2005: Web 2.0 mit Vorratsdatenspeicherung
Blogs mehr als nur ein Hype
An Blogs, Podcasting und Social Software kam 2005 wohl keiner vorbei, auch hier zu Lande gab es einen regelrechten Hype, dem sich 2005 zunehmend mehr etablierte Medien anschlossen, auch auf dem Jonet Tag 2005(öffnet im neuen Fenster) waren diverse Formen von Micromedien tonangebend, von zahlreichen Spezialkonferenzen ganz abgesehen. Das Handelsblatt startet ein Blog-Netzwerk, O2 setzt auf mobile Blogs und zur Bundestagswahl hieß es Bloggen für den Wahlsieg, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Ein ganz besonderes sei noch herausgehoben, T-Online kehrte dem Thema Blogs im November wieder den Rücken.
Während Jonny Haeusler zusammen mit Gleichgesinnten und der Gründung der Spreeblick Verlag KG neue Wege beschreitet, fanden diverse Projekte und Unternehmen aus dem Blog-Umfeld neue Besitzer: So wurden Weblogs Inc. und Weblogs.com verkauft, Six Apart übernahm LiveJournal, der RSS-Aggregator Moreover ging an VeriSign und Konkurrent Bloglines an Ask Jeeves. Vor allem aber Yahoo schlug zu und sicherte sich Flickr, blo.gs und del.icio.us sowie Upcoming.org und die Widget-Software Konfabulator.
Dem Podcasting verlieh vor allem Apple einen Schub, ab der Version 4.9 bringt iTunes Unterstützung für Podcasting mit und zählte schon kurze Zeit später mehr als eine Million Podcast-Abos.
OpenBC konnte seine Erfolgsgeschichte in Sachen Social Software weiter fortschreiben. Nach dem Gewinn des deutschen Internetpreises 2004 folgten 2005 neue Finanzmittel in Höhe von 5,7 Millionen Euro zum Ausbau des Geschäfts. Der Verabredungsdienst dodgeball gehört hingegen nun Google.
Mit dem Hype stellen sich Bloggern aber auch ganz neue Fragen, aufgeworfen unter anderem von Apple, der Hersteller ging verstärkt gegen Gerüchte im Internet vor. SEOBook.com-Blogger Aaron Wall wurde wegen Kommentaren in seinem Blog verklagt, ähnlich wie hier zu Lande Heise.de. Die Electronic Frontier Foundation fordert vor diesem Hintergrund Presserechte für Blogger ein.
Suchmaschinen nähern sich den Bloggern aber nicht nur durch Übernahmen: Yahoo setzt Yahoo auf Social Search und integrierte zudem eine spezielle Blog- und Podcast-Suche; Google, mit Blogger.com schon eine Weile in der Blog-Welt präsent, folgte im September dann seinerseits mit einer Blog-Suche sowie einer entsprechenden Erweiterung für Firefox. Mit Flock gibt es zudem einen speziellen Blog-Browser auf Basis von Firefox.
Stellt man die Frage nach dem Einfluss der Blogs, geben Studien unterschiedliche Antworten: Fittkau & Maaß kommen mit ihrer Studie "W3B" zu dem Schluss, Weblogs sind ein überschätztes Phänomen, andere schreiben Blogs großen Einfluss zu.
Google erobert neues Terrain
Zudem verbündet sich Google mit Sun und AOL, investiert in Internet per Stromleitung, scannt Bücher, wird deswegen verklagt und bietet freie Bücher zum Download an. Die Konkurrenz rief derweil die Open Content Alliance ins Leben.
Eine Datenbank für fast alles und jeden soll Google Base darstellen und der Google Web Accelerator soll das Web beschleunigen. Google Earth bietet die Welt als Download an, auch mit Flickr-Fotos und Deutschlanddaten, eine Alternative kommt mit Virtual Earth von Microsoft. Google Maps kombiniert Satellitenbilder mit Kartendaten samt API wie auch Yahoo Maps.
Nebenbei wurde die Einkaufssuchmaschine Froogle überarbeitet, Werbung nach dem Vorbild von GoYellow mit einer Anruffunktion versehen und Gmail um Virenscanner und eine mobile Version erweitert. Ganz nebenbei schafft Google die Voraussetzungen für den Handel mit Domains und erlaubt die Eintragung eigener Webseiten mit Sitemaps. Letzteres gibt es auch bei Yahoo, zusammen mit einem Blick in deren Suchindex als Site-Explorer.
Auch im Kerngeschäft der Suche gab es Neues, darunter eine personalisierte Such-Homepage und die gezielte Suche nachCreative Commons, ähnlich wie zuvor schon Yahoo.
