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Interview: "Der Desktop soll Spaß machen"

Nat Friedman von Novell im Interview. Auf der CeBIT 2006 stellte Novell den neuen Suse Linux Enterprise Desktop 10 vor, der mit vielfältigen grafischen Effekten aufwartet. Golem.de sprach mit Nat Friedman, bei Novell für den Linux-Desktop verantwortlich, über die Xgl-Technik proprietärer Treiber und Novells Open-Source-Strategie. Der heutige Vizepräsident für Linux-Desktop-Engineering von Novell gründete 1999 zusammen mit Miguel de Icaza die Firma Ximian, die später von Novell aufgekauft wurde.
/ Julius Stiebert
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Golem.de: Novell nutzt beim neuen Suse Linux Enterprise Desktop Xgl für allerlei grafische Effekte. Red Hat hat mit AIGLX eine konkurrierende Technik in Fedora integriert. Wie unterscheiden sich die beiden Ansätze?

Nat Friedman: Wir haben in den letzten 18 Monaten an Xgl, Cairo, Compiz und glitz gearbeitet. Unser Ziel war es, eine leistungsfähige Grafik-Engine für Linux zu entwickeln - der Desktop soll Spaß machen, Effekte wie Animationen und Übergänge bieten. Wir wussten, dass wir dafür die Hardware-Beschleunigung der Grafikkarte nutzen müssen, also haben wir die dafür nötigen Schritte unternommen und uns angeschaut, was beschleunigt werden muss. Da Mozilla zum Rendern der Webseiten Cairo nutzt, beschleunigt man einfach Cairo. Schon werden auch Webseiten hardwarebeschleunigt gerendert und wir sind so in der Lage, im Fenster Effekte anzuwenden. Um das zu erreichen, haben wir an Xgl und glitz gearbeitet.

Ein paar Red-Hat-Mitarbeiter haben mit AIGLX einen anderen Ansatz entwickelt und dafür Xgl-Code verwendet. Sie verwenden auch glitz, doch jeder Treiber muss geändert werden, damit er mit AIGLX arbeitet. Derzeit liegt der Vorteil dennoch darin, dass AIGLX mit den freien Treibern zusammenarbeitet, während Xgl nur mit den Binärtreibern funktioniert. Ich denke, sie sind derzeit komplementär. Was in der Zukunft passieren wird, weiß ich nicht. Vielleicht wird jeder Xgl oder AIGLX nutzen, vielleicht werden sie sich den Markt teilen. Letztlich ist das aber egal, da wir mit X eine Standardschnittstelle haben und ich bin froh, dass die Leute daran arbeiten. Xgl und AIGLX repräsentieren nicht den Wettbewerb - ich denke sogar, dass wir beides ausliefern werden. Damit könnten wir mehr Bedürfnisse abdecken.

Golem.de: Arbeitet Novell auf diesem Gebiet mit Red Hat zusammen?

Friedman: Nicht direkt, aber da sie Xgl-Code und glitz verwenden, gibt es natürlich schon eine Zusammenarbeit. Wir würden uns aber freuen, ihnen helfen zu können, denn schließlich arbeiten wir daran, Xgl zu stabilisieren, sollen die Effekte doch im fertigen SLED 10 bereits einsatzbereit sein.

In der Open-Source-Gemeinschaft ist es normal, dass sich mehrere Lösungen entwickeln - manchmal setzen sich mehrere durch, manchmal nur eine. Wir wollen auf jeden Fall Unterstützung für das EGL-API im Kernel erreichen, denn zurzeit läuft Xgl auf einem X-Server als GLX-Client. In Zukunft soll dieser zweite X-Server wegfallen, so dass man zur Hardware-Beschleunigung direkt auf die Unterstützung im Kernel zugreifen kann. Es wäre toll, wenn sich dem jemand annehmen würde, wir schaffen es derzeit nicht.

