Nachgefragt: Ein stabiler Kernel für Linux
Anfang Dezember 2005 keimte auf der Linux Kernel Mailingliste (LKML) – seit jeher Platz für mehr oder weniger sachliche Auseinandersetzungen – eine erneute Diskussion um das Veröffentlichungsmodell des Linux-Kernels auf. Während stabile Versionen des Linux-Kernels früher eine gerade und Entwicklerversionen eine ungerade Nummer trugen, gibt es dieses Modell mittlerweile nicht mehr. Linus Torvalds verzichtete auf die Einführung eines 2.7er-Zweiges. Greg Kroah-Hartman und Chris Wright korrigieren stattdessen seit Kernel 2.6.11 Fehler in Unterversionen der Art 2.6.x.y. Dies passiert aber nur so lange, bis ein neuer Kernel erscheint.
Der Linux-Entwickler Adrian Bunk kritisierte genau dieses Modell in einer E-Mail(öffnet im neuen Fenster) an die LKML und schlug die Einführung einer neuen stabilen Serie vor. "Im aktuellen Entwicklungsmodell des Linux-Kernels fehlt eine stabile Serie, wie es früher die geraden Versionen 2.2 oder 2.4 waren", sagte Bunk gegenüber Golem.de. Das Problem sei, dass neue Versionen auch neue Fehler mitbringen. Vor allem würden funktionierende Teile des Kernels auf einmal nicht mehr so arbeiten, wie sie sollen.
Bunk erklärte sich selbst bereit, diese neue Serie auf Basis von 2.6.16 zu pflegen und begann damit Anfang August 2006. "Dass nicht 2.6.15 oder 2.6.17 die Basis bildet, ist reiner Zufall und hängt nur von dem Zeitpunkt ab, an dem ich das erste Mal darüber nachgedacht habe", erläutert Bunk die Entscheidung für die Version 2.6.16.
Der Kernel 2.6.16 soll nun weiter gepflegt werden, so dass es neben den neuen Kernel-Versionen, die auch neue Funktionen mitbringen, eine konstant stabile Serie für Anwender gibt. Wer einen 2.6er-Kernel einsetzt und zwar Sicherheits-Updates aber keine neuen Fehler haben möchte, soll die neue Serie nehmen, so Bunk. "Solche Leute hatten bisher nur die Wahl zwischen einem älteren Kernel ohne Sicherheitsfixes oder bei einer neuen Version hin und wieder neue Fehler mitgeliefert zu bekommen", erklärt Bunk die Zielgruppe. Die Serie könnte aber auch Nutzer ansprechen, die derzeit noch einen 2.4er-Kernel nutzen.
Hauptsächlich sollen in die 2.6.16er-Serie also Sicherheits-Updates und kleinere Fehlerkorrekturen gelangen. In ferner Zukunft könne auch einmal ein neuer Treiber dazukommen, so Bunk. Dies werde sich dann einfach ergeben. "Oberste Priorität ist auf jeden Fall, neue Fehler zu vermeiden", sagte Bunk. Mit der Zeit würde es sicher problematisch, Patches für Sicherheitslücken für den 2.6.16er Kernel zu portieren. Andererseits hätten die Distributoren, die diese oder eine naheliegende Kernel-Version einsetzen, das selbe Problem, meint Bunk. Daher würde es reichen, wenn der Patch an einer Stelle entwickelt und dann übernommen würde. Dadurch könnte der Aufwand zumindest ein wenig sinken.
In der langen Diskussion im Dezember 2005 riet unter anderem der früher bei Red Hat für den Kernel zuständige Arjan an de Ven von Bunks Vorhaben ab. Die Wartung würde seiner Meinung nach bereits nach wenigen Monaten zu umständlich. "Sicherheitsfixes sind die Pflicht, Treiber-Updates die Kür", so Bunk. Der Aufwand durch zu portierende Treiber würde so gar nicht entstehen – wer neue Treiber und Funktionen brauche, müsse gegebenenfalls zu einem aktuellen Kernel wechseln. "Meine Zielgruppe sind die Leute, bei denen 2.6.16 funktioniert", sagt Bunk weiter.
Je nachdem wie die 2.6.16er-Serie angenommen wird, könne er sich auch vorstellen, dass es eines Tages eine weitere stabile Serie geben wird. Dann auf Basis eines aktuelleren Kernels, wie beispielsweise 2.6.24.
Viele Kernel-Entwickler sehen die Pflege eines stabilen Kernels aber ohnehin als Aufgabe der Distributoren an, Anwender sollen diese Kernel-Varianten nutzen. Bunk hingegen möchte diese Verantwortung nicht per se auf die Linux-Distributionen abschieben: "Nach meiner Erfahrung gibt es sehr viele Leute, die aus den unterschiedlichsten Gründen eigene Kernel kompilieren. Für solche Leute sollte es meiner Meinung nach eine stabile Serie geben – und das ist genau das, was ich mache."
Dass seine Serie vermutlich nur in wenige Distributionen gelangen wird, stört Bunk nicht. So möchte auch Debian vor der Veröffentlichung von Debian 4.0 alias Etch noch auf die Version 2.6.17 umschwenken. Doch letztlich pflegen auch die Distributionen ihre eigenen Kernel-Varianten, für die sie Sicherheits-Updates anbieten. "Ob eine Distribution meine Serie direkt verwendet oder nicht, ist mir relativ egal", so Bunk. Die stabile 2.6.16er-Serie sei ein Angebot. Für Bunk mache es keinen Unterschied, ob der Kernel von ein paar Leuten weltweit oder als Distributions-Kernel von viel mehr Leuten eingesetzt wird.
Das generelle Problem besteht für Bunk weiterhin im Veröffentlichungsmodell. Man könne beide Modelle ausgiebig diskutieren, doch "Fakt ist, dass die maßgeblichen Entwickler am aktuellen Modell festhalten wollen". Andrew Morton sagte auf dem LinuxTag 2006, dass der Kernel immer fehlerhafter werde. Bunk bestätigt diese Aussage, es gebe aber zu wenige Entwickler, um alle Fehlerberichte angemessen zu bearbeiten.
Letztlich muss sich seine Kernel-Serie erst etablieren. Wie viele Nutzer wirklich daran interessiert sind, ist schwer abzusehen. Andererseits sollte sie eine gute Alternative für alle jene sein, die schon jetzt einen 2.6er-Kernel verwenden und keine neue Treiberunterstützung sowie neue Funktionen benötigen, allerdings Wert auf Sicherheits-Updates legen. Ist in einem solchen Fall der Distributions-Kernel nicht ausreichend, könnte Bunks Version der passende Ersatz sein. Pflegen möchte er seinen Kernel in jedem Fall, beteuerte Bunk, erst einmal unabhängig von dem Zuspruch, den er findet.
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