Wird Google zu mächtig?
Google selbst versucht, Bedenken durch gutes Benehmen entgegenzutreten, ausgedrückt in Projekten wie dem Summer of Code, der Unterstützung von Open-Source-Initiativen oder der philanthropischen Seite Google.org. Zudem beschäftigt Google namhafte Leute wie Vint Cerf, einer der Gründerväter des Internets, oder Python-Erfinder Guido van Rossum.
AJAX – weder Fußballclub noch Scheuersand
Opera werbefrei und mobil
Mozilla – von der Foundation zur Corporation
Obwohl die Mozilla-Entwickler Anfang 2005 fleißig an Version 1.8 der Browser-Suite arbeiteten und mehrere Vorabversionen veröffentlichten, wurde im März statt einer finalen Version die Einstellung der Entwicklung bekannt gegeben. Firefox und Thunderbird sollten stattdessen die Hauptapplikationen der Mozilla-Entwicklung darstellen, wobei die Stiftung ohnehin nie eine finale Version von Mozilla 1.8 geplant hatte, hieß es.
Doch es dauerte nicht lange, bis sich einige Entwickler zusammentaten, um die Mozilla-Suite unter ihrem bisherigen Code-Namen SeaMonkey weiterzuentwickeln. Bis zu einer ersten Beta-Version brachte es das Projekt im Dezember noch, die fertige Version möchte der SeaMonkey-Rat im Januar 2006 veröffentlichen.
Der E-Mail-Client Thunderbird und der Kalender Sunbird hingegen schafften es nicht bis zu einer neuen, finalen Version. Während Thunderbird zumindest für Januar 2006 in Version 1.5 versprochen ist, wird Sunbird wohl noch eine ganze Weile brauchen, bis es die Version 1.0 erreicht.
Abseits der Entwicklungsarbeit und der Software-Veröffentlichungen tat sich ebenfalls etwas: Die Mozilla Foundation gründete einen kommerziellen Ableger, der mit kostenpflichtigem Support für Firefox die Verbreitung des Browsers fördern soll. Für die Mozilla Corporation sind jedoch weiterhin die Ziele der Stiftung bindend und es geht nicht um eine Gewinnmaximierung, so dass auch kein Börsengang geplant ist.
Während die Stiftung sich allerdings nun auf die Lenkung der Mozilla-Projekte, die Infrastruktur und den Quelltext konzentriert, widmet sich die Corporation der Entwicklung von Endkundenprodukten inklusive des zugehörigen Marketings.
Aufmerksamkeit bekamen die Mozilla-Produkte auch von Google: So wurden nicht nur die Entwickler Mike Pinkerton, Brian Ryner und Ben Goodger von Google angeheuert. Vielmehr bietet der Suchmaschinenanbieter seit einiger Zeit auch diverse Erweiterungen für Mozilla Firefox an, darunter die Google Toolbar und ein Phishing-Schutz.
Internet Explorer 7 wirft seine Schatten voraus
Internet wird schneller und billiger
Verhältnismäßig wenige Schlagzeilen machte eBay, dafür aber aber umso größere: Mal ganz abgesehen davon, dass der Online-Marktplatz fast ungebremst weiter wächst und äußerst profitabel arbeitet, kaufte man mit Skype für gut 2 Milliarden US-Dollar die Gallionsfigur unter den VoIP-Anbietern. Nicht auslassen sollte man an dieser Stelle das Thema Breitband, ohne das viele der aufgezeigten Entwicklungen kaum möglich wären: Obwohl sich der Wettbewerb der Breitband-Anbieter weiter in Grenzen hält, hat der Preiskampf zwischen den DSL-Anbietern die Preise für DSL-Flatrates in Ballungsgebieten auf rund 5,- Euro pro Monat sinken lassen, die Preise für einen DSL-Anschluss blieben weitgehend konstant, allerdings bei steigenden Bandbreiten. Für 2006 dürfen sich Nutzer auf weiter steigende Bandbreiten freuen, erste Anbieter wie beispielsweise Versatel und AOL machten es mit ADSL2+ und bis zu 20 MBit/s bereits vor, die Telekom kündigt mit VDSL schon einen weiteren Schritt auf dem Weg hin zu 50 MBit/s an.