Golem.de: Sie haben bereits Binärtreiber angesprochen. Durch eine Änderung am Kernel sah sich AVM kürzlich gezwungen, über die Einstellung der Linux-Treiber nachzudenken. Suse kündigte daraufhin an, keine proprietären Treiber mehr auszuliefern. Wie ist Ihre Sicht dieses Problems?

Friedman: Es ist eine Herausforderung. Wir haben einen GPL-Kernel und eine Gemeinschaft, die aus guten Gründen freie Treiber haben möchte. Auf der anderen Seite gibt es Hardwarehersteller, die ihre Gründe haben, Treiber nicht offen zu legen. Ich kann auch das nachvollziehen, viele haben geistiges Eigentum in ihren Treibern, das wettbewerblich bedeutend ist. Wir werden keine Binärtreiber mehr mitliefern, es den Nutzern aber einfach machen, ein voll funktionierendes System zu erhalten. Die Grafiktreiber beispielsweise gibt es direkt beim Hersteller.

Ich fände es schön, wenn es künftig nur noch Open-Source-Treiber gäbe, aber in der aktuellen Situation müssen wir uns nach den Nutzern richten. Für sie muss es einfach sein, das System komplett einzurichten.

Golem.de: Aber gerade bei ISDN wird es schwierig, an die Treiber zu kommen, da ohne diese auch noch kein Zugang zum Internet besteht.

Friedman: Das sehe ich auch so und es ist eine schlechte Situation für den Nutzer. Mit Grafiktreibern ist es einfacher, wir erkennen die Hardware und sagen dem Nutzer, wo er die Treiber findet. So muss er nicht einmal wissen, wo er im Internet suchen muss. Ich kenne den Vorfall mit AVM nicht, deshalb kann ich das nicht kommentieren. ISDN ist in Deutschland wesentlich weiter verbreitet als im Rest der Welt, deshalb habe ich die Auseinandersetzung nicht weiter verfolgt.

Golem.de: Novell Linux Desktop wird zum Suse Linux Enterprise Desktop. Was hat es mit der Namensänderung des Produktes auf sich?

Friedman: Wir wollen auf die gemeinsame Code-Basis hinweisen, denn SLED und SLES nutzen denselben Code und sind binärkompatibel. Die Treiber können ausgetauscht werden und wenn eine Anwendung auf dem einen Produkt läuft, dann läuft sie auch auf dem anderen. Das ist nicht nur für Nutzer, sondern auch für Hard- und Software-Anbieter sehr wichtig. Auch wenn man für das eine Produkt geschult wurde, kann man das andere benutzen.

Zusätzlich haben wir openSuse als eigenständiges Produkt mit einer eigenen Codebasis. Ich denke nicht, dass dies die Kunden verwirrt, denn wenn man vom freien Projekt spricht, sagt man "openSuse". Die Enterprise-Produkte werden bei ihrem Namen genannt, vielleicht sind daher gerade die Abkürzungen SLED und SLES hilfreich.

Golem.de: SLED richtet sich an den Geschäftskunden, welche Rolle spielt für Novell der private Nutzer?

Friedman: SLED ist vor allem das Produkt, für das wir Unterstützung bieten. Wenn man kein Problem mit Downloads hat und sich selbst helfen kann, ist openSuse unter Umständen die richtige Wahl. Alle SLED-Funktionen werden nach der Veröffentlichung auch in openSuse einfließen. Wir entwickeln also nicht zwei getrennte Produkte. Es kann Dinge geben, die zuerst im SLED und später dann in openSuse auftauchen, um SLED interessanter zu machen.

Was die privaten Anwender angeht, gibt es verschiedene Typen. Es gibt Geeks wie mich, die kein Problem damit haben, eine Konsole zu öffnen und ihre Probleme selbst zu beheben. Für diese Leute ist openSuse das passende Produkt. Es ist aktuell, stabil und bietet einem viele Anwendungen. Anwender wie meine Mutter würden eher zum SLED greifen. Diese wollen wir aber durch ihren Desktop auf der Arbeit an Linux heranführen, so dass sie das Betriebssystem dann vielleicht auch zu Hause einsetzen wollen. Wir richten uns ganz klar an den Büroanwender, aber das macht uns dann unter Umständen auch im privaten Umfeld bekannter.

