NetBSD-Gründer: "Projekt hat keine Zukunft"
1993 gründeten Chris Demetriou, Adam Glass, Charles Hannum und Theo de Raadt das NetBSD-Projekt auf Basis von 386BSD. Primäres Ziel des Projekts ist, ein System anzubieten, das auf möglichst vielen Plattformen läuft. Aktuell gibt Charles Hannum NetBSD keine Zukunft mehr, dies schrieb er in einer E-Mail(öffnet im neuen Fenster) an verschiedene NetBSD-Mailinglisten.
Das NetBSD-Projekt habe den Punkt erreicht, an dem es irrelevant ist, so Hannum. Als man mit NetBSD angefangen habe, seien sowohl 386BSD als auch Linux Hobby-Systeme mit vielen Fehlern und schlechter Hardware-Unterstützung gewesen. Tatsächlich habe das Projekt in seinen Anfangstagen einige vorbildliche Strukturen geschaffen, die von anderen Open-Source-Projekten übernommen wurden. So wurde NetBSD vor allem 1993 und 1994 zu einem großen Erfolg.
Dann aber, so Hannum, habe man Fehler begangen. Ein entscheidender Punkt, der zum Erfolg von Linux beigetragen habe, sei die starke Führung des Projektes in Form von Linus Torvalds. Dieser sei in der Lage, Leute zu finden, die benötigte Teile des Systems entwickeln. Würde jemand nichts liefern, so suche Torvalds neue Entwickler - im Gegensatz zum NetBSD-Projekt. Dort habe man zu häufig darauf vertraut, dass einzelne Entwickler sich einer Aufgabe widmen. Würden diese ihre Arbeit dann aufgeben, fehle es bei anderen Entwicklern an Motivation, um die Arbeit erneut anzugehen oder fortzusetzen.
Hannum gesteht in seiner E-Mail auch eigene Fehler ein und schreibt weiter, dass auch nach dem NetBSD-Vorbild gestartete Projekte ähnliche Probleme hätten. So gebe es beispielsweise mit Dragonfly BSD und X.org zwei erfolgreiche Projekte, die von ihren Vorbildern FreeBSD respektive XFree86 abgespalten wurden, da die Ursprungsprojekte ebenfalls unter ähnlichen Problemen wie NetBSD litten.
Leider bestehe die Problematik bei NetBSD immer noch - und es würde nichts geschehen, um diese zu lösen. Es gebe heute keine starke Führung des Projektes mehr. Ziele für Veröffentlichungen würden nicht auf Basis von Rückmeldungen entstehen und man würde nicht auf zukünftige Anforderungen achten. Würde man Probleme ansprechen, seien die Antworten immer die gleichen: ""Wir wären froh, so etwas zu haben." Die Entwickler würden sich diesen Teilen aber dennoch nicht widmen.
Tatsächlich liege NetBSD weit hinter vergleichbaren Projekten zurück. So funktioniert laut Hannum Threading zwischen mehreren Prozessoren nicht und sei sogar auf Systemen mit einer CPU fehlerhaft. Es gibt kein gutes Dateisystem für Flash-Speicher und außer LFS auch kein Journaling-Dateisystem und Letzteres sei noch sehr experimentell. Selbst Energiemanagement und Suspend-Funktionen würden nicht funktionieren. Letztlich gebe es nicht einmal Entwickler, die Treiber für neue Hardware schreiben. Vielmehr übernehmen sie die Arbeit von FreeBSD und OpenBSD - die einzige Ausnahme stelle die Bluetooth-Unterstützung dar.
Hannum bezeichnet NetBSD daher als "irrelevant" - doch diesen Begriff habe er nur gewählt, da er versuche, "großzügig" zu sein. Seiner Meinung nach braucht NetBSD unbedingt eine neue, starke Führung. Diese müsse NetBSD zu einem guten System machen wollen, feste Ziele setzen und Leute rekrutieren, die an diesen arbeiten. Außerdem dürfe man sich nicht mehr auf einzelne Personen verlassen. Nur weil ein Entwickler an etwas arbeitet, heiße dies nicht, dass nicht auch ein anderer sich mit demselben Problem beschäftigen dürfe. NetBSD müsse sich zu einer Leistungsgesellschaft entwickeln. Derzeit gebe es zu viele Entwickler, die mit ihrem Code andere Teile kaputt machen - Hinweise an diese Personen fehlen und sollten in Zukunft erfolgen.
Vor allem aber müssten ernsthafte Probleme in der NetBSD-Architektur gelöst werden, beispielsweise die Threading-Funktionen und die mangelnde 32- und 64-Bit-Kompatibilität, durch die viele 32-Bit-Programme nicht mit 64-Bit-Kerneln funktionieren. Ferner müsse die NetBSD Foundation durch eine vernünftige Organisation ersetzt werden, die sich um administrative Aufgaben kümmert. Auch die Kerngruppe müsse durch kompetente Leute ersetzt werden und es müsse einheitliche Standards für die Aufnahme von Patches geben, um Schäden vorzubeugen.
All dies sei mit den derzeitigen Projektleitern nicht möglich, da diese Leute nur den Status Quo pflegen würden. Daher müsse das Management entweder komplett ersetzt werden oder es sei keine Lösung in Sicht. Allerdings entschuldigt sich Hannum am Ende seiner E-Mail auch - es gebe durchaus NetBSD-Entwickler, die gute Arbeit abliefern. Bleibe es aber bei der aktuellen Situation, so sehe er keine Zukunft mehr für das von ihm mitgegründete Projekt.