Urheber- und Bürgerrechte zwischen den Fronten
In Frankreich zeichnete sich Ende 2005 ein bizarrer Streit ums Urheberrecht ab: Eine geplante drastische Verschärfung des Urheberrechts, von der sich auch Entwickler freier Software bedroht sahen, wurde nicht im Schnelldurchlauf vor Weihnachten verabschiedet, stattdessen brachte eine kleine Gruppe Abgeordneter eine Legalisierung von Tauschbörsen auf den Weg – unter dem Strich eine interessante Ausgangsposition für 2006. In Kanada ging ein Gesetzesvorschlag zum Schutz von Urhebern so weit, dass er gleich das Cachen von Webseiten in Frage stellte.
Hier zu Lande wurde der zweite Korb der Urheberrechtsnovelle auf Grund der Bundestagswahl verschoben. Die Ideen dabei könnten unterschiedlicher nicht sein: Die Musikindustrie hätte beispielsweise gern eine verlängerte Schutzfrist für Tonträger von 95 Jahren, ein Sendeprivileg sowie die Abschaffung der Privatkopie. Das Projekt FairSharing hingegen setzt sich für eine Legalisierung von Musik- und Filmtausch ein. Die Verwertungsgesellschaften, allen voran die VG Wort, pochen weiterhin auf Pauschalabgaben auf PCs und PC-Zubehör, was die Gerätehersteller auf die Palme bringt. Sie setzen auf DRM statt Pauschalabgaben, während die VG Wort durch die Urteile zu ihren Gunsten das Recht der Bürger auf privates Kopieren nachhaltig gestärkt sieht.
Derweil kommt Jochen Haller in seiner Dissertation zum Thema Urheberrecht zu dem Schluss, "Weniger Schutz ist besser für die Gesellschaft". Leonardo Chiariglione, Gründer des MPEG-Standards, sieht in einer Kultur-Flatrate keinen Gegensatz zu DRM und die OECD empfiehlt der Musikindustrie unterdessen, sie solle sich die neue Technik zunutze machen.
Unabhängig von der Urheberrechtsnovelle freut sich die Musikindustrie aber über Pläne der Bundesregierung im Rahmen der EU-Duchsetzungsrichtlinie: Der Gesetzentwurf soll den Kampf gegen Produktpiraterie erleichtern und die Stellung von geistigem Eigentum stärken. Unter anderem wird auch ein Auskunftsanspruch gegenüber Dritten, z.B. Providern, eingeräumt.
Besonders pikant sind diese Pläne vor dem Hintergrund der auf EU-Ebene beschlossenen Vorratsdatenspeicherung, die von Datenschützern als verfassungswidriger Eingriff in das Telekommunikationsgeheimnis und in den Datenschutz abgelehnt wird. Mit der geplanten Speicherung aller Verbindungsdaten über bis zu 24 Monate drohe Europa von einer freiheitlichen Informationsgesellschaft zum digitalen Überwachungsstaat zu werden.
Für die Musikindustrie war 2005 ein durchaus erfolgreiches Jahr, zumindest wenn man glaubt, dass Tauschbörsen Musikern schaden. Der US-Supreme-Court machte Anbieter von Tauschbörsen-Software haftbar für Urheberrechtsverletzung, einige machten daraufhin dicht. Kazaa bietet seine Software derweil in Australien nicht mehr an.
Aber nicht nur Tauschbörsen sind im Visier der Musikindustrie, auch Anbieter, die meinen, Lücken in der Verwertungskette auszunutzen, standen unter Beschuss; Weblisten.com machte dicht, Allofmp3.com versuchte man durch Link-Verbote unsichtbar zu machen. Auch Links auf Slysoft, die Software des Herstellers kann Kopierschutzsysteme umgehen, werden angegriffen, selbst in redaktionellen Umfeldern. Das letzte Wort ist hier aber noch nicht gesprochen, der betroffene Heise-Verlag kündigte im Kampf um die Pressefreiheit Verfassungsbeschwerde an. In einem anderen Streitfall, in den Heise verwickelt ist, steht die Existenz von Foren auf dem Spiel. Die Frage ist, ob der Heise-Verlag mehr als 200.000 Foren-Beiträge im Monat vor Veröffentlichung auf Rechtsverstöße prüfen muss.
Das für die Musikindustrie wichtige Thema Urheberrechte treibt 2005 interessante Blüten: Sony BMG blamierte sich mit dem völlig misslungenen Kopierschutz der Firma First4Internet, US-Lehrbuchverlage wollen Lehrbücher künftig digital anbieten, nutzbar bei minimalem Preisvorteil gegenüber dem Neukauf der gedruckten Version, aber nur für ein Semester.
Für die Rechte der Nutzer setzt sich derweil das Projekt iRights.info ein. Hier geht es vor allem um Aufklärung über die rechtliche Situation aus Sicht des Kunden.
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