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Interview: Transparency hat ein Blog-Problem

Transparency International fordert Löschung eines unliebsamen Blog-Eintrags. Eine Bloggerin beschrieb die Leidensgeschichte einer Freundin, die von der Organisation Transparency International(öffnet im neuen Fenster) entlassen worden war. Das passte der Vereinigung gar nicht, die sich für Offenheit und Korruptionsbekämpfung einsetzt, und forderte die Entfernung des Blog-Eintrags. Im Interview erklärt die Bloggerin die Hintergründe, während die Organisation dazu schweigt.
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Bloggerin Moni hat Ärger mit dem Anwalt – weil sie sich in ihrem Weblog negativ über die Entlassung einer Freundin geäußert hat. Die Frau, Mutter eines dreijährigen Jungen, arbeitete bei der für ihr Engagement für Offenheit und Korruptionsbekämpfung bekannten Vereinigung Transparency International(öffnet im neuen Fenster) .

Deren Rechtsbeistand schickte Moni ein Schreiben, nachdem ihr durchaus spitz formulierter Beitrag das Persönlichkeitsrecht von Transparency International verletze. Darin heißt es, sie habe bis Sonntag Zeit, den Text aus dem Netz zu nehmen. Moni kam der Forderung nach – nicht jedoch ohne eine Erklärung für ihren Blog-Bericht ins Netz zu stellen sowie zuvor das anwaltliche Schreiben zu veröffentlichen. Im Interview mit der Netzeitung erzählt Moni, deren vollständiger Name der Redaktion vorliegt, von dem Vorfall, der derzeit in deutschen und internationalen Weblogs für starke Resonanz sorgt und sich für Transparency International wohl zum PR-Desaster entwickelt.

Netzeitung: Was wirft Ihnen Transparency International vor?

Moni: Im ersten Brief warf man mir eine nicht weiter ausgeführte Verletzung von Persönlichkeitsrechten der Organisation vor sowie rechtswidrige Schmähkritik. Im zweiten Schreiben orientierte sich der Justitiar und Ethikbeauftragte in eine etwas andere Richtung und warf mir neben ebenfalls nicht weiter erläuterten, rechtswidrigen unwahren Behauptungen auch eine Verletzung seines Urheberrechtes vor. Letzteres bezog sich auf ein Posting, in dem ich den Wortlaut seines ersten Briefes ohne Nennung des Anwaltsnamens und ohne Nennung der Organisation wiedergegeben hatte.

Netzeitung: Hätten Sie gedacht, dass ausgerechnet Transparency International ein solches Schreiben schicken würde?

Moni: Natürlich hätte ich das nicht gedacht. Transparency International ist eine Organisation, die sich der Ethik und Integrität verschrieben hat und die auf ihrer Webseite selbst damit wirbt, dass sie sich gegen konfrontatives Vorgehen einsetzt. In diesem Sinne hätte ich vermutet, dass man – falls man überhaupt Anstoß am Ausdruck meiner Meinung nimmt – Verbindung zu mir aufnehmen würde, um die Meinungsverschiedenheit in einem Gespräch zu klären.

Ehrlich gesagt hätte ich aber sogar erwartet, dass man eine kritische Meinungsäußerung gar begrüßen könnte, denn immerhin befürwortet Transparency International – wie man ebenfalls auf ihrer Webseite lesen kann – ausdrücklich das Whistleblowing.

Netzeitung: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Anti-Transparency-Posting zu verfassen. Haben Sie später bereut, in welchem Ton es geschrieben war?

Moni: Die Idee, dieses Posting zu verfassen, entstand aus meiner persönlichen Enttäuschung über die Verhaltensweise gerade dieser Organisation in Zusammenhang mit der Kündigung einer Freundin, die ich seit 13 Jahren kenne und deren Aussagen ich voll vertraue. Zur zweiten Frage: Ich habe nicht bereut, in welchem Ton ich den ursprünglichen Beitrag verfasst habe, denn nach wie vor finde ich daran nichts zu beanstanden.

Dass ich der Aufforderung des Justitiars und Ethikbeauftragten nachgekommen bin, den Beitrag zu löschen, hatte vielerlei Gründe: finanzielle, de-eskalierende (das hat ja nicht funktioniert) und zeitliche, da es mir die Fristsetzung über das Wochenende bis Mitternacht am Sonntag erschwerte, auf konventionellem Weg Rechtsbeistand einzuholen.

Netzeitung: Ihr Blog hat durch den Vorfall enormen Zulauf erhalten, der Begriff Transparency steht auf der Technorati-Blogger-Liste auf Platz 1, über 200 Blog-Postings sind zum Thema inzwischen verfasst worden. Hätten Sie diese Resonanz erwartet? Können Blogger Mediendruck ausüben?

Moni: Ich habe erwartet, dass die Gemeinschaft der Blogger die Verfahrensweise von Transparency Deutschland nicht goutieren wird. Mit einer derart starken, schnellen und internationalen Resonanz konnte ich aber natürlich nicht rechnen, zumal meine Besucherzahlen im Blog am Wochenende normalerweise geringer sind als an Wochentagen.

Die Frage nach den Bloggern und dem Mediendruck ist eine komplexe Angelegenheit, die momentan in vielen Weblogs besprochen wird. Ich denke, eine Bestandsaufnahme über diese Frage wird man vielleicht aufnehmen können, wenn sich die Lage etwas beruhigt hat.

Netzeitung: Wir bedanken uns für das Gespräch.

Transparency International nimmt derzeit zu dem Vorfall keine Stellung und hat eine Pressemitteilung zum Thema zurückgezogen. Moni hat inzwischen den bloggenden Anwalt Udo Vetter mit ihrer Vertretung beauftragt. [von Ben Schwan]


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