Golem.de: Novell kündigte vor einiger Zeit an, nur noch GNOME auszuliefern, ruderte dann aber zurück. Jetzt ist zwar beides dabei, aber GNOME wird intensiv unterstützt und ist der Standard. Welche Rolle spielen die beiden Desktops?

Friedman: Wir unterstützen weiterhin beide Oberflächen und wir beschäftigen Entwickler beider Desktops. GNOME ist unser Standard, aber wir unterstützen auch KDE. Viele unserer Partner arbeiten mit GNOME, weshalb wir uns dafür entschieden haben. Doch KDE ist auf jeden Fall gleichberechtigt, aber wir brauchen einen Standard. Wir können unser Produkt nicht an einen Linux-Neuling herausgeben, der sich dann gleich entscheiden muss, welche Oberfläche er nutzen möchte: Akronym Nummer 1, Akronym Nummer 2 - er hat zuvor noch nie von KDE oder GNOME gehört. Es geht hier um Windows-Nutzer, die zu Linux wechseln und noch nicht verstehen, dass es Alternativen gibt. Daher haben wir uns für eine Oberfläche entschieden und das ist eben GNOME.

Golem.de: Wenn der Nutzer sich aber für KDE entscheidet, funktioniert dann alles genauso wie unter GNOME?

Friedman: Ja, alles funktioniert. Auch die Desktop-Suche Beagle, für die wir extra eine KDE-Oberfläche entwickelt haben. Beagle wird sogar sehr plattformunabhängig entwickelt, so dass es kein großes Problem darstellt. Xgl und Compiz funktionieren ebenfalls. Der Fenstermanager Compiz nutzt Plug-Ins und die Teile, die zu GNOME oder KDE gehören, sind einfach als Plug-Ins umgesetzt und können je nach gewählter Oberfläche ausgetauscht werden. SLED ist also trotz unserer Vorgabe desktopunabhängig gestaltet.

Golem.de: Novell hat eine Umfrage durchgeführt, in der Nutzer gefragt wurden, welche Software sie unter Linux vermissen. Welche Konsequenzen zieht Novell aus dem Ergebnis?

Friedman: Der Beraterzweig von Novell hat diese Umfrage durchgeführt. Wenn man sich das Ergebnis anschaut, ist jedoch eine Sache auffällig: Bestimmt 70 Prozent der genannten Programme laufen bereits mit Wine, auch die Top 10. Wir wollen aber sicherstellen, dass zukünftig für Windows entwickelte Software auch unter Linux funktioniert. Dies tun wir beispielsweise mit Mono. Denn mit .Net, C# und WindowsForms entwickelte Programme können mit Mono auch unter Linux genutzt werden. Das ist eine wichtige Sache, wir suchen aber auch nach einem anderen Weg, um beliebte Programme unter Linux zum Laufen zu bringen. Interessant ist, dass sich die gewählten Applikationen alle an Endnutzer richten. Als wir den SLED entwickelt haben, haben wir auch festgestellt, dass Nutzer im Büro Funktionen haben wollen, die man dort nicht erwartet: Musik-Player, Videosoftware, Kameraverwaltung und Ähnliches. Ist so etwas dabei, fühlen sich die Anwender wohler, auch wenn sie es in ihrem Alltag gar nicht brauchen.

Golem.de: Was für Reaktionen hat Novell auf die Usability-Seite BetterDesktop.org bekommen?

Friedman: Es gab sehr gute Reaktionen aus der Community. Das Tolle ist, dass Entwickler Anwender in Videos beobachten können. Unter normalen Umständen ist es für Linux-Entwickler schwer, gewöhnliche Nutzer für solche Tests zu finden, denn Linux-Nutzer kennen Linux-Nutzer. Windows-Nutzer für solche Tests zu gewinnen kostet sie Zeit, also haben wir das übernommen.

