WOS 4: Spektralanalyse
An der Diskussion zum Thena "Open Spectrum" nahmen der Unternehmer und COLT-Telecom-Gründer Malcolm J. Matson von der OPLAN-Stiftung(öffnet im neuen Fenster) , der WLAN-Aktivist Onno Purbo(öffnet im neuen Fenster) aus Indonesien, der sich der Lebensaufgabe "der Verbreitung von Wissen durch Informations- und Kommunikationstechnologien" verschrieben hat, und der Leiter der Stichting Open Spectrum Foundation(öffnet im neuen Fenster) , Robert Horvitz, teil.
Mit viel Elan präsentierte Malcolm Matson einige historische Hintergründe der Regulierung von Datenübertragungsspektren, wie sie seit rund 100 Jahren die Regel ist. Dabei sparte er nicht mit deutlichen Worten. So sagte er, dass die Politik – schlecht beraten durch mächtige Telekommunikationskonzerne – "zerstörerische Technologien kastriert" und "den Fortschritt behindert" . So würde beispielsweise ADSL "ein Versprechen niemals einlösen" , da die Konzerne "kein Interesse" an unbegrenzten Netzwerkkapazitäten hätten und aus diesem Grunde die ADSL-Technologie "fesseln" würden.
Das alles nützt ihnen aber nichts, so Malcolm Matson, denn "die Graswurzel-Router-Revolution" sei nicht aufzuhalten. Die industrielle Entwicklung sei an einem Wendepunkt angelangt. Drei große technologische Innovationen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien dafür verantwortlich: der Mikrochip, das Lichtleiterkabel und die softwaregesteuerte, drahtlose Datenübertragung. Alle drei zusammen würden eine "Welt des Überflusses an Datenübertragungskapazitäten" schaffen. Wo aber kein Mangel herrscht, so die "ökonomische Binsenweisheit" , da sei "kein Geld zu verdienen" . Kein Wunder also, wenn die Kommunikationsindustrie um ihren "1.600-Milliarden-Dollar-Umsatz" fürchten würde. "Die Mutter aller Kämpfe" sei also "der Kampf der Telecoms gegen die Nutzer" .
Die private OPLAN-Stiftung sei dabei auf Seiten der Nutzer, so Malcolm Matson. Sie will Glasfasernetzwerke errichten, zu deren Breitbandkapazitäten jedermann uneingeschränkt Zugang haben soll. Das Ziel, "den Austausch von Ideen, die Pflege von Beziehung und die Kommunikation zwischen den Menschen zu fördern" . Erste Netzwerke(öffnet im neuen Fenster) sind bereits in Betrieb, weitere im Bau, wie man auf den Webseiten der Stiftung nachlesen kann.
Noch näher an den Graswurzeln war der Vortrag von Onno Purbo. Er beschrieb humorvoll und mit einiger Liebe zum Detail, wie in Indonesien um kostengünstige, unregulierte Internetzugänge gekämpft wurde und wird. In der Vergangenheit konzentrierten sich die Bemühungen vor allem auf die Politik. Mit der Öffnung des für WLAN genutzten 2,4-GHz-Bandes im Januar 2005 waren sie von Erfolg gekrönt. Heute geht es in Indonesien eher um praktische Fragen des Internetzugangs, um Fragen der Information über die Technik und ihre Nutzung. In Workshops und preiswerten Büchern werden Interessenten damit vertraut gemacht. Die Nachfrage ist größer als das Angebot.
Besonderes Interesse fand im Podium und beim Publikum der "Wokbolic" , eine Eigenbau-Parabolantenne für WLAN aus Zutaten wie einem Wok, einer leeren Büchse, selbst gelöteten, 30 m langen USB-Kabeln und anderem mehr. Auf Fotos zeigte Onno Purbo die abenteuerliche Low-Cost-Produktion im Einsatz. Ein kleines technisches Problem sei allerdings noch zu lösen, so Onno Purbo: "Die billige Stromversorgung ist anfällig für Interferenzen." Auf politischer Ebene soll der Kampf um die Freigabe des 5,8-GHz-Bandes und die Bereitstellung von Telefonnummern nach dem ENUM-Standard E.164 fortgesetzt werden.
Bastler finden im Internet übrigens eine ganze Reihe von Websites, die sich mit dem Bau von WLAN-Antennen aus Kochgeschirr beschäftigen, zum Beispiel bei ORCON in Neuseeland(öffnet im neuen Fenster) .
Der dritte Vortragsredner des Nachmittages präsentierte im Gegensatz zu seinen Vorgängern eine "Strategie des Wegs durch die Institutionen" . Robert Horvitz sieht sich selbst als "Kritiker der Open-Spectrum-Bewegung" . Deregulierung und lizenzfreies Spektrum wären Zukunftsmusik und man solle besser "praktisch denken" . Nicht die Revolution, sondern die Evolution der bestehenden ITU-Lizenzierungspolitik ist daher sein Ziel und der Weg dahin sei "die Streichung der ITU-R-Bestimmung S18.1" , die da lautet: "Keine Privatperson und kein Unternehmen darf eine Funkstation ohne Lizenz errichten und betreiben ... " .
Beim nächsten ITU-Treffen will Robert Horvitz einen Antrag einbringen, diese Bestimmung abzuändern, um so mehr Innovation bei der drahtlosen Datenübertragung zu ermöglichen. In Zukunft sollten eher Geräte als Frequenzen reguliert werden. Beispiele dafür finden sich bereits heute in verschiedenen Ländern. Probleme könnte das bestehende System der eigentumsartigen Rechte bei Frequenzen bereiten. Da geht es schließlich um viel Geld und eine Koexistenz mit einem alternativen, kostenlosen System der Frequenznutzung sei keineswegs garantiert. [Robert A. Gehring]



