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Reiser4 - die unendliche Geschichte

Hans Reiser verlangt gleiche Behandlung für alle. Seit das Dateisystem Reiser4 vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, bemüht sich Chefentwickler Hans Reiser um die Integration in den offiziellen Linux-Kernel. Erst kürzlich bekräftigte er, dass die nächste Version Reiser4.1 wirklich in den Kernel gelangen sollte. Nun fühlt Reiser sich von den Kernel-Entwicklern wieder einmal ungerecht behandelt.
/ Julius Stiebert
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Anlass für Hans Reisers erneute Kritik an den Kernel-Entwicklern ist die von der Website Kernel Newbies veröffentlichte FAQ(öffnet im neuen Fenster) "Why Reiser4 is not in the Linux Kernel". In einer E-Mail(öffnet im neuen Fenster) an die Linux-Kernel-Mailingliste (LKML) fragt er, ob dies wirklich der offizielle Standpunkt sei. Die Linux-Gemeinde habe ein Problem, sie vergraule regelmäßig gute Entwickler. So würden Leute Code von besseren Entwicklern kommentieren und hätten dabei keinen Respekt. Dies müsse sich ändern.

Auch meint Reiser nicht, dass die Distributionen Dateisysteme aufnehmen sollten, bevor sie im offiziellen Kernel sind. Er könne an Debian herantreten und sie bitten, Reiser4 aufzunehmen, doch so solle es nicht laufen. Daher lasse er dies.

Im Folgenden fordert Reiser dann denselben Integrationsprozess für alle: Stein des Anstoßes ist die Ankündigung von Ext4 , das als Nachfolger von Ext3 auch als experimentelles Dateisystem direkt in den Kernel gelangen wird. Er sei zwar nicht der Meinung, dass Ext4 nicht in den Kernel gelangen dürfe oder erst wenn es eine bessere Leistung als Reiser4 aufweist, Reiser fordert eine Gleichbehandlung und sieht in Reiser4 ein Update für Reiser3, das alle kritischen Fehler beseitige.

Vor allem sei Reiser4 stabil und die Distributionen müssten wissen, ob es in den Kernel gelangt, bevor sie es selbst integrieren. Auch ein als experimentell gekennzeichnetes Reiser4 im Kernel würde den Distributoren nichts bringen, da sie dieses aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihren Nutzern unter Umständen nicht im Installer verfügbar machen würden.

Reiser fordert, dass in Zukunft allein der Code und seine Funktion ausschlaggebend sein sollen, nicht Freundschaften unter den Entwicklern. Man bräuchte mehr Leute wie Andrew Morton - in dessen Kernel-Zweig Reiser4 bereits integriert ist -, dann würden die Dinge besser aussehen. Sollte Reiser4 in Kernel 2.6.19 gelangen, wie Hans Reiser nach eigenen Angaben gehört hat, sei er zufrieden. Dann würde er auch komplett darauf verzichten, Distributionen um die Aufnahme von Reiser4 zu bitten. Die Vorgängerversion Reiser3, ehemals ReiserFS, war auch zuerst in Suse Linux vorhanden, bevor sie in den Kernel 2.4.1 gelangte. Ähnliches könnte auch mit Reiser4 passieren.

Der bei IBM beschäftigte Kernel-Entwickler Theodore Ts'o antwortete(öffnet im neuen Fenster) jedoch auf Reisers E-Mail und wies dessen Kritik zurück. Das Vorgehen bei Ext4 sei keine Integrations-, sondern vielmehr eine Entwicklungsprozedur, für die sich die Kernel- und die Ext3-Entwickler gemeinsam entschieden hätten. Vor allem sei Reiser4 ein komplett neues Dateisystem und würde nicht mehr auf Reiser3 basieren. Ext4 hingegen würde derzeit vor allem aus Erweiterungen für Ext3 bestehen, die bereits seit längerem vorhanden und auch getestet seien.

Im weiteren Verlauf der Diskussion(öffnet im neuen Fenster) wird jedoch klar, dass es sich bei der erneuten Auseinandersetzung von Hans Reiser und den Kernel-Entwicklern wieder einmal um einen Zusammenstoß unterschiedlicher Persönlichkeiten denn um eine technische Debatte handelt. Hans Reiser weist das Argument zurück, es gebe zu wenig Entwickler, die den Code untersuchen würden. Andererseits ist er aber auch weiterhin nicht für die Argumente der Kernel-Entwickler empfänglich.

Ob das 2004 veröffentlichte Reiser4 in absehbarer Zeit seinen Weg in den offiziellen Linux-Kernel finden wird, ist damit weiterhin fraglich. Derzeit ist das Dateisystem nur als Patch(öffnet im neuen Fenster) für den 2.6er-Kernel erhältlich und in Andrew Mortons Kernel-Zweig(öffnet im neuen Fenster) integriert. Eine Aufnahme in den offiziellen Kernel scheiterte bisher, unter anderem, da Hans Reiser sich in der Vergangenheit weigerte, von den Kernel-Entwicklern geforderte Änderungen an seinem Quellcode durchzuführen.

Die Kernel-Entwickler argumentieren außerdem, dass sie zu wenige Leute hätten, um den Reiser4-Quelltext zu prüfen. Andrew Morton sagte auf dem LinuxTag 2006 gegenüber Golem.de, man solle die zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen vergessen und sich auf die Technik konzentrieren, um Reiser4 endlich in den Kernel aufnehmen zu können. Wie das aktuelle Beispiel zeigt, funktioniert dies jedoch auf beiden Seiten nicht.


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