengesetz. Erst seit kurzem sind auch Stimmen laut geworden, die nach der Herkunft der Waffe und Kampfmittel des Täters fragte. Der junge Mann setzte Schusswaffen und Rauchgranaten in seiner Schule ein, bevor er sich selbst umbrachte. Er hinterließ einen Abschiedsbrief.

In der Diskussion um die Ursachen hat so mancher Politiker und Journalist schnell mit dem Finger auf die vom Täter gespielten PC-Shooter Counter-Strike (USK 16) und Doom 3 (USK 18) gezeigt und diese als Killerspiele mit realitätszersetzender, gewaltfördernder Wirkung verurteilt. Auch dass der Täter mit Airsoft-Waffen übte und einige Halloween-Horror-Filme im Regal stehen hatte, war suspekt. Die Probleme des Täters wurden hingegen selten beleuchtet.

Beckstein hatte sich in einer CSU-Mitteilung zuversichtlich gezeigt, "dass Bayern ein Verbot von Gewalt verherrlichenden Videospielen über den Bundesrat durchsetzen kann." Bereits seit Jahren fordert Beckstein ein Produktions-, Handels- und Verleihverbot für "Killerspiele". Mit einem Gesetz hofft Bayern dies in Zukunft in Deutschland auch durchsetzen zu können. Beim Bundesrat geht man davon aus, dass das Thema jugendgefährdende Spiele eventuell in der Sitzung am 15. Dezember 2006 oder am 16. Februar 2007 beraten wird.

Berichte, dass seitens Bayerns bereits eine entsprechende Gesetzesvorlage an den Bundesrat in Berlin gegangen sei, konnte ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums zwar nicht bestätigen, wies jedoch auf Niedersachsen hin, das ähnliche Bestrebungen hätte. Mehrere Landesregierungen haben sich laut Beckstein für Verbote ausgesprochen.

Becksteins populistische Aussage, dass die Herstellung und Verbreitung von "Killerspielen" künftig so hart wie Kinderpornografie bestraft werden müsse, wurde gegenüber Golem.de von einem Ministeriumssprecher relativiert – es sei dabei nur ein Anheben das Strafmaßes gemeint gewesen, nicht jedoch eine Gleichstellung jedweder Art. Wie bei Pornografie werde es auch bei Computerspielen nicht immer einfach sein, zu entscheiden, was jugendgefährdend ist und was nicht.

Becksteins "Vergleich" stieß auch bei der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen unangenehm auf: "Killerspiele 'in einer Größenordnung von Kinderpornografie einzuordnen', wie es Beckstein fordert, zeugt von purem Aktionismus und Populismus. Hier geht es um komplexe Probleme, bei denen einfach scheinende Lösungen keine Abhilfe schaffen. Der reflexartige Ruf nach einfachen und schnellen Lösungen ist weder zielführend noch nachhaltig" , meinten die medienpolitische Sprecherin Grietje Bettin und der jugend- und hochschulpolitische Sprecher Kai Gehring.

Auch der schnelle Ruf nach Verboten gefällt den beiden nicht: "Verbote zu fordern, erscheint bestechend einfach. Wer das tut, muss sich aber auch fragen, was solche im Zeitalter des freien Zugangs über das Internet überhaupt bringen. Weiterhin gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis für einen direkten Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft und Killerspielen" , so Bettin und Gehring in einer Stellungnahme(öffnet im neuen Fenster) .

Obwohl es in der Öffentlichkeit dank der Berichterstattung der Medien anders aussehe, sind Verbote von bestimmten Computerspielen laut bayerischem Innenministerium jedoch nicht die einzige Maßnahme, um eine Gewaltbereitschaft in Deutschland zu senken. Man sei nicht so naiv zu glauben, dass Gewalttaten zusammen mit gewaltverherrlichenden Spielen verschwinden würden. Dennoch könnten labile Individuen damit geschützt werden. Weitere – gesellschaftliche – Probleme seien etwa der fehlende Familienzusammenhalt und die fehlende elterliche Erziehung.

Dennoch erscheint es so, dass Computer- und Videospiele allzu schnell als Grund ausgemacht werden. Das ist insofern nicht verwunderlich, als es sich um ein für ältere Mitbürger weitgehend unbekanntes und zumindest aus Sicht der meist jüngeren Computer- und Videospiele-Fans unverstandenes Unterhaltungsmedium handelt – was die zahlreichen Politiker-Diskussionsrunden im Fernsehen recht gut zeigen. Kaum einer der Politiker und Killerspiel-Gegner ist mit interaktiver Unterhaltung vertraut, das sportliche Kräftemessen in elektronischen Spielen ist ihnen fremd.

Die Spieleindustrie kann sich zwar nicht gänzlich aus der Verantwortung stehlen, denn es vergeht kaum ein Monat, an dem nicht Spiele erscheinen, in deren Verlauf sich die Spieler durch Unmengen von menschlichen oder unmenschlichen Gegnern kämpfen müssen. Andererseits erschienen gerade in den letzten Monaten und Jahren auf Grund der anhaltenden Diskussion immer mehr familientaugliche Spiele: PlayStation 2, Nintendo DS und die bald erscheinende Nintendo-Wii-Konsole machen Spiele auf breiter Front gesellschaftsfähig, da sie ein Massenpublikum ansprechen. Die erst kürzlich nach einer Kleinen Anfrage der FDP von der Bundesregierung für ihre Arbeit gewürdigte USK wies auch immer wieder darauf hin, dass – der Aufregung bezüglich "Killernspielen" zum Trotz – nur ein Bruchteil der zur Prüfung eingereichten Spiele überhaupt jugendgefährdende Inhalte aufweisen würden.

Wie hoch das Interesse an Shootern allerdings sein kann, zeigt in diesen Tagen Microsofts grafisch beeindruckendes, aber auch blutiges Xbox-360-Spiel "Gears of War": Weltweit über eine Million Käufer sollen das Mitte November 2006 erschienene Spiel in wenigen Tagen gekauft haben. Den "Killerspiel"-Gegnern zum Trotz wurde Gears of War in Deutschland aber gar nicht offiziell verkauft – die USK verweigerte dem Xbox-360-Vorzeigetitel auf Grund der Gewaltdarstellung eine Alterseinstufung, womit Microsoft das Spiel auf Grund der Indizierungsgefährdung und etwaiger negativer Presse nicht auf den deutschen Markt brachte. Immerhin soll die Xbox 360 als Familienunterhaltungskonsole angepriesen und nicht als angebliche Killerspiel-Konsole stigmatisiert werden. Gekauft werden kann Gears of War von Erwachsenen dennoch auch in Deutschland – Importhändler machen es möglich.


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