Auf Grund unserer Videos gab es bereits Änderungen an der Software und da wir weitere Tests durchführen, werden wir auch weitere Videos online stellen. Das Projekt läuft also weiter. Zusätzlich zu den öffentlichen Videos arbeiten wir aber auch intern daran. Es ist schön, einem unserer Entwickler so ein Video vorhalten zu können. Danach streiten sie sich nicht mehr mit uns, sondern sehen ein, dass sie etwas ändern müssen. Natürlich hat Novell auch intern Usability-Beauftragte, die sich Gedanken machen. Dort entstand auch das neue Startmenü und die Suchmaske.

Golem.de: Als Novell kürzlich AppArmor als Open Source freigegeben hat, gab es einige Kritik von Red Hat. Novell hätte stattdessen lieber Geld in SELinux investieren sollen, wie ist Ihre Antwort?

Friedman: Wenn man in die Fedora-Mailinglisten schaut, ist die am häufigsten gestellte Frage, wie man SELinux ausschaltet. Es ist kompliziert und verursacht viele Probleme. Ich habe versucht, es zu benutzen und es nie geschafft, denn man muss sehr viele Konfigurationsdateien ändern und Policys erstellen. AppArmor ist sehr einfach, es gibt einen Assistenten, der bei der Einrichtung hilft. Damit erstellt man ein Profil, indem man sich durch ein paar Dialoge klickt und dann ist man fertig. Die Leute sollten es einfach ausprobieren und sich dann eine Meinung bilden.

Golem.de: Soll denn noch weitere Software als Open Source veröffentlicht werden?

Friedman: Wir haben ja bereits eine Menge Software freigegeben, alleine mein Team hat in den letzten Jahren mindestens eine Million Codezeilen als Open Source veröffentlicht. Yast, Evolution und der Evolution-Exchange-Connector, Beagle, FSpot sind nur einige Beispiele für freie Programme von Novell. AppArmor haben wir gekauft und dann freigegeben. Dies gehört definitiv zu unserer Strategie.

Golem.de: Wann kommt denn die, in SLED 10 enthaltene, Visual-Basic-Makro-Erweiterung für OpenOffice.org in den Hauptzweig der Office-Suite?

Friedman: Das wird kommen, allerdings, es handelt es sich um eine große Änderung. Die OpenOffice.org-Entwickler wollen diese aber wohl übernehmen und unser Hauptentwickler für OpenOffice.org spricht derzeit mit ihnen. Er war dazu gerade in Hamburg. Wir wollen den Code auf jeden Fall in OpenOffice.org integrieren, da wir keinen großen Patch pflegen wollen. Das ist zu arbeitsintensiv, also sollte es in den Hauptcode gelangen.

Das Ganze wird zuerst mit SLED 10 veröffentlicht, da wir es hier bereits integriert haben und es funktioniert. Momentan wird es wohl noch niemand anders schaffen, diese Änderung in seine Produkte zu integrieren, doch je früher es in OpenOffice.org ist, desto besser. Wenn es morgen passieren könnte, ich wäre dafür.

Golem.de: Können Sie zum Schluss noch kurz zusammenfassen, was das Besondere an SLED 10 ist?

Friedman: SLED ist der größte Schritt vorwärts, den der Linux-Desktop je gemacht hat. Zum ersten Mal haben Büroanwender Zugriff auf all die Funktionen, die sie brauchen. Von E-Mail bis Kalender, von interoperatiblen Office-Dokumenten zu Multimedia, von Browsern zu Plug-and-Play, von Anwendungen für Musik bis zur Fotoverwaltung. All das ist da und kann eingesetzt werden. Auch die Usability wurde stark verbessert und es macht Spaß, damit zu arbeiten!


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